Reiseführer für eine Zeitreise durch die Zeitenwende

Beitrag von wize.life-Nutzer

Was "Fantasy"- und "historische" Romane so bieten, habe ich mir durch längere Lektüre in unterscheidlichen Kontexten angeeignet. Ich finde, dass die simplen, manchmal banalen Wahrheiten, um die es oft in der Geschichte geht, oft mehr Spannung und Neugierde erwecken können als erdachte Plots um Henker und Hexen, Huren und Heilige. Wenn dann noch anachronistisch Heißluftballons über der Schlacht von Crécy schweben oder die Musketiere des 17. Jahrhunderts mehrschüssige Waffen aus dem Schulterhalfter ziehen, ist das für mich sogar eine Beleidigung der Fantasie. Warum durch so etwas etwas einfacher und damit weniger spannend machen als es war? Die Handlungen der Geschichte nahmen den Verlauf, den sie hatten, gerade weil es in der Vergangenheit nicht die Möglichkeiten gab, die man heute zur Verfügung hat und stellten die Menschen vor Herausforderungen, die sie mit den Mitteln der damaligen Zeit zu lösen hatten. Außerdem sind oftmals die nicht gelösten und niemals zu lösenden Rätsel in der Geschichte ihr spannendster Teil - also genau das, was wir nicht wissen und niemals wissen können, wenn wir es wissenschaftlich betrachten. Geimnisse, die nicht gelöst werden finde ich nun einmal anrecgendeer als solche, die duchr nachträglich eingebaute Falltüren, geheime Federmechanismen oder flugfähige Pferde gelöst werden.
Natürlich ist meine "Reisereoute" auch willkürlich in dem Maße, wie sie zusammengestückelt aus zufälligen und subjektiven, wissenschaftlichen und fiktionalen, authentischen und mittelbaren, zeitbezogen und überzeitlich thematisierten Werken ist, aber es ergibt ein ungemein spannendes Bild in Einzelperspektiven, das allein durch meine offengelegte subjektive Sicht zusammengehalten wird.

Meine literarische Reise durch die große Zeitenwende geht los um 1350, endet etwas später, so um 1650 … In der Gesamtheit nicht wissenschaftlich, aber informativ (wenig absolut erfundenes dabei)und „illuster“, weil spannend, amüsant (zum Teil …) und unterhaltsam. Bevor aber irgendwer mir dankt, indem er oder sie sich durch die Liste arbeitet, bitte ich um eins:

1. Kritische Anmerkungen sind willkommen
2. Korrekturen falscher Beurteilungen ebenso
3. Hinweise auf weitere oder alternative "Stationen" würden mich möglicherweise in den siebten Himmel führen ...

Viel Spass beim Lesen ...

... äh, ja, ich meinte schon, dass man sich einen Teil der Bücher vielleicht mal höchstselbst vorknöpft und nicht nur die kommentierte Literaturliste. Den "Gargantua", den "Henri-Quatre", den "Simplicissimus", das "Narrenspital" kann ich nur dringendst empfehlen, und auch Liselottes "Briefe" können dank ihres derben Humors mindestens zwei komplette Comedy-Serien ersetzten. Typen wie Mario Barth oder Kris Tall ledert die Dame allemal ab ...

Ja, die Liste:

Johan Huizinga: „Herbst des Mittelalters“ (Klassiker eines niederländischen Mediävisten) angelesen
Werner Bergengruen: „Der Großtyrann und das Gericht“.Geschichte über den Machtmissbrauch, angesiedelt im Italien der Frührenaissance. Unheimlich und beklemmend. Auf Omas Empfehlung hin gelesen.
William Shakespeare: „Henry V.“ Ein junger Rotzlöffel krempelt alles um. Pure Tudor-Propaganda, aber dennoch erhaben und erhebend. Mehrfach gelesen.
Phillipe de Commynes: „Memoiren“.Selbstgefällig-arrogante, aber ungemein spannende und informative Erinnerungen eines opportunistischen Soldaten und Diplomaten an den Höfen Louis' XI. und Charles VIII. Oder die eines Diplomaten in einer opportunistischen Zeit? gelesen
Francois Rabelais: „Gargantua und Pantagruel“ Grotesk-durchgeknallte Satire eines Arztes, Juristen und Diplomaten auf so ziemlich alles im Frankreich des frühen 16. Jahrhunderts. Sofort nach Erscheinen der jeweils fünf Einzelbände wurden diese verboten. Erster absoluter Höhepunkt. Ein Lacher, ein Brüller sogar, aber lehrreich für den damaligen Zeitgeist. Seit dem 17. Lebensjahr gefühlt knapp ein dutzend mal gelesen ...
Benvenuto Cellini: „Leben des Benvenuto Cellini, florentinischen Goldschmieds und Bildhauers / von ihm selbst geschrieben“ (Selbstgefällig-arrogante, aber ungemein spannende und informative Autobiographie eines ziemlich gewalttätigen Künstlers. Oder eines Künstlers in einer gewalttätigen Zeit? Gelesen.
Anonym: „Das Leben des Lazarillo vom Tormes“ Schelmenroman aus dem Spanien des späten 16. Jahrhundert. Gelesen.
Alexandre Dumas père: „La Reine Margot“. Die Religionskriege aus der Sicht eines Mitgliedes des Hauses Valois und erster Ehefrau des „Henri-Quatre“. Angelesen, aufgehört, Dumas' Französisch ist mir zu schwer ...
Pierre de Bourdeille, Seigneur de Brantome: „Das Leben der galanten Damen“ Ein Soldat, Diplomat und Schriftsteller, Zeitgenosse der Reine Margot und des Henri-Quatre, plaudert aus dem Nähkästchen. Harrt der Beschaffung und des Lesens...
Heinrich Mann: „Die Jugend des Königs Henri-Quatre“ Die Religionskriege aus der Sicht eines Mitgliedes des Hauses Bourbon und ersten Ehemannes der „Reine Margot“. Ein halbes Dutzend mal gelesen …
Heinrich Mann: „Die Vollendung des Königs Henri-Quatre“ Der Nachgang der Religionskriege aus der Sicht eines altersmilden Zynikers der Macht. Ein halbes Dutzend mal gelesen ...
Alexandre Dumas père: „Die Drei Musketiere“ Genialer (Fortsetzungs-)Groschenroman auf Grundlage der „Memoires de Mr. d'Artagnan, capitaine lieutenant de la premiere compagnie des mousquetaires du roi.“ über den wohl populärsten Soldaten, Polizisten und Geheimagenten aller Zeiten, angesiedelt zu Beginn des 30-Jährigen Krieges, als Frankreich sich - u.a. mit Unterstützung des d'A. - zum absolutistischen Zentralstaat wandelte.(Mindestens) ein Dutzend mal (erstmalig auf schwedisch …) gelesen
Alonso de Contreras: „Leben, Taten und Abenteuer“ Selbstgefällig-arrogante, aber ungemein spannende und informative Autobiographie eines gewalttätigen Soldaten. Oder eines Soldaten in brutaler Zeit? Zum Teil schwer verdaulich. Horror-Passage dieser Zeitreise. Gelesen. Überspringe ich ...
Peter Hagendorf: „Tagebuch eines Söldners aus dem 30-Jährigen Krieg“ Mal nicht aus der Sicht der Obristen und Generalissimi, mal nicht belehrend, sondern nüchtern berichtend … sorry, Herr Schiller, sorry, Herr Brecht. Auch schwer verdaulich. Auch Horror. Harrt der Beschaffung und des Lesens ...
Gatien Courtilz de Sandras „Memoires de Mr. d'Artagnan, capitaine lieutenant de la premiere compagnie des mousquetaires du roi.“ Wohl etwas freie, aus der Erinnerung, den Erzählungen von Zeitgenossen und Zeitungsberichten zusammengesetzte Biographie des wohl populärsten Soldaten, Polizisten und Geheimagenten aller Zeiten. Harrt der Beschaffung und des Lesens... Ich hoffe, dass mein Französisch ausreicht.
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: „Der abenteuerliche Simplicissimus“ Autobiographisch gefärbter, reflektierender Roman eines als Kind verwaisten, zum Kriegsdienst gepressten und auf wechselnden Seiten kämpfenden ehemaligen Soldaten, der wie Peter Hagendorf als Gastwirt und Bürgermeister seinen Lebensabend geniesst. Gelesen. Zweiter, etwas ernüchternder Höhepunkt der Reise.
Herfried Münkler „Der Dreissigjährige Krieg“. Nüchterne, analytische und unparteiische Betrachtung des epochalen Ereignisses, das Europa umwälzte wie später nur die napoleonischen und die Kriege des 20. Jahrhunderts und dessen Ergebnisse z.T. heute noch bestehen. Gelesen. Wird noch mal gründlich durchgearbeitet ...

Prequels (oder eben wie alles anfing ...):

Emmanuel LeRoy LaDurie: „Montaillou. Village Occitan 1296-1324“. Etwas idealisierende Beschreibung des (tatsächlich wohl alles andere alle als angenehmen) Lebens in einem französischen „Ketzerdorf". Gelesen, inzwischen etwas enttäuscht nach späterer Rezension.
Giovanni Boccacio: „Decameron“. So lustvoll war's im Mittelalter … wenn man's überlebte. Klassische Geschichten.) Gelesen. Kommt wieder dran. Dreckig. Komisch. Lehrreich.
Geoffrey Chaucer: „Canterbury Tales“. So witzig war's im Mittelalter … na, auch nicht ganz. Klassische Geschichten. In Auszügen gelesen
Barbara Tuchman: „Der ferne Spiegel“. So glanzvoll war's im Mittelalter … als es schon schwächelte. Klassiker amerikanischer Geschichtsschreibung. Gelesen.


Sequels (... oder wo sind sie denn alle hin?):

Johann Beer „Das Narrenspital". Sarkastische und entlarvende Schilderung des Elends im „Frieden“ des barocken Deutschland im späten 17. Jahrhunderts. Mehrfach gelesen, gelacht und immer wieder zitiert ...
Louis de Rouvroy, duc de Saint-Simon : „Memoires“. Abrechnung eines Angehörigen des Hofadels in Versailles mit der Korrumpierung durch absolute Macht. Harrt der Beschaffung und des Lesens. Hoffentlich reichen meine Französisch-Kenntnisse diesmal.
Liselotte von der Pfalz „Briefe“ Spöttisches Erstaunen einer Angehörigen des Hofadels in Versailles darüber das die Korrumpierung durch absolute Macht auch vor einer Verteidigerin derselben nicht haltmacht. Harrt der Beschaffung und des Lesens.
Daniel Defoe: „Robinson Crusoe“ Ein Mensch findet in der Distanz zu sich selbst. Nüchtern und aufgeklärt. Auf Schwedisch, Deutsch und Englisch gelesen. Bedarf wegen des prägenden Einflusses in Kindheit und Jugend wahrscheinlich dringend der Hinterfragung ...