Briefe an Filomena
Briefe an FilomenaFoto-Quelle: Quintessenz Manufaktur für Chroniken

Der 100 Jahre alte Einkaufszettel einer Südtiroler Wirtin

Quintessenz Manufaktur für Chroniken

Urgroßmutters Kochbuch verrät uns eine Menge

Die Biografen Thomas Klinger und Petra Schaberger von Quintessenz auf Spurensuche[/ü]
Auch wir von Quintessenz machen manchmal eine kreative Pause, und auch im Urlaub konnten wir unserer Profession und Passion kaum entgehen. Besonders nicht an einem trüben Tag, der zum Lesen einlud.
So stöberte Thomas Klinger am Urlaubsort in der kleinen Hotelbibliothek. Die „Bibliothek“ bestand aus einem riesigen Bauernschrank, und er fand hinten in der 2. Reihe stehend, sehr alte Bücher, wovon er eines mit zu unserem Appartement brachte. Alte Bücher, das lockt Bibliophile und damit auch uns. Dort stand auch ein Kochbuch, welches sicher 120 Jahre alt war, genau ließ es sich nicht mehr feststellen, weil der Innentitel fehlte. Das lieh er sich aus und somit hatten wir an diesem Regentag zwei sehr informative und unterhaltsame Stunden.

Was kann man alles aus einem alten Kochbuch herauslesen? Eine Menge!

Wie war das Verhältnis und der Umgang mit den Lebensmitteln, wie wurden Zutaten abgemessen und besonders schön, wie steht es mit der Religion, hier die Fastenspeisen.
Vorsichtig blätterten wir auf die erste Seite und da stand in schönster Schreibschrift, dass dieses Kochbuch der Südtiroler Wirtin Filomena gehört. Es war ein oft benutztes Buch mit vielen Gebrauchsspuren, ein Geschenk wie die Widmung zeigte und es fanden sich dort Briefe der Schwester, Blüten, Kommunions- und Sterbebildchen – mit wenigen Worten, es war der persönliche Schatz der Wirtin.
Werfen wir zusammen einen kleinen Blick nach Südtirol vor über 100 Jahren. Eine Gegend mit bitterer Armut, was sich erst nach dem 2. Weltkrieg mit dem beginnendem Tourismus besserte. Die Südtiroler Geschichte ist ein bewegtes Hin- und Her und wirkt bis heute nach. Unter diesem Licht besehen versteht man, warum ein kleines, liebevoll koloriertes Bildchen mit Blüte so das Herz der Filomena erfreuen konnte.
Wir fanden zwischen den Seiten 2 alte Briefe, einen Einkaufszettel bzw. eine Berechnung wahrscheinlich für eine Gesellschaft, Speisenfolge und der Preis.
Jetzt stellen Sie sich vor, ein handgeschriebenes Rezept von Ihnen würde in über 100 Jahren plötzlich von 2 Touristen gelesen.

Welches würde man finden, Ihr Lieblingsrezept? Postkarten? Ein Kalenderspruch, der Ihnen gefiel?

Es war für uns ein sehr unverhofftes Glück und wie immer bei unserer Arbeit auch Erkenntnisgewinn.
Zum Beispiel – die Fastengerichte
Wir amüsierten uns z. Bsp. über die Fastengerichte. Die waren selbstredend fleischlos. Aber in einem Rezept wurden sehr, wirklich sehr viele Eier, viel Schmalz, Speck, Butter und Rahm neben den sättigenden Beilagen verwendet. Jede Diätassistentin würde in Ohnmacht fallen, wenn man die Fette zusammenzählte. Wir bekamen sogleich Hunger. Aber vielleicht tun wir den Verfassern des Kochbuches unrecht, denn wir können nicht wissen wie groß die Portionen waren, denn nach einer Weile fiel mir auf, dass es gar keine richtigen Maßangaben gab.

Und wie wurde denn dann abgemessen?
In den Rezepten liest man schlicht – man nehme für 5 Kreuzer dies und das … das heißt, die Menge entsprach überall im deutschsprachigen Raum dem Wert. Davon können wir heute träumen.

Übrigens haben wir unsere Wirtsleute angesprochen und Ihnen unsere Entdeckung mitgeteilt und erfuhren noch mehr. Filomena war die Urgroßmutter unseres Gastgebers, und dass es die Gastwirtschaft heute immer noch gibt. In Familienhand seit Generationen geführt vom kleineren Bruder. Zum Ausklang gingen wir dort essen und könnten Filomena sagen, dass es immer noch sehr reichhaltig und schmackhaft ist.

Haben Sie auch schon solch biografische Puzzle gemacht? Erzählen Sie!

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