Das Wanderer "Puppchen"
Das Wanderer "Puppchen"Foto-Quelle: www.bildbiographien.de

„Puppchen, Du bist mein Augenstern“: Das Geheimnis in alten Fotografien

Agentur für Bildbiographien Susanne Gebert

Eigentlich sind Autos für mich zum Fahren da, wenn sie dann nebenbei noch nett anzusehen sind, umso besser. Eigentlich. Bis mich mein Urgroßvater, den ich nie kennengelernt habe, mit seinem "Puppchen-Fieber" angesteckt hat ...

In alten Fotografien kann ziemlich viel „Krimi“ stecken. Wenn man genau hinsieht, offenbaren sie manchmal völlig neue Aspekte in der Familiengeschichte. Oder neue Geheimnisse.

Urgroßvaters „Puppchen“-Sammlung

Mein Urgroßvater war ein Automobilist der ersten Stunde.
Er war ein begeisterter Auto- und Motorradfahrer, der in jeder freien Minute mindestens eine seiner vier Töchter und/oder Gattin Olga auf Sitze und Sozius seines jeweils aktuellen Fahrzeugmodells zwängte und mit ihnen von Chemnitz aus kreuz und quer durch Deutschland reiste – erst durch das Kaiserreich, später durch die Weimarer Republik. Dementsprechend sieht auch unser Fotoalbum aus: Fotografien von Autos und Motorrädern unterschiedlichster Bauart vor unterschiedlicher Kulisse, mal mit der einen, mal mit einer anderen Tochter und natürlich sehr oft mit meiner Urgroßmutter, seiner geliebten Ehefrau Olga, im, auf oder neben dem jeweiligen Fahrzeug.

Für echte Oldtimer-Fans ist es völlig unverständlich, aber der Fuhrpark meines Urgroßvaters war mir tatsächlich lange Zeit völlig schnuppe, denn sein „Automobilisten“-Gen habe ich definitiv nicht geerbt.
Autos sind zum Fahren da, und wenn sie dann zusätzlich noch nett aussehen, umso besser.
Der Form halber und weil eben doch ein bisschen Familienstolz daran hängt, habe ich trotzdem Oldtimer-Expertise gesucht und bei Heiko Feld, dem Herausgeber des Online-Magazins classic-car-revue.de gefunden. Und plötzlich wurden Urgroßvaters Automobile doch noch sehr interessant, denn nicht zuletzt durch die abgebildeten Fahrzeuge konnten bis dahin undatierte Fotografien zeitlich sehr genau zugeordnet werden.

Wie nicht anders zu erwarten, hatte mein Urgroßvater über die Jahre eine beachtliche Anzahl von „Wanderer“-Autos gesammelt und gefahren, wobei ihm vor allem das Modell „Puppchen“ besonders am Herzen lag.
„Puppchen“ sind die niedlichen kleinen Autos (1,5 m breit, 3 m lang), die die „Wanderer-Werke“ ab 1913 in Serie gebaut und verkauft haben. Wanderer – ursprünglich ein Hersteller von Werkzeug- und Büromaschinen, Fahrrädern und Motorrädern in Schönau bei Chemnitz – ist relativ spät ins Automobilgeschäft eingestiegen, landete dann aber mit seinem „Wanderer 5/12 PS Typ W3“ (W3 für Wagen3), also dem „Puppchen“, einen echten Verkaufsschlager mit 8000 verkauften Autos.

Der Erfolg des Puppchens basierte zum einen auf seinen hohen technischen Reifegrad (es fuhr immerhin 70 km/h schnell und galt auf Bergpässen als „Klettermaxe“), zum anderen auf einen geschickten Marketing-Coup: In der 1913 uraufgeführte und sehr beliebten Operette "Die keusche Susanne" von Jean Gilbert stand im 1.Akt ein Wanderer W3 als Requisite auf der Bühne, und der aus der Operette stammende Gassenhauer „Puppchen, Du bist mein Augenstern“ war schnell in aller Munde und wurde zum Namensgeber des ersten serienreifen und niedlichen Wanderer-Autos.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das „Puppchen“ erwachsen: Es bekam mehr PS und wuchs vom Zweisitzer, bei dem Fahrer und Beifahrer(in) hintereinander sitzen mussten, zum Drei- und sogar Viersitzer. Den Urgroßvater wird’s gefreut haben, hatte er doch fünf Damen zu transportieren.

Ein unbekanntes „Ur-Puppchen“?

Automodelle der Marke „Wanderer“ wurden bis in die 1930er Jahre produziert. Die 1929 über eine scheinbar florierende Ökonomie hereinbrechende Welt- wirtschaftskrise brachte viele Industriezweige ins Schlingern, darunter natürlich auch die traditionsreichen deutsche Automobilindustrie, die größtenteils in Sachsen angesiedelt war. Auch bei Wanderer wurde der Automobilbau zu einem Geschäft mit roten Zahlen. Die gesamte Motorradfertigung war bereits an NSU und an das tschechische Unternehmen Janecek verkauft worden, nun gab es bei der Dresdner Bank, dem wichtigsten Aktionär der Wanderer-Werke, Überlegungen, auch den Automobilbau abzustoßen.

Soweit kam es aber nicht: 1932 fusionierten Audi, Horch, DKW und der Mittel-klassewagenhersteller Wanderer unter dem Namen "Auto Union AG", wobei alle vier Hersteller weiterhin unter ihrem eigenen Markennamen produzierten. Als Zeichen ihres Zusammenschlusses wurden nun aber alle Fahrzeuge mit dem Firmenzeichen der Auto Union - vier ineinander verschlungene Ringe - versehen.

Während ihres 16jährigen Bestehens agierte die Auto Union AG außerordentlich erfolgreich. Unter ihrem Dach konnten Klein-, Mittelklasse-, Oberklasse und Luxusklassewagen angeboten werden. Im Jahr 1938 war in Deutschland jeder vierte zugelassene Personenwagen ein Automobil der Auto Union, die Gesellschaft war nach Opel der zweitgrößte Automobilhersteller Deutschlands.
Der Zweite Weltkrieg änderte auch hier alles. Im Jahr 1940 wurde die gesamte zivile Autoproduktion bei der Auto Union eingestellt, alle Unternehmen mussten ab sofort für die deutsche Rüstung produzieren. 1945 legte die US-Armee sämtliche Betriebe still, die sowjetische Besatzungsmacht demontierte die Anlagen als Reparation für Kriegsschäden und transportierte sie in die UDSSR ab. 1948 wurde die Auto Union AG aus dem Handelsregister Chemnitz gelöscht.

Doch die vier ineinander verschlungene Ringe blieben: Im nordbayerischen Ingolstadt, einem ehemaligen Vertriebszentrum der Firma, standen damals glücklicherweise einige vormals militärische Gebäude leer und waren unbeschädigt ... aber das ist eine andere Geschichte.

In den Wanderer-Autos des Urgroßvaters kann man Kindheit und Jugend meiner Großmutter und ihrer Schwestern verfolgen, ziemlich genau datiert, da er sich regelmäßig die neusten Modelle zulegte. Mittlerweile konnte Heiko Feld vieles aus Urgroßvaters Modellpalette klassifizieren – im Wesentlichen alles, bis auf eines. Und dieser eine, nicht einzuordnende Wagentyp lässt mich tatsächlich fast zum Oldtimer-Fan werden.

Die Fotografie dieses Automobils ist auf das Jahr 1910 datiert und zeigt laut Familiengeschichte „Urgroßvaters erstes Auto“; gleichzeitig soll es auch eines der ersten Automobile gewesen sein, die in Chemnitz fuhren. Doch trotz der stolzen, liebevollen und jahrzehntelangen Betrachtung dieser Fotografie, ist niemanden der Kühler des „ersten Autos“ aufgefallen. Da ist nämlich untypischerweise nichts, kein Schriftzug, kein Markenemblem, nichts, was auf die Herkunft dieses Automobils hinweist. War Urgroßvater in seinen jungen Jahren etwa Fahrer eines „Geister“-Mobils?

Das wohl nicht, allerdings hat er ab 1903 über vierzig Jahre lang als Ingenieur (und später Betriebsleiter) bei den „Wanderer-Werken“ gearbeitet. Sein Spezialgebiet – und damit seine zweite Leidenschaft – waren jedoch Schreibmaschinen, wobei es innerfamiliär hartnäckige Gerüchte gab, er habe kurzfristig auch „etwas“ mit Autos und Motorrädern zu tun gehabt, und damit Gattin Olga verärgert.
Die emblemfreie Kühlerhaube könnte für diese Gerüchte sprechen (und dafür, dass Olga zu Recht sauer war. Welche Ehefrau sieht ihren Mann und den Vater ihrer Kinder schon gerne als Testfahrer in einem noch zu entwickelnden Auto-Modell?).

Neben neuem Spekulationsstoff für die heimische Gerüchteküche könnte dieses Foto natürlich auch ein interessanter Baustein in der Firmengeschichte der „Wanderer-Werke“ sein. Bevor das „Puppchen“ – der W3 – 1913 das Licht der Welt erblickte und in Serie ging, hatte Wanderer schon ab 1903 den „W1“ (Wagen 1 oder „Wanderermobil“, heute im Verkehrsmuseum in Dresden zu besichtigen) und 1906 den viersitzigen „W2“ als Einzelstücke und Versuchsfahrzeuge gebaut.
Die Wanderer-Werke hatten aber auch mit dem damals noch unbekannten Ettore Bugatti verhandelt und von ihm einen Kleinwagen für zwei Monate zu Testzwecken erhalten, sich aber dann doch für die Entwicklung eines eigenen Wagens entschieden.

Fest steht, dass keine dieser Möglichkeiten zu „Urgroßvaters erstem Auto“ passt. Der Wagen ist angemeldet, ein Zweisitzer und hat die Kühlerform der ersten „Wanderer“-Jahre, aber kein Emblem. Ein nicht oder nur wenig bekanntes Zwischenmodell? Der Urgroßvater also doch ein wagemutiger Testpilot?
Man weiß es nicht, und wir werden weiter recherchieren. Es ist nur eine winzig kleine Episode in der Geschichte der „Wanderer“-Werke oder gar in der „ganz großen“ Geschichte. Und trotzdem ist es spannend, was man bei genauer Betrachtung so alles in den Fotoalben kleben oder stecken hat….

Weiterführender Link:
Der vollständige Artikel mit allen „Puppchen“-Fotografien ist in meinem Blog Generationengespräch unter Puppchen, Du bist mein Augenstern veröffentlicht.

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