Magdeburg, zerstörtes jüdisches Geschäft
Magdeburg, zerstörtes jüdisches GeschäftFoto-Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-1970-083-42 / CC-BY-SA

Vor 76 Jahren

Beitrag von wize.life-Nutzer

Ich gehe durch die Dorfstraße und stelle mir vor, wie vor 76 Jahren viele junge Kerle ihre Schaftstiefel, ihre neuen, warmen, braunen Uniformen anzogen, sich die Mütze aufsetzten und den Sturmriemen unter dem Kinn befestigten.

Ein LKW sammelte sie ein und karrte sie zu einer Feldküche.
Ein Kommando: „Absitzen, Essenfassen“.
Gulaschsuppe gegen Novemberkälte tat gut. Schnaps hob den Tatendrang und benebelte .

Aus der Seitengasse drang Gejohle.
Ein „Sturm“ des Nachbardorfes hatte den Viehhändler aus dem Haus geholt und trieb ihn, der in Hemdsärmeln lief, zum Dorfbrunnen.

Aus dem Fenster schauten aus angstweiten Augen Sarah, die Frau und Mirijan, die Tochter. Sie getrauten sich nicht, das Haus zu verlassen, um dem Vater zu folgen.

Der Tochter schnürt es den Hals, als sie unter den Braunhemden Karle erkennt.
„Karle, Du doch net“.
Sie war mit ihm an der selben Schule gewesen, an der der Dorfrabbiner den Mathematikunterricht gehalten hatte.

Aber Karle schaut verstohlen weg. Er will kein Kameradenschwein, kein Feigling sein und trappelt mit seinem Sturm johlend zum Brunnen, wo ein „Kamerad“ den vor Kälte schlotternden Juden höhnisch fragte, ob er wohl schwimmen könne. Der verneinte, woraufhin ihn ein paar kräftige Arme packten und über die Brunnenbrüstung hieven. Sein Kopf stieß an die eiserne Umrandung. Das Nasenbein bracht; er blutete stark.

Ich wünsche mir, dass wir solche Entwicklungen, gegen die wir nie gefeit sein werden, zukünftig rechtzeitig erkennen könne.

Wir können, wenn wir darüber reden – meine ich.