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KirchenbuchseiteFoto-Quelle: E. Lengert

Faszination Familienforschung

Beitrag von wize.life-Nutzer

Was ist denn an Genealogie (Ahnenforschung) so spannend?

Das Sammeln von Namen und Daten längst verstorbener Menschen, das Stöbern und Recherchieren in Archiven und alten, staubigen Büchern, deren Handschrift oft nicht gut zu entziffern ist, hört sich doch eigentlich dröge und langweilig an.

Aber, wer sich einmal mit der Familienforschung beschäftigt kommt niemals mehr richtig davon los. Es ist wie ein Virus

Durch die Generationen der eigenen Vorfahren zurück durch die Geschichte zu wandern, macht neugierig und bringt Einblicke in die Lebensweise und persönlichen Verhältnisse der Menschen, von denen man abstammt.
Woher komme ich? Wie haben meine Ahnen gelebt, gewohnt, gearbeitet?
Der geweckte Forscherdrang lässt einen Dinge erfahren, wie es ihnen ergangen ist, im Kontext der Historie. Wie hat es uns geprägt, was haben wir mitbekommen? Die Liebe zu einem Beruf, den Hang zu einer Lebensweise, oder nur einen gewissen Vornamen? Man will immer mehr wissen, noch mehr Vorfahren kennen.

„ Wer um die Wurzeln seines Lebens weiß, kann seinen Gedanken, Worten und Werken Flügel verleihen" (Ernst Ferstl)

Die Faszination lässt einen nicht mehr los.
Ich fing mir den Virus vor über 30 Jahren ein und er ist bis heute resistent geblieben. Zu dieser Zeit waren die Recherchemöglichkeiten noch nicht so einfach wie heute. Man musste auf jeden Fall selbst in die Archive fahren und die alten Kirchenbücher wälzen, Handschriften in Kurrent und Sütterlin entziffern. Es gab zwar schon Familienbücher, handschriftlich oder mit der Schreibmaschine getippt, aber sie waren rar.

Doch zunächst galt es familiäre Schriften auszuwerten. Da einer meiner Großväter für eine Anstellung beim Staat (als Waldarbeiter) seine Abstammung nachweisen musste, kam ich sehr schnell bis zu meiner Ururgroßelterngeneration, dann die Standesämter, danach waren dann nur noch die Kirchenbücher und Steuerlisten gefragt, weil es standesamtliche Aufzeichnungen frühestens ab 1798 gibt.

Ich musste mein Hobby auch noch verteidigen. Frage mich jemand nach meinen Hobby, beäugte man mich komisch und meinte nur: „Ich dachte, das wäre ein Hobby für alte Männer im Rentenalter“.

Endlich andere Virusträger finden.
Bald fand ich einen Verein, WGfF dem ich heute noch angehöre und dort wurde ich verstanden, konnte fachsimpeln, klönen, gemeinsam forschen.
Und die Recherchemöglichkeiten erweiterten sich enorm, weil es dort Autoren gab, die peu a peu die alten Kirchenbücher eines Ortes, einer Pfarrei zu Familienbüchern verarbeiteten, was eine enorme Erleichterung für jeden Familienforscher bedeutet, der Vorfahren aus diesen Orten hat.
Ich lernte sogar Cousins kennen, bzw. Groß-Groß-Cousins. Das heißt Menschen, die, dieselben Vorfahren haben wie ich. Zunächst regelrecht verblüfft darüber, aber schnell erkennend, wenn 2 Leute aus dem gleichen Dorf im Hunsrück Vorfahren haben, dann sind sie garantiert miteinander verwandt und es wäre eher unnormal keine „Cousins“ zu finden. Hin und wieder fand ich auch eine Cousine, denn zwar waren diese Familienforscher entgegen der landläufigen Meinung nicht nur alte Männer, aber Frauen waren trotzdem in der Minderzahl. Wenn ich dann später andere Leute traf, mit Vorfahren aus demselben Ort, dann war die erste Frage, nicht OB wir Ahnengemeinschaft haben (so nennt man das nämlich), sondern WEN und verglichen unsere Aufzeichnungen.

Mit Hilfe meiner Vereinskollegen, Wälzen von Bücher und der Eigenrecherche in den Archiven mein Lieblingsarchiv, das Bistumsarchiv in Trier tauchte ich Jahr für Jahr immer weiter in die Vergangenheit ein und reihte Vorfahre an Vorfahre, Generation an Generation. Die Orte an denen ich forschen musste wurden zahlreicher, da die meisten meiner Vorfahren, einkommensbedingt von Ort zu Ort zogen, sodass ich derzeit Vorfahren aus dem halben Hunsrück, der Südeifel, der Stadt Trier, und Luxemburg habe.
Buch um Buch wurde selbst angeschafft, später auch CDs, sodass ich fast ein ganze Billy-Regal voll habe mit Familienbüchern. Später fast nur noch Bücher in digitaler Form. Ich nutze eine spezielle Genealogiesoftware um meine Ergebnisse aufzuzeichnen und zu erhalten.

Lebendige Vergangenheit.
Die Vergangenheit, die Lebensweise meiner Ahnen wurde für mich lebendig und hin und wieder rührt ein Satz ganz besonders. Der königliche Revierförster der von Wilderen aufgehangen wurde. Ein Ackerer (Landwirt) der in einem strengen Winter auf dem Weg von einem Ort zu einen anderer Ort erfroren aufgefunden wurde. Ein Ehepaar, das so arm waren, dass sie im Wald lebten und Zunder sammelten und verkauften zum Lebensunterhalt. Wie gut, dass eine ihrer Töchter das überlebt hatte, da sie meine Vorfahrin ist. Der Witwer mit 8 Kindern der nach dem Tod seiner Frau wieder heiratete, heiraten musste, es musste ja jemand die Kinder versorgen und weitere 8 Kinder folgten

Als Namen noch nicht viel bedeutet haben.
Ich lernte, früher waren Namen wirklich wie Schall und Rauch, denn es gab eine Zeit, da waren sie nicht festgeschrieben und es war auch fast egal wie man hieß oder sich schrieb. Den Leuten war es nicht so wichtig wie heute. Schreiben konnte die meisten eh nicht und der Pfarrer hat ja nur nach Gehör den Namen in die Kirchenbücher eingetragen und mal als Hochdeutsch und mal im Dialekt. So kamen die unterschiedlichsten Schreibweisen zusammen und man muss flexibel sein beim Suchen nach den Namen.
So wurde aus Weins schon mal Waintz, aus Klinkhammer, Glindlahmer, aus Daffnier wurde Taffner, aus Kreffs wurde Greifs, aus Gröwer wurde Kreber um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Sogar mein eigener Familienname gibt es erst seit 1770, davor hießen sie Lang. Warum aus Lang innerhalb von 20 Jahren dann Lengert wurde kann ich bis heute nicht mit Sicherheit sagen, trotz intensiver Recherche.

Aber nicht nur das. Hin und wieder wechselte der Nachname vollkommen, ohne Bezug auf den vorherige. So wurde aus einem Müller ein Dörbach. Das hat damit zu tun, dass Namen nicht nur oft aus einer Herkunftsbezeichung oder Berufsbezeichnung besteht, sondern dadurch der Name erst entstanden ist.

Ein Müller namens Müller, der dann nicht mehr Müller hieß
Mein Müller hieß Müller, weil er Müller von Beruf war und als Müller auf einer Mühle in Dörbach arbeitete, wie sein Vater. Klar, oder? Er zog dann nach Trier um dort auf einer anderen Mühle zu arbeiten. Es dauerte nicht lange und er war nicht mehr der Gerlach Müller, sondern der Gerlach Dörbach, weil er halt aus Dörbach kam. Seine Kinder und Enkel wurden dann schon unter diesem Namen getauft und somit dokumentiert. Das ist nur Beispiel, so oder ähnlich kam es sehr oft vor.
Das heißt allgemein, habt ihr einen Nachnamen der eigentlich ein Ort ist, dann könnt ihr sicher sein, dass ein Vorfahre von euch, auch wenn es schon 200-300 Jahre her sein kann, aus diesem Ort stammte. Auch aus Berufen entwickelten sich Nachnamen (Müller, Mayer, Schmitt, Schmitz, Wagner)
Viele Nachnamen entwickelten sich auch aus Vornamen. Theis, Theisen, Thiesen, Thesen,Mattheis usw. haben ihren Ursprung bei Matthias. Ist auch noch nachvollziehbar. Aber wer kommt darauf, dass der Nachname Plunien von einer Vorfahrin namens Apollonia kommt?

Hausname statt Mannesname
Und dann gab es noch eine Art der Weitergabe des Nachnamens, die heute bei sehr vielen auf Unverständnis stößt und manche, dann den Verdacht haben, wenn sie den Hintergrund nicht kennen, der Pfarrer hätte sich verschrieben oder es wäre gar eine nichteheliche Geburt. Aber nein. Es gab eine Zeit und Gegend, da war es der Name des Hauses, der Familienname wurde. Und wenn der Haus- und Hoferbe eine Tochter war und der Mann „nur“ einheiratete, dann verlor er seinen Namen, nicht sie.

Womit wird der Lebensunterhalt verdient?
Ich habe viele Ackerer, Tagelöhner, Mägde, Schäfer und Hirten unter meinen Vorfahren, aber auch Dachdecker, Nachtwächter, Mayer, Müller, Förster , Zimmermann, Schmied, Leyendecker, Leinenweber, Schieferbrecher, Holzhauer, Erzgräber, Hebamme, Weber, Gärtner
Einer meiner Vorfahren (Stumm) hatte 2 Brüder, der eine war Orgelbauer und Stammvater einer berühmten Orgelbauerfamilie im Hunsrück, der andere der Stammvater der Familie die die Stahlindustrie im Saarland begründete. Meiner war „nur“ Landwirt geblieben

Einen Hofbaumeister Thomas Petry des Fürsten zu Salm, kann ich noch bieten, der hat mehrere katholische und evangelische Kirchen gebaut. Manche kamen von weiter her, einer aus der Schweiz (Davos) und einer aus Österreich (Freistatt), ansonsten war das weiteste Mainz und Mannheim. Der Enkel des Österreichers war Amtsbote eines Grafen auf der Schmidtburg im Hunsrück (heute eine Ruine) und einer seiner anderen Urgroßväter ein evangelischer Pfarrer. Den muss ich erwähnen, da nämlich 90 % meiner Vorfahren katholisch waren.

Also keine adligen Vorfahren und auch keine wegen ihrer Religion Verfolgten. Auch kein Weg zu Karl dem Großen, den viele gerne als ihren Vorfahren hätten. Einfach nur normale Leute, die in ihren Dörfern lebten und arbeiteten und in ihrer Summe dann irgendwann zu mir führen.
Nun, aber sonst wäre ich ja nicht ich.

„Man muß wissen, woher man kommt, wenn man wissen will, wer man ist. Wir sind nicht nur wir selber. Wir sind auch unsere Herkunft. In unsere Gegenwart sind die Wünsche, die Lebensbilder, die Lebenserwartungen der Menschen eingegangen, die vor uns gelebt haben. Sie aufzuspüren heißt, sich selber kennenlernen.“ Prof. Dr. Fulbert Steffensky

Das mit den Vornamen früher ist auch so eine Sache.
Es gab nicht viele. Sozusagen die Top Ten der Vornamen waren auch die einzigen die verwendet wurden. Das hatte den Hintergrund, das es üblich war, jedenfalls hier in RLP, Saarland, dass das Kind den Vornamen des Paten/Patin bekam. Also niemand suchte den Namen eines Kindes aus. Denn der stand fest, sobald feststand, wer Pate wurde. Und oft war die Patenreihenfolge auch noch festgelegt. Lebten die Großeltern noch, dann wurden sie Pate, danach die Geschwister der Eltern, danach weitere Verwandte.
Aber diese damalige Praxis hilft auch, bei unklarer Aktenlage, weitere Vorfahren zu finden, über die Patenanalyse. Andererseits, wenn es direkt 4 „Johann Müller“ in einem Dorf zur gleichen Zeit gibt, das erschwert wiederum die Recherche.
Da so die Vornamen vorgeschrieben waren, gab es nicht viel Auswahl und es war egal ob es den Vornamen schon bei den Kindern gab. Spitznamen und andere Varianten gaben vielfältige Möglichkeiten, die Kinder zu benennen. Der 1. Johann war dann der Hans, ein weiterer der Hannes, oder Häns. Aus Nikolaus wurde dann Klaus und Nikla und Clas

Hier die damalige „Top Ten“der Vornamen: Johann, Matthias, Nikolaus, Josef, Andreas, Heinrich, Wilhelm, Thomas, Katharina, Maria, Anna, Elisabeth, Barbara, Margarethe, Agnes, Angela, Susanna, Magdalena.
Aber, man trifft auch auf Vornamen, die man verblüfft betrachtet: Vitus, Gerlach, Dielmann, Culmann, Jodoc, Servatius

Ein Blick bis zu 500 Jahre zurück
Meine ältesten gefunden Vorfahren haben um 1500 gelebt, das war vor 500 Jahren. Es geht 15 Generationen zurück!
Um mal die Relation zu verdeutlichen. In dieser 16. Generation habe ich 16.384 Vorfahren und davon kenne ich sage und schreibe ZWEI mit Namen und Wohnort. Aber es gefällt mir sehr, soweit zurück gekommen zu sein

Das hat auch damit zu tun, dass ich halbe Hunsrückerin bin. Im Hunsrück hat man sehr früh die Vorgabe umgesetzt, Taufen, Heiraten und Sterbefälle aufzuzeichnen. Und zwar in den sogenannten Kirchenbüchern. Zum Teil beginnen diese schon um 1550. In anderen Gegenden oft erst um 1730. Und ohne die Kirchenbücher ist man aufgeschmissen, wenn man keine adligen Vorfahren hat. Es gibt zwar noch die sogenannten Steuerlisten und Notarsakten, (und andere Listen, auf die ich jetzt nicht eingehen möchte, wie z.B. Feuerstättenverzeichnisse) aber was ist, wenn die eigenen Vorfahren keine Steuern gezahlt haben? Oder halt keinen Grundbesitz oder Häuser kauften und verkauften oder ihr Erbe bei einem Notar hinterlegten? Und das war nun mal nicht so, bei meinen Ackerern und Hirten.

Zum Teil habe ich Ahnenstränge, bei denen früh Schluss ist mit dem Forschen. Bei den nichtehelichen Kindern. Da gibt es kein Wenn und Aber, es geht ohne Angabe des Vaters schlichtweg nicht mehr weiter.

Wenn Oma und Opa verwandt sind
Und da gibt es noch den sogenannten Implex , also, den Ahnenschwund. Das heißt, ein Vorfahrenpaar kommt mehrmals vor. Ich habe mehrere dieser Paare, wo ich von mindestens 2 der Kinder abstamme.
Meine Großeltern väterlicherseits und mütterlicherseits haben jeweils gemeinsame Vorfahren und das mehrfach. Aber immer so weit entfernt, dass sie selbst das nicht mehr wissen konnten. Also 4 oder 5-7 Generationen zurück.

Es hört nie auf
Ich habe bei mir selbst schon fast alle Forschungs- und Recherchemöglichkeiten ausgeschöpft. Nur hie und da kommt noch ein kleines Puzzleteil zum Vorschein
Das hält aber eine Familienforscherin wie mich, mit dem resistenten Virus, nicht ab! So habe ich in den letzten Jahren auch die Vaterseite meiner Kinder erforscht. Dann kamen die Vorfahren meiner Nichten und Neffen dran.

Dazu habe ich schon früh begonnen, Sippenforschung, also Nachkommenforschung zu betreiben. Das heißt, in meinem Fall, dass ich ausgehend von 2 meiner frühesten bekannten Vorfahren und zwar von den Namen meines Vater Lengert und meiner Mutter, Stadler ausgehend alle Nachkommen recherchiert habe und es noch immer tue. Aber nicht nur Namensträger, sondern alle Nachkommen dieser beiden Männer. Das ist auch total spanndend

Das hat auch damit zu tun, das beide, sozusagen einen Stamm begründet haben. Alle Menschen, die in Eifel, Mosel, Hunsrück, Ruhrgebiet, Saarland und Umgebung diese Namen tragen, stammen garantiert von dieser einen Person ab! Gut nicht?


Ja, und was mach ich noch?
Ich engagiere mich in meinem Verein. WGfF – Bezirksgruppe Trier Helfe andern in meinem Forschungsgebiet mit Rat und Daten. Sowie helfe ich über die homepage und arbeite dafür Listen aus, sogenannte ABC-Listen die dann dort eingestellt werden. So können Interessierte schon Einblicke bekommen in Familienbücher, ob das was sie suchen dort vorhanden ist.
Und, ich nehme mir ältere Familienbücher vor, die es nur noch in Einzel- exemplaren in den Archiven gibt und tippe sie ab, in eine Genealogiesoftware. Sodass sie später vielen Forschern zur Verfügung stehen kann. Und lese in Mailinglisten mit.

Wer keine Scheu vor der Ansteckung hat, der kann sich gerne an mich wenden.

Das Bewußtsein der Verbundenheit mit früheren Generationen kann wie eine Rettungsleine durch die schwierige Gegenwart sein. John Dos Passos


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Links und Recherchemöglichkeiten:

Den Ahnen auf der Spur - Wie fange ich an?

Die Vorfahren benennen, zählen und ordnen

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