Tante-Emma-Laden
Tante-Emma-LadenFoto-Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Lebensmitteleinzelhandel_in_den_1950er.jpg

Für 20 Pfennig Eiskonfekt - Tante Emma und das süße Glück der Kindheit

Christine Kammerer
Beitrag von Christine Kammerer

Tante Emmas Laden war ein kleines Paradies. Ihr Reichtum aus Kinderaugen unermesslich. Wertvolle Schätze türmten sich auf der Ladentheke: riesige Gläser bis zum Anschlag gefüllt mit sauren Drops, bunten Bonbons und Liebesperlen, appetitlichem Eiskonfekt und hübsch dekorierten Pralinen - all den kostbaren Leckereien, die Kinderherzen höher schlagen ließen.

Tante Emma hielt meistens gerade ein ausführliches Schwätzchen mit einer Kundin und beachtete uns Kinder dabei kaum, so dass man währenddessen ungestört staunen und stöbern und seine Nase an den Glasvitrinen mit Kuchen und Wurstbrötchen, eingelegten Gurken und mariniertem Fisch plattdrücken konnte. Jedes noch so kleine Eckchen im Laden war prall mit Waren gefüllt und man entdeckte darin immer neue wundersame Sachen, die die Neugier anfachten: hübsche Holzkistchen mit dicken Zigarren darin, eingelegte Heringe, deren Augen einen von der Seite anstarrten, duftende Seifen und Waschpulver mit Bildern von hübschen, modisch gekleideten Frauen darauf. Nur anfassen durfte man leider nichts von all den schönen Dingen, sonst erhob Tante Emma sofort mahnend den Finger.

Oh, ihr süßen Eistörtchen!

Monatsende. Man hatte das ganze Taschengeld gespart, obwohl man eigentlich nicht so recht wusste, wofür. Doch die Erwachsenen legten einem das Sparen ans Herz und was brauchte man schon wirklich? Aber der Einkauf für Mutter gehörte definitiv zu den Pflichten, die man gerne erledigte, denn es gab immer wenigstens ein, zwei Bonbons von Tante Emma oben drauf. Die Säuerlichen, die umso köstlicher schmeckten, je seltener man sie bekam.

Durfte man sich zehn Schokoladen-Eistörtchen extra gönnen? Oder vielleicht sogar 20? Bei so viel Übermut gefror einem dann doch das Blut in den Adern – 20 waren wohl allzu gewagt! Die eigenen Groschen wurden sorgsam gehütet und auch wenn Tante Emma dick und freundlich war, so war sie doch eine Erwachsene und somit das personifizierte schlechte Gewissen. Also bat man schließlich verschämt um eine bescheidene Menge der süßen Naschereien. Und ein Tütchen Brause...

Ahoj, blauer Matrose!
Auch Limo war damals noch Luxus. Wir liebten die süßsäuerliche Geschmack-Explosion und das leise Prickeln auf der Zunge. Leider bekamen wir das köstliche gelbe Blubberwasser meist nur auf Familienfeiern in der Gastwirtschaft. Aber zum Glück gab es auch Limo in Tütchen: Die „Ahoj-Brause“ oder - wie der Hersteller auf die Packung druckte - das „Brauselimonaden-Pulver für alle Bevölkerungsschichten“. Der kleine Matrose eroberte in Windeseile die Herzen aller Schleckermäuler, denn das lustige Prickelpulver sorgte garantiert für Glücksgefühle.

Ein klingelndes Ladenkassen-Ungetüm
Kein Strichcode, kein Computer, keine Plastiktüten. Die Waren wurden feinsäuberlich in alte Zeitungen gewickelt oder in Papiertüten verpackt. Und um die alte Ladenkasse – das klingelnde und klappernde Ungeheuer, deren großes Maul das viele Geld mit lautem Rattern schluckte - beneidete beinahe jeder von uns kleinen Kunden Tante Emma sehnlichst. Tante Emma musste die glücklichste Frau der Welt sein! Der Beruf einer Verkäuferin im Tante-Emma-Laden erschien vielen Kinden so erstrebenswert, dass ein gut gefüllter Kaufladen in Miniatur damals in fast keinem Kinderzimmer fehlen durfte.

Von den alltäglichen Mühen, mit denen das harte Brot der kleinen Läden verdient wurde und dem traurigen Schicksal, das sie bald darauf ereilen sollte, ahnten wir damals noch wenig.