Die Magie der Stille
Die Magie der StilleFoto-Quelle: Alipictures/www.pixelio.de

Die Magie der Stille

Beitrag von wize.life-Nutzer

Unser Weg führte hinaus aus der kleinen Stadt, auf den Hügel, wo inmitten von Weinbergen, Rapsfeldern und blühenden Wiesen, die kleine Kapelle stand. Das Wetter war beständig, doch viel zu kalt für diese Jahreszeit und oben auf der Höhe zerrte der Wind an unseren Haaren und pustete uns den letzten Rest Behäbigkeit von der Stirn.

Trotzallem, es war schön hier oben! Tief sogen wir die klare Luft in unsere Lungen und schauten mit blanken Augen über dieses blühende, weite Land. Vorsichtig öffneten wir die Tür zur Kapelle. Sie war nicht groß, nur wenige Bänke und vorne am Altar brannte einsam eine einzige Kerze. Unterhalb des Bildes der Hl.Gertraudis stand eine Vase, gefüllt mit den Wiesenblumen, die draussen vor der Türe wuchsen. Wie von Kinderhand dort hingestellt. Ich erinnerte mich an meine Kindheit, als ich, als kleines Mädchen, ähnliche Sträusse der Hl. Gertraudis brachte. Die Stille in dem kleinen Raum war wohltuend und als wir das Kirchlein verliessen, fassten wir uns stillschweigend an den Händen und gingen, jeder in seine eigenen Gedanken versunken, Hand in Hand den Flurweg entlang.

Ich hatte dir von dem jüdischen Friedhof erzählt, den ich als Kind so oft besuchte und meine Augen suchten die Büsche ab, wo er wohl sei. Die Richtung stimmte, aber noch konnte ich ihn nicht entdecken. Plötzlich standen wir vor einer grünen Hecke, in der sich eine Öffnung befand, gleich einem grünen Torbogen. Wir mussten unsere Köpfe etwas einziehen, um durch diesen niedrigen Eingang zu gehen. Auf dem gesamten Boden lagen Blütenblätter, ganz in Weiß. Es sah aus, wie ein wunderschöner Blütenteppich, den wir beschritten. Nach einigen Metern erblickten wir Lichtstrahlen, bevor wir aus dem dschungelähnlichen Gang hinaus ins Freie traten.

Da lag er vor uns, der jüdische Friedhof, friedlich und still. Kein Laut war zu hören, nur das Zwitschern der Vögel erinnerte uns daran, dass wir uns inmitten der Natur befanden. Schon 1639 wurde er am östliche Stadtrand erbaut. In 44 Reihen wurden dort zu dieser Zeit 528 Juden bestattet. In den darauffolgenden Jahren wurden auf dem Friedhof mehrere Schändungen begangen, u.a. 1927 durch zwei NSDAP-Mitglieder, später dann, 1999 wurden NS-Symbole auf die alten Mauern gesprüht.

Schon als wir um die hohen Mauern gingen, spürten wir sie, diese seltsame Stimmung. Nichts feindliches war in ihr, nein, eher ein tiefer Friede, der von den einsamen Gräbern ausging, die in das schwache Sonnenlicht getaucht waren. Die Toten schienen nicht tot zu sein, es war, als begrüßten sie uns und wären erfreut, dass zwei Menschenkinder sich in diese einsame Gegend begaben, um sie zu besuchen. Zu Reden wagten wir nicht, hätte doch ein einziges Wort genügt, um den Zauber dieser Stille zu zerstören. Leise drücktest du meine Hand und ich verstand. 1056 Augen schienen auf uns gerichtet, wohlwollend und gütig, stumm und doch mitteilsam zugleich und wir fühlten uns in diesem Moment wie zwei glückliche Menschenkinder, fernab vom Trubel dieses Planeten, denen es erlaubt wurde, für Minuten in einer für sie noch unergründlichen Anderswelt zu verweilen.


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