Meine Brille liegt im Kühlschrank. Und Ihre?
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Meine Brille liegt im Kühlschrank. Und Ihre?

Sonja Bissbort
Beitrag von Sonja Bissbort

Unser Gedächtnis ist ein Wunderwerk. Es gibt so viele Details, an die es sich für uns erinnert. Aus frühesten Kindheitstagen bis an wichtige to do's für den Freitag in drei Wochen, an dem wir ein großes Meeting haben. Schon lange bevor es Terminkalender in welcher Form auch immer gab, hat es dafür gesorgt, dass (meist) nichts und niemand vergessen wurde.

Ich kann mich z.B. noch sehr gut an das Lächeln meiner Tante Loni erinnern, wenn sie mich in den Arm nahm und herzte.


Da war ich maximal zwei Jahre alt, aber ich habe das Strahlen in ihren Augen und die Herzlichkeit in ihrer Stimme nie vergessen. In jeder noch so großen Menschenmenge würde ich sie sofort erkennen. Ich kann mich auch noch sehr genau an viele kleinste Details aus meiner Schulzeit erinnern, meine erste Jeans, die ich gegen den Willen meiner Eltern vom ersparten Taschengeld kaufte, zusammen mit einem weißen Mohairpulli. Ja, ich spüre noch genau auf meiner Haut, wie toll sich beide Kleidungsstücke anfühlten.

Neben dem Langzeitgedächtnis steht uns zudem unser Kurzzeitgedächtnis zur Seite. Beide arbeiten Hand in Hand. Ich stelle mir das so vor wie meinen Rechner auf dem Schreibtisch und das Laptop zum Mitnehmen.

Je nach Bedarf und Situation schalten sich Lang- und Kurzzeitgedächtnis ab oder zu.


Und manchmal erlauben sie sich eben einen Streich. Da bringen sie Tante Loni und Onkel Hubert durcheinander, verwechseln einen wichtigen Termin mit einem unwichtigen und treiben ihren Schabernack mit unserer Brille oder unserem Haustürschlüssel. Moderne Errungenschaften wie das Handy spielen ihnen zu und sorgen wir manche Überraschung in unserem ach so geregelten Alltag.

Vor vier Tagen suchte ich meine Brille. Überall.


Ich meine mit überall wirklich überall. Ich drehte jede Socke um, habe sogar die Terrasse abgesucht. Kurzum: ich war an allen möglichen Stellen, auch den unmöglichen, an denen ich sie bei früheren Suchen schon zu meiner großen Verwunderung entdeckt hatte. Alles blieb erfolglos, die Brille blieb verschwunden. Ich habe ja noch eine Ersatzbrille, aber die schöne neue war weg. Zwei Tage lang war sie wie vom Erdboden verschwunden und jeder, der an Kobolde oder Heinzelmännchen glaubt, hätte seine helle Freude gehabt.

Vorgestern suchte ich meinen Kühlschrank nach Essbarem durch. Ich hatte keine richtige Lust auf Fleisch oder Fisch und erinnerte mich an die Packung Rote Beete, die im Gemüsefach verstaut lag. Als eiserne Ration. Und siehe da - neben der Roten Beete strahlte mich meine Brille an.

Fragen Sie mich nicht, wie sie dahin gekommen ist. Mein Gedächtnis hat daran keine Erinnerung, zumindest gibt es sie nicht frei.


Bin ich nun vergesslich? Altersvergesslich? Gar dementgefährdet? Oder ist es nicht auch einfach gut, vergessen zu dürfen und vergessen zu können?

Die Zahlen und Statistiken wollen uns weismachen, dass das Risiko mit jedem Jahrzehnt steigt. Bei den 85- bis 89-jährigen sind es 24 Prozent, so das Max Planck-Institut für Bildungsforschung in der Berliner Altersstudie. Schon heute leben in Deutschland rund 1,3 Millionen Frauen und Männer mit einer Demenz. Für das Jahr 2050 sollen es 2,6 Millionen sein, sagt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend voraus.

Ist Demenz wirklich unser Preis fürs Älterwerden?


Vielleicht stimmen die Zahlen und Prognosen, vielleicht irren sie sich auch und dramatisieren etwas, was es schon immer gab. Ich erinnere mich auch an ältere Menschen in meiner Kindheit, die "durcheinander" waren. So sagte man damals dazu, wenn Menschen in einem Zwischenreich lebten und sich nicht mehr allein versorgen konnten, weil sie z.B. die Butter nicht im Kühlschrank, sondern zwischen der Wäsche im Kleiderschrank aufbewahrten. Das war dann halt so und irgendwer hat sich um sie gekümmert, jemand aus der Familie, jemand von den Nachbarn. Und heute?

Vielleicht bauschen Statistiker und Mediziner und Pharmafirmen ganz normale Prozesse in unserem Gehirn und Gedächtnis nur ein wenig zu sehr auf, um uns Mittelchen und Sonstiges präventiv nahezulegen. Wir kennen das ja von all den verschiedenen Grippewellen, die uns zur Impfung aufrufen. Möglicherweise müssen wir nur wieder mehr Sorge dafür tragen, uns gegenseitig zu stützen. Die demente Mutter einer Freundin wird seit einiger Zeit von einer polnischen Pflegerin betreut. Die beiden lachen viel miteinander und irgendwie hat sich sogar der Zustand der betagten, früher allein lebenden Frau verbessert.

Ich habe jedenfalls nicht vor, mich wegen drohender Demenz zu beunruhigen, wenn meine Brille mal wieder die Rote Beete aufsucht oder ich einen angeblich lebenswichtigen Termin vergesse. Ich stelle mir lieber mein Gedächtnis als durchaus autonomes Wesen vor, das - ganz ähnlich meinem Computer oder Laptop - mitunter ein Reset benötigt oder anders agiert, als ich es möchte.

Bekanntlich lernen wir lebenslang dazu und wenn man dabei das eine oder andere vergisst und aus den Augen verliert, dann ist das in aller Regel ein ganz normaler Prozess. Und vielleicht sogar eine angenehme Spielart des Älterwerdens. Wir nehmen nicht mehr alles so wichtig, weil eben nicht alles so wichtig ist und wir dies mit jedem Jahr mehr erkennen und uns die Erkenntnis auch erlauben.

Wir bewahren ja auch nicht alle Kleider und Utensilien aus allen Lebensphasen auf und hoffen, dass unser Kleiderschrank nicht auseinander bricht.


Gestehen wir also auch unserem Gedächtnis zu, dass es seiner eigenen Wege geht. Und freuen wir uns über die kleinen Anekdoten, die es uns dabei beschert. Vielleicht tut es dies ja aus eben diesem Grund, nämlich um uns zu erheitern und ein bißchen vom Funktionieren abzulenken.

Ich habe jedenfalls über meine Brille neben der Roten Beete laut gelacht und bin auf den nächsten Fundort gespannt.