Herr Schmitt, der Uhrmacher
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Herr Schmitt, der Uhrmacher

Beitrag von wize.life-Nutzer

Man schrieb das Jahr 1959. Es war das Jahr des wachsenden Wohlstandes, das Jahr, in dem wir Lübke als Bundespräsidenten hatten und Heckflossen die Automobile zierten. Die materiellen Errungenschaften des deutschen Wirtschaftswunders kamen breiten Bevölkerungsschichten zugute. Die verdrängte Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit wurde überdeckt durch eine Heiterkeit um jeden Preis. Freddy Quinn und Co. sorgen für hohe Schallplattenumsätze und offenbarten damit den Wunsch der Bundesbürger nach einer heilen Welt.

Zu dieser Zeit bin ich gerade einmal sechs Jahre alt. In unserem kleinen Städtchen ist die Welt noch in Ordnung. Schmucke Bürger- und idyllische Fachwerkhäuser säumen den kleinen, überschaubaren Marktplatz. Dazwischen beschauliche Läden, deren heimeliges Interieur die Bürger einladend zum Kauf ermuntert. Es gibt einen Lebensmittel-, Elektro-, Schreibwaren- und Schuhladen. Auch eine Bäckerei und ein Gemüseladen sind dort angesiedelt. An der Front des kleinen Marktplatzes befinden sich ein Kinderwagengeschäft, ein Getränkehandel und eine Apotheke.

Das letzte Häuschen in dieser Reihe hat es mir besonders angetan, denn dort hat der Herr Schmitt seinen Uhrenladen. Zur Mittagszeit sieht man ihn dann und wann, draussen vor seinem Geschäft. Bekleidet ist er tagtäglich mit einem weißen Kittel. Schlohweiße Haare umrahmen sein Gesicht, aus dem die markante, lange, spitze Nase hervorsticht. Seine flinken, wasserblauen Augen sind immer in Bewegung und strahlen so etwas wie Güte aus. Mit jedem, der vorbeikommt, hält er ein kleines Pläuschchen, wobei er immer ein Sprüchlein parat hat.

Wie fast jeden Tag, drücke ich mir die Nase am Schaufenster des Uhrenladens platt. Was es da alles zu sehen gibt! Armband-, Taschen- und Standuhren, sowie Wecker in allen Größen. Fasziniert schaue ich auf die Vielzahl der tickenden Uhrwerke, als sich plötzlich mit einem wohltönenden Gong die Türe des Ladens öffnet. Herr Schmitt tritt aus seinem Geschäft und blickt auf das beschaulicheTreiben rund um den Marktplatz. " Ja, Grüss Gott, kleines Fräulein! Morgenstund hat Gold im Mund, so früh schon unterwegs? Du möchtest doch bestimmt wieder all meine Uhren ansehen, habe ich recht?" Heftig nicke ich mit dem Kopf. "Jaaaa gerne, Herr Schmitt", strahle ich ihn an. Er hält mir die große, schwere Türe auf, während ich flink an ihm vorbei, ins Innere des Ladens husche. Das Ticken von großen und kleinen Uhren erfüllt den ganzen Raum. Hier die wunderschön verzierte Kuckucksuhr, dort die mächtige Standuhr, mit ihrem gewaltigen Wetsminster-Schlag. Meine Augen glänzen, während ich von Uhr zu Uhr laufe und bei jeder kurz verweile.

Herr Schmitt ist Jude, so sagt man, aber was dieses Wort für eine Bedeutung hat, ist mir damals nicht klar. Für mich ist er nichts weiter als ein freundlicher alter Herr, der mir ab und zu ein in Silberfolie verpacktes Bonbon zusteckt, das nach Zitrone schmeckt. Ich beobachte ihn, wie er eine goldene Taschenuhr repariert. Dazu hat er so etwas wie eine kleine, runde Lupe in sein rechtes Auge geklemmt. Geschickt hantiert er mit einer winzigen Pinzette im Inneren der Uhr. "Weißt du," sagt er, "Uhren sind wie Kinder. Man muß sie nicht nur aufziehen, sondern auch laufen lassen." Dabei schaut er mich verschmitzt an und lächelt ein wenig. Ich nicke und erwidere sein Lächeln, denn ich mag seine klugen Sprüche sehr.

Von der großen, dunkelbraunen Standuhr schlägt es elfmal. Der satte, dunkle Gong erfüllt den ganzen Raum. Wieder einmal scheine ich die Zeit vergessen zu haben, hier, bei Herrn Schmitt. Ich verabschiede mich von dem netten Mann im weißen Kittel, der mir flink vorauseilt, während er die schwere Türe für mich öffnet. "Beehre mich bald wieder, kleines Fräulein",mit diesen Worten verabschiedet er mich, nicht ohne mir zuvor das begehrte Zitronenbonbon in meine kleine Hand zu schmuggeln.Ja, ich mag ihn wirklich gerne, den Herrn Schmitt!

Heute schreiben wir das Jahr 2014 und ich bedauere es sehr, dass die vielen kleinen Läden nach und nach verschwunden sind, im Laufe der Jahre. Die Innenstadt wird leer und leerer, hie und da sieht man immer mehr verwaiste Läden, in deren Schaufenster ein Schild, "Zu vermieten" prangt. Die Geschäfte und Großmärkte haben sich schon längst an den Rand der Stadt angesiedelt, in sogenannte Gewerbegebiete. Nun mache ich mir Gedanken, wie es sein wird, wenn ich noch älter bin und meine Mobilität verliere. Werde ich auf fremde Hilfe angewiesen sein, nur, um ein paar lebenswichtige Besorgungen zu machen? Sicher, in den meisten Großstädten gibt es schon Lieferdienste, die den betagten Kunden ihre Ware ins Haus liefern, aber in unserer Kleinstadt ist man davon noch weit entfernt.

Ich weiß, dass die alten, schmucken Läden mit ihrem nostalgischem Charme nur noch in meiner Erinnerung bestehen, denn sie sind schon lange unserer schnelllebigen Zeit und Entwicklung zum Opfer gefallen und das ist schade, finde ich!


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