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Gefallenendenkmal am Pordoi-Joch

Der Krieg in den Alpen (2. Teil)

Von wize.life-Nutzer - Montag, 27.04.2015 - 12:50 Uhr

Im Frontverlauf des Gebirgskrieges war südlich des Ortlers der Tonale Paß ebenfalls heiß umkämpft. Noch heute sind die Ruinen der österreichischen "Sperre Tonale" zu sehen. Um von einem eigentlich geplanten Angriff an der Ostfront in der zweiten Piaveschlacht 1918 abzulenken, führten die Österreicher unter dem Decknamen "Unternehmen Lawine" einen Scheinangriff am Tonalepass durch. Zum Ende des Krieges stießen jedoch die Italiener über den Tonale Paß in das Nonstal vor, schnitten den österreichisch-ungarischen Truppen den Weg ab und nahmen sie gefangen.
Ein Berg rückte im Mai 1916 besonders ins Blickfeld der kriegsführenden Nationen, der Monte Pasubio, bestehend aus drei Bergrücken, dem Monte Testo und der eigentliche Pasubio mit dem Cima Palom. Im Juli 1916 bestanden am Monte Pasubio zwei fast parallel verlaufende Kampflinien mit Schützengräben, die - auf Handgrantenwurfweite - oft nur wenige Meter voneinander getrennt waren. Man sprach davon, dass die schwierigsten von den Kaiserjägern bei der Rückeroberung verlorenen Geländes zu überwindenden Hindernisse "die Leichenberge der Italiener" gewesen sein sollen. Das Hochplateau des Monte Pasubio unterteilte sich in die italienische und die österreichische Platte, die beide durch einen kleinen Sattel, den "Eselsrücken" verbunden waren. Nachdem beide Seiten trotz hohen Blutzolls keinen nennenswerten Bodengewinn erzielen konnten, begannen sie duch Mineure (Bergleute) und bergbauerfahrene Kräfte Stollen anzulegen. Bei diesem beginnenden Minenkrieg wurden Stollen in den Berg vorangetrieben und Gegenstollen wurden angelegt, Sprengungen und Gegensprengungen durchgeführt. Neben diesen Stollen wurden auch neue Versorgungswege angelegt, die teils über, teils unterirdisch verliefen. So wurde die Strada delle Gallerie, die heute zu den bekanntesten und meistbesuchten italienischen Militärstraßen des Ersten Weltkrieges zählt, erbaut, um die Versorgung der Soldaten im Stellungskrieg am Pasubio sicherzustellen. Bei gleichbleibender Steigung (ca. 22 Prozent) ist sie mit 52 Tunnels, von denen der längste 378 m misst und der stellenweise spiralförmig in den Berg hinaufführt angelegt. Der Minenkrieg zog sich bis in das Jahr 1918 hin. Am 13.3.1918 wurde dann am Monte Pasubio mit 50.000 kg Sprengstoff die letzte und gewaltigste Minensprengung des 1. Weltkrieges gezündet, durch die sogar Flammen bis ins österreichische Tunnelsystem schlugen und dort ebenfalls zu Verlusten führten. Durch sie stürzte die Spitze der italienischen Platte ein und begrub die Besatzung von etwa 800 Mann, die bis heute nicht geborgen wurden. Letztlich zogen im November 1918 die Kaiserjäger ab und überließen den Monte Pasubio kampflos den Italienern.
In der Tiroler Gebirgsfront wurden im Zeitraum von 1916 - 1918 vierunddreißig Minensprengungen durchgeführt. So fanden Sprengungen am Kleinen Lagacuoi (vier), am Monte Sief (drei) am Colbricon (drei), am Monte Zebio und am Monte Rotondo jeweils eine, am Pasubio (zehn), am Buso del Oro (zwei) und an der Marmolata (drei) statt. Mit dieser Sprengung an der Marmolata kamen die Österreicher der vorbereiteten Sprengung der italienischen Mine zuvor.
Der weitere Frontverlauf führte vom Monte Pasubio über den Pelegrinopass zum Costabella und weiter zur Marmolata. An dieser Stelle hätte für die italienischen Alpinitruppen die Möglichkeit bestanden, die Tiroler Front zu durchbrechen. Jedoch wurde die Costabella gleich bei Kriegsbeginn von den Tirolern und danach vom Deutschen Alpenkoprs besetzt, ausgebaut und gehalten. Dass es überhaupt nach der Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn und dem Angriff der italienischen Truppen zu keinem gravierenden Durchbruch gekommen war, lag u.a. an folgenden Gründen: Das Armee-Oberkommando (AOK) hatte rechtzeitig strategisch reagiert und seine Truppen auf eine für die Verteidigung günstigere Linie zurückgenommen. Außerdem hatte man schon lange vor der Kriegserklärung Italiens am 23.5.1915 mit einem Angriff gerechnet. Daher wurde bereits Jahre zuvor die Grenze zu Italien und damit auch kriegswichtige Vorhaben der Italiener durch ortskundige Österreicher, z.B. Südtiroler "ausgekundschaftet" und sofort mit geeigneten Maßnahmen reagiert. Somit konnten die Italiener den Vorteil der "entblößten Grenze" nicht nutzen.
Immer wieder versuchten die italienischen Alpini von der Höhe des Pellegrinopasses aus das Gebiet zu nehmen, wurden jedoch trotz eines Einbruchs in die Tiroler Stellung stets abgeschlagen, um dann wegen der 12. Isonzoschlacht und dem Durchbruch bei Karfreit in Slowenien die Costabella und den Pellegrinopass zu räumen. Bei ihren Bemühungen unterschätzten die Alpini die fronterfahrenen Gebirgsjäger des Deutschen Alpenkorps und mussten dafür einen hohen Blutzoll zahlen. Einmal mehr zeigte sich, dass mit Massenanstürmen im Gebirge nichts zu erreichen war und dass oft kleine Kommandounternehmen bei geringfügigen Verlusten effektiver operieren konnten als ein Maximalaufgebot an Soldaten.
Ein wichtiges Bollwerk der Tiroler bei der Verteidigung ihrer Heimat war die Marmolata. Die damaligen in Fels gehauenen italienischen und österreich-ungarischen Kriegsstellungen sind in jüngster Zeit zugänglich gemacht worden und können im Sommer besichtigt werden. Auch ein Museum wurde eröffnet, in dem in erschütternder Darstellung die raue Wirklichkeit der Kampfhandlungen im Hochgebirge zu sehen ist. Auf der Marmolata verliefen sowohl österreich-ungarische als auch italienische Stellungen. Die Italiener versuchten entlang des Grates vorzudringen, was jedoch auch unter Einsatz von Sprengstollen nicht gelang. Auch die Österreicher gruben sowohl zur Versorgung als auch für Unterkünfte der Soldaten Stollen in den Gletscher. Dieses führte nach und nach zu einer regelrechten "Eisstadt" im Gletscher. In diesem Zusammenhang ist auch das größte Lawinenunglück der Alpingeschichte zu sehen, bei dem am 13.121916 durch eine Nassschneelawine das westlich des Fedaiapasses gelegene österreichische Lager "Gran Poz" verschüttet wurde und das mehr als 300 Soldaten das Leben kostete.
Nördlich der Marmolata befindet sich ein Berg in der Fanesgruppe, der zu trauriger Berühmtheit wurde und dessen Kriegsgeschehen Louis Trenker, der damals in diesem Gebiet als Reserveoffizier eingesetzt war, in dem Film "Berge in Flammen" festgehalten hat. Der Col di Lana wie auch sein benachbarter Berg, der Mont Sief ist als einer der am heißesten umkämpften Berge der Dolomitenfront ebenfalls ein Mahnmal des Krieges in den Alpen. Der Col di Lana wurde zuerst vom Deutschen Alpenkorps und dann von den Österreichern besetzt. Nicht nur durch sinnloses Anrennen der Alpini, sondern auch durch Lawinen kamen dort sehr viele Italiener ums Leben. Durch die vielen Opfer gaben die Italiener dem Berg den Namen "Col di Sangue (Blutberg)". Wie an vielen anderen Frontabschnitten versuchten die Italiener auch hier unter Inkaufnahme hoher Verluste durch das Anstürmen vieler Soldaten den strategisch wichtigen Gipfel zu erobern. Auch am Col di Lana versuchte man geräuscharm mit Handbohrmaschinen und Meißeln Stollen zu bauen, um den Berg zu unterminieren und letztlich mit seinen Besatzern in die Luft zu sprengen. Die italienischen Bemühungen wurden jedoch von Artilleriebeobachtern am gegenüberliegenden Pordoijoch infolge des anfallenden "Abraumes" erkannt. Daher begannen die Österreicher ihrerseits einen Gegenstollen anzulegen, durch den am 5.4.1916 eine wenig erfolgreiche Sprengung erfolgte. In den italienischen Stollen wurden 5 t Sprengstoff geladen und dieser in der Nach vom 17. auf den 18.4.1916 gesprengt. Aufgrund der hohen Verluste mit mehr als 200 Mann gaben die Österreicher den Col di Lana auf, blieben jedoch auf dem benachbarten Monte Sief und konnten so den italienischen Durchbruch in dieser Gegend verhindern. Heute befindet sich auf dem Gipfel eine Gedankkapelle, ein Gedenkstein sowie ein kleines Museum über diese Kämpfe. Erst nach dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie 1918 besetzten die Italiener den Col di Lana kampflos. Rekonstruierte Schützen- und Laufgräben sowie Barackenreste kann man heute sehen und besichtigen. (Fortsetzung, Teil 3 folgt)

1 Kommentar

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Geschichte gehörte einst zu meinem Beruf und auch heute ist es noch sehr spannend, darüber zu lesen,besonders wenn es so gut dokumentiert ist,wie in den Beiträgen. Mein Vater ist mit 17 Jahren in die Ungarisch-Österreichische Armee eingetreten und hat irgendwo in den Alpen " Krieg" gespielt. So hat meine Mutter es mir später erzählt. Er hatte Glück, dass ihn die älteren Soldaten in den Schützengräben immer beschützt haben.
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