Martin-Luther-Denkmal, Dresden
Martin-Luther-Denkmal, Dresden

Die Thesen sind immer die erste Tat - Gedanken zum Reformationstag 2014

Deutscher Evangelischer Frauenbund Bayern

Der Thesenanschlag - Einladung zur Diskussion


Heute also, vor 497 Jahren, war der Thesenanschlag, egal, ob er nun tatsächlich an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg stattgefunden hat oder nicht. Wir haben dies Datum, und können uns daran erinnern. Vielleicht können wir auch etwas anfangen mit den Thesen.

Der Mann ist, daran denke ich beim Reformationsfest immer, ein Professor gewesen. In dieser Tradition des akademischen Gesprächs, auch des Disputs, vielleicht auch im Verständnis der Universität als Gemeinschaft der Lehrenden und der Lernenden, sind die Thesen formuliert und zur Diskussion gestellt worden. Durch Lernen bekommt man Chancen, vor allem die auf echte Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben. Alle, die lehren, wissen das. Sie wissen das und geben anderen die Möglichkeiten zur Freiheit, die sie auch selbst gefunden haben.

Neue Thesen für die neue Welt


Die Thesen müssen vielleicht nicht wieder genau 95 werden, das war ein welthistorischer Zufall. Aber sie müssen natürlich stimmen, und eine Antwort geben auf drängende Fragen der Zeit. Deswegen meine ich, es werden Thesen sein zum Komplex Globalisierung, zur fehlenden Ethik, die die schal gewordene neoliberale Doktrin ersetzen muss und es ja auch schon tut. Zur Politik, die der Wirtschaft ebenso hinterherhoppelt. Zur Wirtschaft selbst, die ihre Deregulierung oder Harmonisierung als "Entfesselung" preist und gewaltig ins Leere läuft. Zur Gerechtigkeit, die eine Frage innerhalb unserer auseinanderdriftenden Wohlstandsgesellschaften ist, aber vor allem eine zwischen den reichen Industrienationen, mehr oder minder rücksichtslos aufstrebenden Schwellenländern, die berechtigt ihren Anteil an der Macht fordern, und den vielen Ländern und Gesellschaften, in denen die Armut regiert oder vielmehr die sie immer neu erzeugende Korruption. Über Frieden und Freiheit müssen wir neu nachdenken, über Sicherheit, die so oft verwechselt wird mit Unfreiheit. Antworten müssen gegeben werden auf Hunger und Durst, Weltgesundheit, Eindämmung der Gewalt gegen Frauen und Kinder, Unbildung und eingesparte Bildung, Chancengleichheit, Frauenförderung, gesunde Lebensmittel, regionale Kreisläufe gegen den globalen Irrsinn. Wachstum ist kein Wert an sich und kann nicht ewig gehen, Geld ist ein zunehmend von Maschinen errechneter Ersatz. Für was? Für Leben und Lebensmittel? Für Zeit, von denen wir alle nicht wissen, wieviel wir davon haben? Was wirklich wichtig ist, kann man nicht kaufen. Die schönsten Dinge bekommen wir geschenkt.

Nicht nur gegen muss argumentiert werden, auch für: Entwicklungszusammenarbeit, Arbeit, von der man leben kann, Energie für alle aus nicht mehr fossilen, sondern erneuerbaren Stoffen und Kräften. Energieeffizienz, Recycling, Upcycling, Vermeidung der Vermüllung aller Kontinente und Meere, Entgiftung und Reinhaltung der Böden und Grundwässer, Gewässer, der Luft. Menschen satt kriegen, Kinder groß, Jugend in Ausbildung heilen, Leben in Würde bis in ein hohes Alter und bis zum Tod. Aufgaben als etwas ansehen, das wir schaffen müssen, und zwar alle zusammen. Wir hören auf, unser Leben und seine Grundlagen zu zerstören. Wir kehren um zum einfacheren Leben, weil wir wissen oder spüren, weniger ist mehr. Wir machen anders weiter. Wie können und wie wollen wir leben, in dieser Einen Welt, in der Gegenwart und in Zukunft. Für den Anfang reichen die Thesen. Wenn wir sie miteinander diskutiert haben, müssen wir aber auch etwas tun. Wir sind ja vielleicht auch schon dabei. Die Thesen sind immer die erste Tat. Dann geht es weiter.


Bettina Marquis
31. Oktober 2014