Cafe Central in Wien
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Wiener-Kaffeehaustradition

Beitrag von wize.life-Nutzer

Seit mehr als 300 Jahren gibt es sie, die Kaffeehäuser in Wien. Das erste Kaffeeschankprivileg erhielt ein armenischer Kaufmann namens Deodato, der am Hofe zu Wien anstellig war und im Jahre 1685 wohl auch das erste Café in Wien eröffnete. Damals nannte man einen Kaffeehausbesitzer noch Kaffeesieder und bestellt wurde nicht eine Melange oder ein kleiner Schwarzer, sondern man bekam eine Palette gereicht, auf der eine Skala von dunkelbraun bis milchig-weiß eingezeichnet war. Hier konnte man wählen, wie stark der bestellte Kaffee sein sollte.

Ein Besuch in einem Wiener Kaffeehaus ist immer auch, Eintauchen in eine andere, längst vergangene Zeit. Aus jeder Ecke des Raumes riecht es nach Geschichte. Man hat das Gefühl, die Zeit sei im letzten Jahrhundert stehen geblieben. Das Interieur ist alt und gediegen, der Holzboden knarrt bei jedem Schritt, man sitzt auf durchgesessenen Thonet-Sesseln und die Marmortische sind kühl. Die Kellner, die im Wiener Kaffeehaus Ober heißen, sind zwar schick gekleidet, doch oftmals unhöflich, fast schon ruppig. Dieses Verhalten ist völlig normal, denn ein freundlicher Kellner kann niemals ein Wiener sein, das wäre entgegen jeglicher Tradition.

Das Wiener Kaffeehaus ist so etwas wie ein zweites Wohnzimmer. Man kann dort an einer Tasse Melange den ganzen Tag sitzen, niemand stört sich daran. Alle halbe Stunde bringt der Ober das obligatoirsche Glas Wasser unaufgefordert vorbei. Es stehen eine Vielzahl von Zeitungen zur Verfügung, die in die typischen Zeitungshalter aus Holz und Rattan geklemmt sind, ebenfalls Relikte aus der guten alten Zeit.

Hier kann man die Gedanken schweifen lassen, sich vorstellen, wie es war, als noch die Schriftsteller, Musiker und Gelehrten mit dem einfachen Volk an einem Tisch sassen. So manches Werk eines Literaten entstand an einem Kaffeehaustisch, wie beispielsweise "die Memoiren der Josefine Mutzenbacher" von Felix Salten. Auch eine Vielzahl von Musikern haben hier ihre großen Werke komponiert. Konnten die Künstler ihre Zeche nicht zahlen, so überließen sie oftmals Skizzen oder Kompositionen dem Kaffesieder. Noch heute erinnern zahlreiche, gerahmte Werke an den Wänden der Cafés an diesen Brauch.

Es gab Künstler, die sich den halben Tag lang in den Kaffeehäusern aufhielten. Eine eigens eingerichtete, zweite Postadresse, mit der Anschrift des jeweiligen Cafés, ließ sie ihre Post dort empfangen, wo sie sich überwiegend aufhielten. Hier nahmen sie auch so manches Telefonat entgegen, da sie es sich meistens nicht leisten konnten, einen eigenen Telefonanschluß zu besitzen.

Auch zum Spielen kam man in die Cafés. Neben dem Kartenspielen und Billard, war das Schachspiel weit verbreitet. Es gab sogar fest angestellte Profis, die gegen die Besucher um einen Einsatz spielten. So wird der Begriff "Kaffeehausspieler" noch heute für Schachspieler verwendet, die einen riskanten Stil pflegen.

Berühmt waren auch die zahlreichen "Schanigärten", das sind damals wie heute die Sitzplätze im Außenbereich, dort kann man in der Sonne sitzen und die vorbeiflanierenden Leute beobachten, bei einem kleinen Schwarzen mit Schlagobers und einem Stück vorzüglicher Sachertorte vielleicht.

Noch heute hat das Wiener Kaffeehaus nichts von seinem Charme verloren. Es ist noch immer Anziehungsmagnet für die "Großkopferten", Studenten, Touristen oder das einfache Volk. Plaudern, lesen, denken oder einfach nur schauen: Wien wäre nur halb so schön, gäbe es sie nicht immer noch, die zahlreichen Kaffeehäuser mit ihrer einzigartigen Geschichte!


Foto: besten.welt.de

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