Nur Mut !!!!

Low-Vision-Kreis
Beitrag von Low-Vision-Kreis

Nur Mut nach einer abgelehnten Kostenübernahme für eine Fernrohrlupenbrille!!

Am 29.01.2014 fand am Sozialgericht Dortmund eine Verhandlung im Zusammenhang mit der abgelehnten Kostenübernahme für eine Fernrohrlupenbrille statt. Optikernetz war vor Ort als Reporter anwesend.

Die Klägerin leidet an AMD und hat mehrere Operationen über sich ergehen lassen mit der Aussicht auf keine weitere Besserung. Um sich im Alltag zurechtzufinden, ist sie auf vergrößernde Sehhilfen angewiesen. Nur die Fernsehlupenbrille, die ihr durch einen spezialisierten Augenoptiker in Dortmund angepasst wurde, ermöglicht es ihr, nicht nur im absoluten Nahbereich Aufgaben im Haushalt und am Bildschirm zu erledigen und andere körperliche und geistige Grundbedürfnisse zu befriedigen. Zudem ist damit beidäugiges Sehen in einem großen Sichtbereich und auf verschiedenen Distanzen sowohl in der Wohnung als auch außerhalb beim Einkauf oder der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel möglich. Ebenso erleichtert die Fernrohrlupenbrille ihren Aushilfsjob am Bildschirmarbeitsplatz.

Die Kostenübernahme durch die Krankenkasse der Klägerin wurde abgelehnt. Mithilfe der dann im Jahr 2011 schließlich durch den Augenoptiker abgegebenen Fernrohrlupenbrille hat sich ihre Sehleistung auf über 30 Prozent verdoppelt. Die Kosten trug sie privat. Erst im Nachhinein, nachdem die deutliche Verbesserung der Sehleistung und Lebensqualität auch für Außenstehende erfassbar war, fasste die Kundin Mut und klagte gegen ihre Krankenkasse auf Übernahme der Kosten.

Mit tatkräftiger Unterstützung ihres Augenoptikers, der als Zeuge vor Gericht geladen wurde, konnte sowohl dem Vertreter der Beklagten als auch dem Richter die Alternativlosigkeit der Fernrohrlupenbrille deutlich aufgezeigt werden. Die Heil- und Hilfsmittelrichtlinien der Krankenkassen sehen eine Versorgung mit einer Fernrohrlupenbrille allerdings nur für den Nahbereich vor. Dieser ist jedoch, wie auch die Kammer feststellte, unklar definiert. Eine Regelung des grundsätzlichen Sachverhalts durch höhere Instanzen lehnte die Kammer allerdings ab. Auch Entfernungen zu einem Bildschirm oder Monitor in bis zu 90 cm Abstand könnten als Nahbereich ausgelegt werden, so das Gericht in der mündlichen Verhandlung, wenn dadurch ein körperlicher und geistiger Freiraum erhalten wird.

Im Rahmen eines Vergleichs einigten sich die Parteien darauf, dass die Klägerin die verauslagten Kosten erstattet erhält, bis auf die geltend gemachten Zinsen. Da bei einem Vergleich anstelle eines Anerkenntnisses durch die Krankenkasse das Gericht im Sitzungsprotokoll noch eigene Rechtsansichten festhält, wird auch dieses Verfahrensergebnis bei weiteren Musterprozessen dazu dienen, noch mehr Argumente für die Abgabe von Fernrohrlupenbrillen zu Lasten der GKV auch für die mittlere und weite Distanz aufführen zu können. Optikernetz wird erneut berichten, sobald das Gerichtsprotokoll vorliegt.

Eine erfreuliche Entscheidung für die Klägerin und für die Augenoptik! Man darf gespannt sein, ob weitere Urteile den Anwendungsbereich der Fernrohrlupenbrille auch in „mittel-fernen“ Distanzen festigen, welche die Alltagsbewältigung Betroffener so immens wichtig sind. Hierzu kann man nur raten, betroffenen Kunden die Möglichkeit der Durchsetzung eines berechtigten Interesses nahezubringen.

Quelle: optikernetz.de
Autor: Ingo Kemmer