Maibaum in Bruckmühl/Götting
Maibaum in Bruckmühl/GöttingFoto-Quelle: Sven Petersen, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:4060_-_Maibaum_Goetting.jpg

Der Maibaum-Klau – uraltes Brauchtum im Wandel der Zeit

Christine Kammerer
Beitrag von Christine Kammerer

Alljährlich entbrennt in vielen Dörfern und Gemeinden ein erbitterter Wettstreit um den schönsten Maienbaum. Doch woher rührt die uralte Tradition des Maibaum-Aufstellens und was hat es mit dem althergebrachten Brauch des Maibaum-Raubs auf sich?

Die Ursprünge liegen im Dunklen

Schon die alten Wikinger stellten in der Nacht zum 1. Mai einen so genannten „Thorsbaum“ auf – einen etwa zwei Mann hohen und mit Blumen geschmückten Baum, der Stärke und Wachstum symbolisierte. Auch die Germanen hielten die Wälder in Ehren und pflegten verschiedene Baumriten, doch danach verlieren sich die Spuren bis zum frühen Mittelalter im Dunklen der Geschichte.

Das Maibaum-Aufstellen wird erst wieder 1224 urkundlich erwähnt, weil ein Priester in Aachen so sehr Anstoß an diesem Ereignis genommen haben soll, dass er den Maibaum kurzerhand mit der Axt fällte und sogar den Vogt herbeizitierte. Der allerdings stellte sich auf die Seite des Volkes und seither schwärt angeblich der Konflikt zwischen der im Volksglauben tief verwurzelten Tradition und dem Dogma der Kirche, die das alte heidnische Brauchtum ausmerzte oder es zumindest in christliche Rituale ummünzte.

Der Maibaum als Symbol der Fruchtbarkeit

Auch darüber, was es mit dem Rauben des Maibaums auf sich hat, schweigen sich die Annalen aus. Nachdem es sich aber sehr wahrscheinlich um ein heidnisches Symbol der Stärke, des Wachstums und der Fruchtbarkeit handelte, liegt die Vermutung nahe, dass dieses Ritual den Charakter einer magischen Handlung hatte: Der Baum sollte dem Dorf Glück bescheren und Unheil von ihm fernhalten. Doch natürlich bestanden zwischen benachbarten Dörfern auch Neid und Zwistigkeiten um angrenzende Äcker, den fruchtbareren Boden, die reichlichere Ernte und damit das bessere Auskommen und wirtschaftliches Wohlergehen. So raubte man dem Nachbardorf mit dem Maienbaum symbolisch die Stärke und handelte dann einen neuen Bund aus, weil man wusste, dass man den Widrigkeiten nur gemeinsam trotzen konnte.

Der Maibaum-Klau heute

Früher wurde der Baum für gewöhnlich in der Walpurgisnacht geschlagen – heute wird er oft schon lange vor dem großen Ereignis gefällt und muss von da an sorgsam bewacht werden. Denn aus dem alten Brauchtum hat sich eine Art Volkssport entwickelt und die "gegnerischen" Dörfer lassen keine Gelegenheit aus, den Maibaum bei Nacht und Nebel zu entwenden. Und das gelingt trotz bester Bewachung immer wieder auf spektakuläre Weise, denn immerhin lässt sich ein 30 Meter langer Baumstamm nicht gerade einfach befördern oder gar unauffällig aus dem Dorf schaffen.

Nach alter Tradition darf der Maibaum nur in der Walpurgisnacht entwendet werden und auch nur dann, wenn er sich bereits innerhalb der Dorfgrenzen befindet. So entbrennen regelmäßig erbitterte Streitigkeiten, wenn sich die Diebe einen Stamm, der zum Maibaum auserkoren wurde, schon im Wald aneignen. Nachdem sich allerdings in jüngster Zeit die Fälle häufen, in denen die über Jahrhunderte hinweg geltenden, ungeschriebenen Regeln missachtet und Maibäume sogar gewaltsam geraubt wurden, sah man sich inzwischen genötigt, die Regeln schriftlich festzuhalten (niedergeschrieben vom oberbayerischen Bezirksheimatpfleger Paul Ernst Rattelmüller):

  • Nur heimlich und unentdeckt darf der Baum gestohlen werden - je raffinierter die List, umso besser.
  • Frevelhaft ist es, den Baum zu zersägen oder zu beschädigen.
  • Werden die Räuber innerhalb der Gemeindegrenze beim Abtransport überrascht (d.h. es genügt, wenn einer der Bewacher seine Hand auf den Baum legt), müssen sie ihre Beute (kampflos) zurückgeben
  • Aufgestellte Bäume dürfen nicht mehr gestohlen werden.
  • Nur der Baum und nicht die Tafeln, Kränze, Schaarn usw. sind Diebesgut.
  • Nach Versöhnung und Auslösung ist wieder Friede.
  • Das Brauchtum des Maibaum-Stehlens soll so gehandhabt werden, dass Juristen unnötig sind.

Auslösung oder Schandbaum

War der Maibaum-Klau erfolgreich, beginnen unter Zuhilfenahme von reichlich Gerstensaft zähe Verhandlungen zwischen Räubern und Bestohlenen um die Herausgabe. Das Lösegeld für die Diebe besteht in einem beachtlichen Quantum Bier und einer ausgiebigen Brotzeit, die sodann bei einem ausführlichen Festgelage von beiden Dörfern gemeinsam konsumiert werden. Aber natürlich kann es auch vorkommen, dass die Verhandlungen scheitern. Dann stellen die Diebe den geraubten „Schandbaum“ im eigenen Dorf auf. Er wird schwarz gestrichen, mit Hühnerfedern beklebt und oft auch mit einer Tafel geschmückt, auf der Spottverse über das geschändete Dorf geschrieben stehen.

Linktipp: Der Maibaum - Zwischen Himmel und Menschen (Sehr ausführlicher und informativer Artikel über Tradition und Symbolik des Maibaums)