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Krippe Freilichtmuseum Roscheiderhof

Als das Christkind einmal früher kam

Von wize.life-Nutzer - Sonntag, 20.12.2015 - 20:36 Uhr

In Luxemburg, wo ich geboren und aufgewachsen bin, weicht die Weihnachtstradition etwas von der allgemein üblichen ab.
Wie in so einigen Bereichen hat dieses kleine Land auch hier seine Besonderheit – es gibt keinen Weihnachtsmann! Und auf „Lëtzebuergesch“, der luxemburgischen Landessprache, existiert für diesen ja überall sonst so bekannten und beliebten Herrn mit seinem Rentierschlitten noch nicht einmal ein Wort.
Aber Weihnachten gibt es natürlich doch, und ich möchte euch erzählen, wie dieses Fest in meiner Kindheit begangen wurde:

Der Weihnachtsbaum, der natürlich auch in Luxemburg in keinem Haushalt fehlen durfte, wurde schon ein bis zwei Tage, je nachdem auch am 24. Dezember selbst aufgestellt und mit den Weihnachtskugeln, Lametta und Lichtern festlich geschmückt, an die Spitze des Baumes gehörte ein Stern mit einem Schweif.
Zu jedem Weihnachtsbaum gehörte aber auch unbedingt eine Weihnachtskrippe, üblicherweise ein Holzhäuschen das einen Stall darstellte, mit den allseits bekannten Figuren. Doch bis Heiligabend wurden nur die Figuren von Maria und Josef, den Hirten und den Tieren aufgestellt. Die Futterkrippe für das Jesuskind, im lëtzebuergeschen „Chrëschtkëndchen“ (Christkind) blieb leer, die Figur vor uns Kindern versteckt.
Wundersamerweise lag aber immer am Morgen des ersten Weihnachtstages das Christkind in seinem Bettchen auf Stroh, es war in der Nacht seiner Geburt wieder auf Erden gekommen. Es brachte jedoch keine Geschenke mit, die gab es bereits am Nikolaustag. Doch für die Kinder war es Spannung und Aufregung genug, sofort nach dem Aufstehen zu der Krippe zu flitzen und sich zu überzeugen, dass das Christkind auch wirklich gekommen war.
Die heiligen drei Könige waren, wenn schon, ein gutes Stück von der Krippe entfernt aufgestellt und erreichten diese erst am 6. Januar zu ihrem traditionellen Fest. Der Stern, der ihnen den Weg gezeigt hatte, stieg dann auch von der Spitze des Weihnachtsbaumes herab und ruhte nun auf dem Dach der Krippe.

Ich hatte mir schon früh in meinen kindlichen Trotzkopf gesetzt, so lange wachzubleiben bis das Christkind kam und sich in seiner Krippe niederlegte. Ich kuschelte mich in einen Sessel vor dem Weihnachtsbaum und war auch weder durch bitten noch durch schimpfen daraus fortzubewegen. Natürlich wachte ich aber jedes Jahr trotzdem in meinem Bett wieder auf, ohne die wundersame Ankunft mitbekommen zu haben.

An einem Heiligabend, ich war gerade 6, wurde ich von meiner 3 Jahre älteren Schwester in die Küche gelotst und mit irgendeinem Spiel beschäftigt, während meine Mutter das Festmahl zubereitete. Meine 12 Jahre ältere Schwester war derweil in der Stube am Tischdecken.
Als das Essen bereit war wurden wir zu Tisch gerufen, mir ließ man den Vortritt – und ich blieb mit offenem Mund in der Tür stehen. Die Deckenbeleuchtung war ausgeschaltet, nur am Weihnachtsbaum brannten die Lichter und vor jedem Teller auf dem Tisch eine unterschiedliche Kerzenfigur: ein Engel, ein Tannenbaum, eine Christbaumkugel ... vor meinem Teller ein Schneemann mit Zylinder, Karottennase und schwarzen Knöpfen. Meine ältere Schwester erzählte mir, das Christkind wäre bereits gekommen und hätte diese Kerzen mitgebracht. Ungläubig ging ich zu der Krippe hin und tatsächlich: das Christkind ruhte bereits freundlich lächelnd auf seinem einfachen Lager!

Den ganzen Abend saß ich andächtig und vor Ehrfurcht fast erstarrt vor meiner Schneemann-Kerze, sah zu, wie der Zylinder schwarz herabtropfte, das Gesicht und der Körper langsam zerschmolzen wie ein echter Schneemann in der Sonne. Zwischendurch wurde ich immer wieder aufgefordert zu essen, ich hätte es sonst vergessen – auch wenn es zu Heiligabend besondere Leckereien gab die sonst nicht auf den Tisch kamen.
Am nächsten Tag hatte ich mich aber bereits wieder ausreichend erholt, um mit meinen Schwestern zu zanken. Die eine, die mich mit ihrem Spiel davon abhielt präsent zu sein wenn das Christkind schon einmal zu einer vernünftigen Zeit kam, die andere, die mich im gegebenen Moment nicht dazugerufen hat ... und beide schienen sie sich köstlich zu amüsieren.

Wenn ich jetzt durch die Geschäftsstraßen der Stadt gehe und die Leute vollbepackt mit Geschenkpaketen sehe denke ich oft zurück an diesen Abend, wo das „Chrëschtkëndchen“ einmal früher kam und welche übergroße Freude und ewige Erinnerung mir sein erstes Weihnachtsgeschenk bereitet hat.

Und falls ich irgendwo eine Schneemann-Kerze finden sollte werde ich mir diese an Heiligabend vor meinen Teller stellen und anzünden ...

21 Kommentare

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Wunderschöne Geschichte Margot, hab beim Lesen die ganze Zeit über gelächelt Wünsche ein frohes, besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch und viel Gesundheit im neuen Jahr
Danke Helge, wenn ich dir ein Lächeln schenken konnte bedeutet das mir schon viel.
Wünsche auch dir ein schönes Fest und nur das Beste für das neue Jahr
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Weihnachtszeit ist Kinderzeit,
was wären wir ohne diese geheimnisvollen
und aufregenden Erinnerungen
Und besonders diese Freude über Kleinigkeiten!
Glücklich wer sich die erhalten hat
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Sehr schöne Geschichte
Vielen Dank für's Teilhaben an deinen Erinnerungen
Obwohl ich ja recht grenznah lebe, kannte ich diese Traditionen noch nicht
Danke Edelgard
da Luxemburg sich in den letzten 30 -40 Jahren zu einem Immigrationsland entwickelt hat und vorrangig französisch gesprochen wird, begegnet man jetzt auch dem "Père Noël", der kommerziell auch ausgeschlachtet wird. Die teuren Geschenke gibt es jetzt auch zu Weihnachten.
In der luxemburgischen Sprache gibt es aber noch immer kein Wort für den Weihnachtsmann.
Inwiefern die alten Traditionen überlebt haben weiß ich nicht, aber so einiges ist wohl dem "Fortschritt" zum Opfer gefallen ...
Nun, früher gab es in Deutschland auch nicht den Weihnachtsmann. Es gab den Nikolaus und das Christkind
Wenigstens bei uns
In den luxemburgischen Haushalten kommt auch immer noch das Christkind, nur jetzt nicht mehr mit leeren Händen.
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Danke für diesen kleinen Blick über die Grenzen und Danke für tiefen Blick in Deine Kindheit
Hallo Harry,
in manchen Dingen fällt mir auch erst jetzt auf, dass es nur ein paar Schritte weiter über die Grenze wirklich kulturelle und traditionelle Unterschiede gibt. Solange ich in Luxemburg gelebt habe war ich mir dessen nicht so wirklich bewusst
Teilweise muss man nicht mal über die Grenze gehen. In D gibt es auch regionale Unterschiede.
Das stimmt allerdings, Harry. In den Details war das sogar in dem kleinen Nachbarland früher von Dorf zu Dorf der Fall.
Heute hat sich das aber eher vereinheitlicht, nur noch die "Alten" wie wir erinnern sich an diese kleinen Geschichten
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Die Geschichte ist wunderbar, liebe Margot; und da ich dich persönlich kennen lernen durfte und wir uns regelmäßig treffen, kann ich mir gar nicht vorstellen, daß du ein Trotzköpfchen gewesen bist
Danke Agnes, in der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft haben wir ja schon so einiges gemeinsam erlebt - und schon oft herzlich zusammen gelacht
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das hast du wunderbar umschrieben, ich kenne dieses Land wunderbare Menschen kennengelernt...prickelnt und sehr schön für mich.

Danke für das einstellen deiner Notiz
Freut mich dass es dir gefällt!
von Luxemburg aus bin ich nach Reykjavik geflogen..die Maschine hatte einen kleinen Ausfall, bin gut gelandet in Island es war im Wonnemonat Mai, mein kleines Pelzjäckchen hatte ich auch dabei es hat mich warm gemacht. Der Höhepunkt war dieses geschäftliche Treffen und das ist auch mit gutem Essen verbunden "Wal ganz natur in kleinen Häppchen verabreicht und dann in Sojasoße" getaucht..es geht noch weiter ich mußte die Lavasteine finden....habe ich auch.....ich hatte noch ein kleines Ticket im Beigepäck...es ging weiter nach Westmänner Inseln...der Flug war sehr schön und imposant (die Vogelinseln) ich bin ausgestiegen aus dem kleinen, feinen Propeller und es stank fürchterlich nach Fischmehl. Sehr sehenswert und auch beeindruckend.
Frau genießt auch dieses Erlebnis haben zu dürfen im Hotel zu übernachten, das Wasser kommt kochendheiß aus der Dusche, eine Pizza hat zu der Zeit (kleine Pizza) DM 25,-- gekostet und ein kleiner Cognac (den habe ich mir auch noch gegönnt) DM 25,00 und das Hotel da tauschen sich die Herren der Schöpfung aus und auch unsere liebe Angie war auch dort.


Das Leben ist eine Zeitreise, danke das ich dieses erleben durfte
Auch eine sehr schöne Geschichte - und bestimmt eine wertvolle Erinnerung für dich
es gehört zu mir und ich habe es erlebt....ich bin die Natürlichkeit in Person und ich habe ein
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