Die Welt der Unity Mitford
Die Welt der Unity MitfordFoto-Quelle: www.bildbiographien.de

Die Welt der Unity Mitford

Agentur für Bildbiographien Susanne Gebert

Unity Valkyrie Mitford ist in den 1930er Jahren eines der angesagtesten „It-Girls“ der feinen Londoner Gesellschaft, verwandt mit jedem, der in Großbritannien Rang und Namen hat. Sie ist schön, exzentrisch und wild, wird zur glühenden Faschistin und fasst den Plan, Adolf Hitler kennen zu lernen. Ihr Plan gelingt, aber Hitlers „Gunst“ stürzt auch sie – wie viele andere — ins Verderben.

Es war ihre vier Jahre ältere Schwester Diana, die klassische Schönheit der Familie und Miss England des Jahres 1932, die Unity Mitfords Leben zweimal entscheidend veränderte.

Das erste Mal im Jahr 1929, als Diana mit der “heißeste männlichen Partie” des britischen Heiratsmarktes, dem millionenschweren Erben des Bier- und Whiskyimperiums Bryan Guinness, vor dem Traualtar steht.

Die damals 15jährige Unity Valkyrie Mitford ist nur eine von vielen – eine von insgesamt elf Brautjungfern (ihren zweiten Vornamen „Valkyrie“ verdankt Unity übrigens ihrem Großvater, dem ersten Baron Redesdale, der ein großer Verehrer Richard Wagners war).

Aber schon bald nach der Hochzeit des Jahres erobert sie als Dianas kleine Schwester die Londoner Szene für sich.

Aus der adligen Landpomeranze Unity wird dank der guten Kontakte ihres neuen Schwagers schnell ein gefeiertes „It-Girl“, das gemeinsam mit ihrer schönen Schwester zu den exklusivsten Bällen und Partys der Londoner jeunesse dorée eingeladen wird.

Dort wird sie mehr und mehr zum glamourösen Mittelpunkt — schließlich lädt man die wilden “Mitford-Sisters” immer mit der Hoffnung ein, dass sie wenigstens für einen kleinen Skandal zu haben sind. Unity ist immer für einen Skandal zu haben.

Die wilden Mitford-Schwestern


Unity ist nicht nur seit ihrer frühesten Kindheit kaum zu bändigen, sondern wächst auch optisch zu einer Debütantin mit beträchtlichem Ausmaß heran: Mit ihrer Körpergröße von über 1 Meter 80 überragt sie fast alle, dazu kommen ihre üppige blonde Haarmähne und ihre ungezähmter Lust zur Provokation.

Sie sähe aus „wie ein riesiger Pfau“ schreibt ihre jüngere Schwester Jessica voller Bewunderung (insgesamt gibt es sechs „Mitford-Sisters“ und einen Bruder).

Genüsslich werden die Allüren von Diana und Unity von allen britischen Gazetten aufgegriffen und bis ins letzte skandalöse Detail berichtet. Damit finden sie immer schnell den Weg von London nach Swinbrook, dem Sitz der Familie, und dürften den geplagten Eltern einige Male Toast und Earl-Grey zum Frühstück verdorben haben. „Wenn ich lese ‚gewisse Töchter eines Lords‘, genügt mir das. Es seid immer ihr", schreibt Lady Redesdale, ihre entnervte Mutter.

Für Lady Redesdale kommt es aber noch schlimmer: Wenige Jahre nach ihrer Traumhochzeit mit Bryan Guinness lernt Unitys Schwester Diana auf einem Maskenball den Millionär und Politiker Oswald Mosley kennen.

Sie verliebt sich Hals über Kopf in den schneidigen, ganz in faschistisches Schwarz gekleideten, 15 Jahre älteren „Leader“ der „BUF“ (British Union of Fascists), lässt ihren Ehemann und Whiskyerben Bryan Knall auf Fall sitzen und zieht mit ihren beiden kleinen Kindern in ein elegantes Haus am Eaton Square, um Mosleys offizielle Geliebte zu werden.

Auf der Jagd


Für die leidgeprüften Eltern kommt es aber noch schlimmer: Im Juni 1933 lernt auch Unity Mosley kennen und schätzen.

Seine Theorien zu Faschismus und Nationalsozialismus ineressieren sie wenig, aber der attraktive Mosley in seiner schwarzen Parteiuniform gefällt ihr; ebenso die Marschmusik, die Kampfgesänge und Heilrufe, kurzum der gesamte Radau, der zu jedem BUF-Auftritt gehört.

Unity wird schnell zur begeisterten Anhängerin Mosleys und verkauft – als feine Aristokratin, die bis dahin jede gewöhnliche Tätigkeit als langweilig abgetan hatte – in (maßgefertigter) Parteiuniform gekleidet auf der Straße das BUF-Blatt „The Blackshirt“.

Mehr und mehr begeistert sich die Lady aber auch für den "echten" Führer und beschließt, nach München zu reisen, um Adolf Hitler persönlich kennen zu lernen.

Ihre erste Reise nach Deutschland unternehmen die beiden umtriebigen Schwestern Unity und Diana im Jahr 1933, dem Jahr der „Machtergreifung“.

Ernst Hanfstaengel (‚Putzi‘), Auslandspressechef der NSDAP, soll dabei helfen: Man kennt und schätzt sich von mehreren Partys der feinen Londoner Gesellschaft.
Allerdings haben die Schwestern ‚Putzis‘ Einflussmöglichkeiten falsch eingeschätzt – ebenso wie ihre eigene Wirkung - zu viel Make Up, wie Hanfstaengel später in seinen Memoiren schreibt.

Doch auch ohne Make Up und dem deutschen Frauentum entsprechend zurechtgemacht, gelingt es den beiden Schwestern nicht, bis zu „IHM“ vorzudringen.

Dafür können sie den Führer mehrmals bei öffentlichen Auftritten bewundern: „Als ich Adolf Hitler sah, wusste ich, dass ich niemanden anderen lieber treffen würde!“, schreibt Unity später.

Eine Urgroß­mut­ter namens ‚Fish‘


Der Win­ter 1933/34 muss für Lord und Lady Redes­dale eine echte Eltern-Hölle gewe­sen sein.

Ihre aus Deutsch­land zurück­ge­kehrte und von Hit­ler beseelte 19jährige Toch­ter Unity ver­bringt ihre Tage mit dem Sor­tie­ren unzäh­li­ger Hitler-Fotografien und spielt wäh­rend­des­sen stän­dig und in dröh­nen­der Laut­stärke das Horst-Wessel-Lied auf ihrem Gram­mo­phon ab.
Ihr Zim­mer ist deko­riert mit Haken­kreuz­fah­nen und Hit­ler­bil­dern, und zu jeder Gele­gen­heit ent­bie­tet sie den „deut­schen Gruß“ oder ver­kün­det laut­stark natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Parolen.

Unitys drei Jahre jün­gere Schwes­ter Jes­sica hat zwi­schen­zeit­lich ihre Liebe zum Kom­mu­nis­mus ent­deckt und ver­teilt Lenin-Büsten im Haus. (Wenige Jahre spä­ter brennt sie – noch min­der­jäh­rig – mit einem Nef­fen Wins­ton Chur­chills durch, um im spa­ni­schen Bür­ger­krieg gegen die Faschisten zu kämp­fen.)

Die explo­sive Stim­mung auf dem Fami­li­en­sitz Swin­brook droht endgültig zu eskalieren, als die älteste Schwes­ter des Sex­tetts, die spä­te­re Schrift­stel­le­rin Nancy Mit­ford, plötz­lich behaup­tet, im Stamm­baum der Fami­lie eine jüdi­sche Urgroß­mut­ter namens Fish ent­deckt zu haben, und ankündigt, Dianas Geliebten Mos­ley zu informieren, dass die Schwestern zu einem Sech­zehn­tel Juden seien.

Vater Lord Redes­dale gilt zwar sogar für bri­ti­sche Ver­hält­nisse als Exzen­tri­ker und verschreckt gerne Nach­barn, Freunde und Ver­wandte mit sei­nen unver­blümt vor­ge­tra­ge­nen und har­schen Mei­nun­gen. Aber ausgerechnet seine Töchter, die er abgöt­tisch liebt, scheinen ihn in dieser Hinsicht noch zu übertrumpfen.

Ver­mut­lich ist es reine Not­wehr als sich Lord und Lady schließ­lich von ihrer Toch­ter Unity über­re­den las­sen, für sie ein Sprach­stu­dium in Deutsch­land zu finan­zie­ren. Viel­leicht haben sie auch einen klei­nen Fun­ken Hoff­nung, ihre wilde und unbän­dige Toch­ter könnte end­lich etwas Sinn­vol­les mit ihrem Leben anfan­gen.

Wer ist denn dieses Urbild einer Germanin?


Im Früh­jahr 1934 reist Unity mit einer groß­zü­gi­gen väter­li­chen Apa­nage von 100 Pfund im Gepäck wie­der nach Deutsch­land, quar­tiert sich dort im vor­neh­men Mäd­chen­pen­sio­nat der Baro­nin Laro­che in der König­straße in Mün­chen ein und begibt sich erneut auf die Jagd.

Gleich nach ihrer Ankunft schreibt sie an Hit­ler, bekommt aber nie eine Ant­wort. Schließlich schafft sie es, seine pri­vate Tele­fon­num­mer her­aus­zu­fin­den, er ist aber nie zu spre­chen. Von ihrem Fri­seur bekommt sie den Tipp, dass Hit­ler samt Gefolge gerne in der „Oste­ria Bava­ria“ in Schwa­bing speise und geht fortan jeden Tag zum Mit­tag- und zum Abend­es­sen dorthin.

Es dauert zehn Monate, bis Adolf Hitler sich end­lich ken­nen­ler­nen lässt.
Unity sitzt hart­nä­ckig jeden Mit­tag und jeden Abend mit auf­ge­schla­ge­nen Deutsch­bü­chern in der Nähe des Stamm­ti­sches, an dem sich der "Führer" mitsamt seiner Entou­rage niederzulassen pfle­gt, wenn er in Mün­chen ist und ihm der Sinn nach böhmisch-österreichischer Küche steht.

Beim Mit­tag­es­sen am 9. Februar 1935 ist es dann end­lich soweit: „ER“ wird auf Unity auf­merk­sam und soll sich mit den Wor­ten „Wer ist denn die­ses Urbild einer Ger­ma­nin?“ nach ihr erkun­digt haben.
Unity wird an sei­nen Tisch gebe­ten.

Hitler und die Frauen


Unge­ach­tet sei­nes sorg­fäl­tig auf­ge­bau­ten Images als Mann ohne Pri­vat­le­ben, der in völ­li­ger Askese nur für Volk und Vater­land lebt, hatte Hit­ler ein sehr gro­ßes Inter­esse an Frauen (und sie an ihm); vor allem an sol­chen, die leicht zu beherrschen und deutlich jünger als er waren.

„Gegen­über Frauen konnte der Mas­sen­mör­der von einer aus­ge­such­ten Höf­lich­keit sein“, schreibt Klaus Wieg­refe in sei­nem Arti­kel Die Braut des Bösen.

Nachdem das Kennenlernen geschafft war, ist Unity mehr Feuer und Flamme denn je.

Bereits am 10. April 1935 sieht man sie an Hitlers Seite beim gesellschaftlichen NS-Großereignis des Jahres, der Hochzeit Hermann Görings mit der Schauspielerin Emmy Sonnemann.

Viele weitere gemeinsame Auftritte öffnen der 21jährigen Britin in kurzer Zeit nicht nur sämtliche gesellschaftliche Türen in der neuen High-Society des Dritten Reiches; hinter vorgehaltener Hand wird bald auch über Hitlers neuste „First Lady“ gemunkelt.

Dass es da eigentlich schon eine andere gibt, wird Unity sehr schnell zugetragen.
Sie kann es kaum fassen, als man ihr von Hitlers mehrjährigen Beziehung zu einem kleinen Ladenmädchen namens Eva Braun berichtet, die im Fotogeschäft von Hitlers Lieblingsfotografen Heinrich Hoffmann arbeiten soll.

Mit dem Selbstbewusstsein der britischen Upperclass beschließt Unity, den Stier bei den Hörnern zu packen und sich dieses „Fräulein Braun“ genauer anzusehen.

Als sie in Hoffmanns Fotogeschäft ihrer mutmaßlichen Nebenbuhlerin Eva Braun gegenübersteht, um dort einen Film zum Entwickeln abzugeben, ist Unity zunächst beruhigt. Dieses schüchtern wirkende, einfach gekleidete Mädchen soll die Geliebte des „Führers“ sein?

No way! Aber dann – so will es zumindest die Anekdote – fällt Unitys Blick beim Verlassen des Ladens auf Eva Brauns Schuhe: Ein luxuriöses und sündhaft teures Paar von Ferragamo aus Florenz, das es in Deutschland nicht zu kaufen gibt.

Ab diesem Moment soll der britischen Lady klar gewesen sein, dass sie nicht außer Konkurrenz läuft.


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Die Fortsetzung im zweiten Teil: „Wir nannten sie die dänische Kuh, weil sie so groß, stark und dumm war.“ Unity Valkyrie Mitford ist in den 1930er Jahren ein exzentrisches It-Girl der feinen Londoner Gesellschaft. Vermutlich mehr aus Langeweile schließt sie sich den britischen Faschisten an, wird zur glühenden Verehrerin Adolf Hitlers, reist nach München, um den “Führer” kennenzulernen und in den “inner circle” der neuen nationalsozialistischen High-Society im Dritten Reich aufzusteigen. Ein deutsch-britisches Techtelmechtel mit Folgen?

Hitlers It-Girl

Den vollständigen Artikel mit allen Darstellungen und weiterführenden Leseempfehlungen ist in meinem Blog Generationengespräch zum Nachlesen:
Vom It-Girl zur Walküre

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