Buchtipp: Ernst Jünger: "In Stahlgewittern"
Buchtipp: Ernst Jünger: "In Stahlgewittern"Foto-Quelle: ©Joerg Trampert / www.pixelio.de

Buchtipp: Ernst Jünger: "In Stahlgewittern"

Beitrag von wize.life-Nutzer

Ernst Jüngers erster Roman „In Stahlgewittern“ ist aus Kriegstagebüchern entstanden und erschien erstmals 1920. Der Roman erzählt die unmittelbaren Erlebnisse eines Stoßtruppenführes im ersten Weltkrieg, der zum Infanterieoffizier aufsteigt und hochdekoriert aus dem Krieg entlassen wird. Chronologisch beginnt der Roman im Frühjahr 1915 in der Champagne, erzählt vom Stellungskrieg bei Arras, den Schlachten in Flandern und Cambrai, von der Schlacht an der Somme bis zur Frühjahrsoffensive 1918. Es gibt keine Stelle in dem Roman, wo über politisch-gesellschaftliche Ursachen des Krieges reflektiert wird. Dem Leser wird die unmittelbare Brutalität des Krieges vorgeführt. Im Laufe von fast sechzig Jahren wurde das Buch mehrmals überarbeitet. Die im Jahre 1924 eingefügten nationalistischen Passagen wurden 1934 wieder gestrichen, weil Ernst Jünger mit den Nationalsozialisten nichts am Hut hatte und sich von ihnen distanzieren wollte. Spätere Eingriffe galten stilistischer Natur, auch wurde die Darstellung der Kriegsgräuel abgemildert. Trotzdem enthält die letzte Fassung aus dem Jahre 1978, die ich mir vorliegt, noch genug davon, um abschreckend zu wirken.

Für uns ist es heute unvorstellbar, dass junge Menschen aus ihrer Ausbildung herausgerissen wurden und „zu einem großen, begeisterten Körper zusammenschmolzen“. Ihnen erschien der Krieg als „eine männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen.“

Ernst Jünger erzählt, dass er „im Kriege immer bestrebt war, den Gegner ohne Haß zu betrachten, und ihn als Mann seinem Mut entsprechend zu schätzen.“ Er bemühte sich, „ihn im Kampf auszusuchen, um ihn zu töten.“ Von seinem Gegner erwartete er nichts anderes. Bei den unzähligen Granaten, die über ihren Köpfen heulen und fauchen, in dem stickigen Rauch, der von Leuchtkugeln „unheildrohend bestrahlt „wird, bei dem ohrenbetäubenden Lärm, bei dem sie sich nur „durch abgerissene, gebrüllte Worte verständigen“ können, dort wo „die Fähigkeit des logischen Denkens und das Gefühl der Schwerkraft“ aufgehoben schien, sind sie dem „Empfinden des Unentrinnbaren“ ausgeliefert und der Kampf erscheint ihnen als eine Notwendigkeit, wie ein „Ausbruch der Elemente.“

Da wüten zwei Artillerien gegeneinander und gleichzeitig bricht ein Gewitter aus, da vergleicht Jünger den Kampf auf dem Schlachtfeld mit der Schlacht zwischen den homerischen Göttern und den Menschen, in der die Menschen mit den Göttern wetteifern. Solche Vergleiche sind hilflose Versuche, um dem Gemetzel eine tiefere Bedeutung zu verleihen und geschehen wahrscheinlich nur aus Verzweiflung, weil in diesem Kriegsgräuel niemand mehr klar denken kann und sich einem höheren Schicksal ausgeliefert sieht. Wenn Ernst Jünger einen Arzt als einen „blutigen Handwerker“ bezeichnet, der einen „Schädel aufmeißelt“, und die des Nachts „umherirrenden Versprengten“ ihn als „Dämonen“ vorkommen, dann ist vielleicht zu begreifen, wie unwirklich diese Kriegssituation den Soldaten erschien. Manche Situationen kam ihnen sogar „lächerlich“ vor. So erfolgte während einer Offiziersbesprechung ein Angriff. Trotz der Gefahr erschien es „lächerlich … wie die Gesellschaft auseinanderspritzte, auf die Nase fiel, sich mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Hecken zwängte und blitzschnell in allen möglichen Deckungen verschwunden war.“ Ernst Jünger jongliert zwischen naturverbundener Kriegpoesie bis hin zur Umschreibung brutalster menschlicher Verstümmelungen.

Sie sind Gasangriffen ausgesetzt. Das Chlor ätzt und verbrennt die Lungen. Pflanzen welken, Schnecken und Maulwürfe sterben, aus den Mäulern und Augen der Pferde fließt Wasser. Auf dem Kirchhof werden die Toten bestattet. Der Pfarrer beginnt seine Grabrede mit folgenden Worten: „Gibraltar, das ist euer Zeichen, und fürwahr, ihr habt gestanden wie der Fels im brandenden Meer.“ Solche Worte tragen aus heutiger Sicht nur Spott und Hohn. Ernst Jünger wollte mit dem Zitat wohl den Wahnsinn dieses Krieges noch einmal deutlich in den Fokus stellen.

Quelle: Ernst Jünger, „In Stahlgewittern“, Klett-Kotta, Stuttgart, 2014, e-book