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Die geistliche Anrede

Von wize.life-Nutzer - Freitag, 24.04.2015 - 11:40 Uhr

Wer ist Nikenik, fragt der Neue in unserer Klasse. Das weiß doch jeder, er ist der Herr Pastor. Wir nennen ihn so, wenn wir unter uns sind. Ihn selber sprechen wir Schulkinder selbstverständlich mit “Herr Pfarrer“ an.
„Und Du“,
fragt der Neue in unserer Klasse den Klassenkameraden neben mir,
„Wie sprichst Du denn den Pfarrer an?“
„Papa“,
ist seine Antwort, dann dreht er sich um und geht weg. Der Neue, er heißt R., ist verzweifelt. Nikenik, Herr Pfarrer, Papa, wo war er da nur reingeraten! Er konnte ja nicht wissen, dass er gerade den Sohn des Herrn Pfarrer, der unser Klassenkamerad ist, gefragt hatte, wie dieser seinen Vater anspricht. Ja im Unterricht sagt unser Chr., wenn er überhaupt nicht um die Anrede herumkommt, stets brav Herr Pfarrer. >Herr Pfarrer< muss der Arme im Religionsunterricht zu seinem eigenen Vater sagen. Bin ich froh, dass mein Vater mich nicht in der Schule unterrichtet. In der nächsten Pause kommt R. zu mir und fragt mich, wie wir denn die Frau vom Herrn Pfarrer ansprechen. Na, das ist doch wohl klar:
„Frau Pfarrer“, antworte ich ihm.
„Frau Pfarrer? Und wie nennst Du dann eine Frau, die selber Pfarrer ist?“, fragt er.
„Eine Frau, die selber Pfarrer ist und Gottesdienste hält, ja gibt es denn so was?“
R. erklärt, dass in dem Ort, wo er bis jetzt gewohnt hat, eine Frau Pfarrerin in der Gemeinde sei und kein Herr Pfarrer. Sie wird auch nicht mit Frau Pfarrer, sondern mit Frau Pfarrerin oder Frau Pastorin angesprochen.
Den Unterschied zwischen einer Frau Pfarrer und einer Frau Pfarrerin habe ich nun begriffen. Aber ob es auch einen Unterschied zwischen Frau Pfarrerin und Frau Pastorin gibt, dass wissen weder R. noch ich. Ja, da ist noch etwas, dass ich nicht weiß. Wie spricht man denn die Frau vom Herrn Pfarrer an, wenn die Frau Pfarrer selbst Frau Pfarrerin ist?
Na vielleicht ist die Frage sinnlos, weil es das doch ganz bestimmt nicht gibt! Ich frage R., schließlich hat er mit dem Thema angefangen. Der brüllt gleich los:
„Das ist doch klar wie Kloßbrühe, Frau Pfarrer Pfarrerin.“

Eine Geschichte aus der zweiten Hälfte der 50ger Jahre des letzten Jahrhunderts!


Anmerkung: Am 24.4.15 im Internet gefunden.
Die ersten Ordinationen von Frauen gab es in den späten 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Als letztes führte die bayerische lutherische Landeskirche 1975 die Ordination von Frauen ein.

3 Kommentare

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Für mich ist ein Priester ein kath. Geistlicher (und da gibt's keine Frauen - Gott sei Dank) und ein Pfarrer ein evangelischer Geistlicher. Seine Frau kann doch nicht mit seinem Berufstitel angesprochen werden! Die hat doch einen Familiennamen. Man sagt doch auch nicht zu der Frau eines Arztes Frau Doktor, nur weil ihr Mann zufällig ein solcher ist. Eine Pfarrerin jedoch, hat bestimmt eine spezifische Anrede, die man als evangelischer Christ bestimmt weiß. Ich bin Katholikin, ich habe davon keine Ahnung, zumal mir Frauen an solchen Posten sowieso suspekt sind.
Früher war es so. Die Frauen wurden oft mi der Berufsbezeichnung oder Titels ihres Mannes angesprochen. Ich habe mich mal al 16jähriger geweigert die Ehefrau des Leiters der Warendorfschen Anstalten mit Frau Professor anzureden, denn nicht sie hatte den Titel, ihr Gatte war der Herr Professor. Die war ganz schön sauer.
Ja, an die Zeit kann ich mich noch gut erinnern. Das fand ich auch reichlich albern als Kind.
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