Rittergut Großzschepa, damals
Rittergut Großzschepa, damals

Zeitreise

Beitrag von wize.life-Nutzer

Als ich neulich seit langem wieder einmal meinen Heimatort Großzschepa besuchte, führte mich mein Weg zu meinem ehemaligen zu Hause, zum Rittergut. Dort verbrachte ich meine Kinderzeit bis zum Jahr 1960. Als ich vor dem Rest des Hauses stand, war ich erschrocken und erfreut zugleich. Erschrocken, weil nun alle meine Hoffung, das Haus als Ganzes vorzufinden, zerbrach und erfreut, weil das, was ich vorfand, eine Lösung des Bewahrens ist.
Ich ging in den kleinen Park und sah mich mit dem Schlitten den Hügel hinunterfahren und auf dem damaligen kleinen Teich mit dem Eisenrost schlittern, in der Lossa baden, im Kindergarten spielen und das Essen der Schülerspeisung entgegennehmen. Ich gebe zu, dass ich sehr bewegt war und wieder zu Hause im Internet nach Auskünften gesucht auf die Seite des Fördervereins Rittergut Großzschepa e.V. gestoßen bin. Die veröffentlichten Bilder dort prallen mit Wucht auf die Bilder meiner Erinnerung...

Ich fahre die Dorfstraße entlang, vorbei am Haus der Großeltern, der Schule und der Kirche bis ans Ende des Dorfes, hin zum Schloss. So nennen die Leute im Dorf das Anwesen des ehemaligen Rittergutes. Das Schloss steht mit schmuckloser Fassade wie ein grober quadratischer Klotz inmitten von uralten Bäumen. Sein graues Mauerwerk macht es nicht freundlicher. Hohe Fenster über zwei Etagen lassen majestätische Räume im Inneren erahnen. Im Erdgeschoss schützen eiserne Gitter vor Eindringlingen. Nach dem Krieg von den Besitzern verlassen fanden viele hier ein neues Zuhause. Wenige Jahre später auch ich mit Vater, Schwester, Bruder und meiner neuen Mutter. Drei Zimmer mit hohen Wänden am Ende eines großen Saales, die Küche ohne Wasser, die Toilette am anderen Ende des Saales teilen sich alle Bewohner des Hauses. Im ersten Geschoss zwei Schulräume, Zimmer und eine Terasse für die Kinder des Kindergartens, im Erdgeschoss die Räume mit wandhohen Fliesen kalt und ein bisschen gruselig.
Die Kinder des Dorfes lieben den Park hinter dem Schloss. Hier spielen sie Versteck oder Gendarm und Räuber. Im Sommer richten sie sich zwischen den Büschen Wohnungen ein und spielen Vater, Mutter, Kind. Die Mädchen schleppen ihre Puppenwagen und Decken herbei. Wer hat, bringt Äpfel oder was sonst gerade reif ist mit. Wem es zu heiß geworden ist, der kühlt seine Füße im klaren Wasser der Lossa. Im Winter lockt der zugefrorene Teich zum Schlittern ein. Einen Erdwall mitten zwischen den hohen Laubbäumen, nutzen die Kinder als Rodelbahn.
Ich haste die Wendeltreppe im Schloss hinauf. Früher diente die Treppe als Dienstbotenaufgang. Meine Hände haben Mühe den Handlauf zu umfassen. Das blank gescheuerte Holz der Stufen gebietet Respekt. Die Treppe will ich immer ganz schnell hinter mir lassen. Die salpeterkranken Wände mit muffigem Geruch machen mir Angst. Oben angekommen betrete ich den Saal. Das glänzende Parkett erinnert an große Feste und schillernde Bälle......

Großzschepa ist heute ein Teil der Gemeinde Lossatal- eine beinahe liebevoll zusammengetragene Sammlung von Ortschaften, die ohne Gemeinschaft keine Überlebenschancen gehabt hätten. Die Alten taten sich schwer damit, die Jungen kennen es nicht anders. Die Schule mitten im Park, in die ich ging, ein Provisorium nach dem anderen, kennen die Kinder aus den Erzählungen ihrer Großeltern. Sie sehnen sich vielleicht nach der Ruhe, der Geborgenheit, der Stille und der Abenteuer im Park. Wirklich wollen würden sie sie nicht. Da bin ich mir sicher.


Text: Connie B.
Foto: http://www.rittergut-grosszschepa.de/

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