Mehr Respekt vor dem Alter
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Mehr Respekt vor dem Alter

Sozialverband VdK Bayern e.V.

Lorenz Bell über sein Schülerpraktikum im Johanniter-Stift in Berlin

Was will ich? Was kann ich? Welcher Gesundheitsberuf eignet sich später eventuell für mich? Lorenz Bell (18) hat sich für ein Schülerpraktikum im Johanniter-Stift in Berlin-Tegel entschieden, um das herauszufinden. Er will Erfahrungen im Umgang mit älteren und pflegebedürftigen Menschen sammeln und ihren Alltag kennenlernen. Die Kugel rollt über die Bahn – und trifft ins Volle. Alle Neune! Waltraud Mielke (69) jubelt: „Ich werde Weltmeister!“ Mit dem einen Wurf hat sie ihre Punktezahl von 118 auf 128 Punkte gesteigert. Schülerpraktikant Lorenz Bell freut sich mit ihr. Sie sitzen im Tagesraum des Johanniter-Stifts, einem Senioren- und Pflegeheim. Die alte Dame kennt sich bereits gut mit der Wii-Spielekonsole aus. Sie handhabt souverän den Controller, eine Art Fernbedienung. Das Spielfeld ist auf eine Leinwand projiziert. Eingebaute Sensoren in der Spielekonsole registrieren die Lage und die Bewegungen des Controllers im Raum und setzen sie auf der Wand um. Waltraud Mielke holt leicht mit dem Arm aus und führt den Controller nach vorn, als ob sie tatsächlich eine Bowlingkugel auf die Bahn setzen wollte. Die Figur auf der Spielfläche tut es stellvertretend für sie. Dazu sind weder Kraft noch aufwendige Bewegungen nötig, sodass auch bettlägerige Menschen mitspielen können. „Das Spiel fällt mir nicht schwer“, sagt sie und bowlt zum Abschluss gegen den Praktikanten. Waltraud Mielke ist begeistert, als sie sich um 10.30 Uhr zum Basteln verabschiedet. „Das hat Spaß gemacht.“

Zeit für Bewohner


Für Rainer Kerbstadt ist das Spiel eine Premiere. Lorenz Bell zeigt ihm geduldig, wie beide Knöpfe an der Fernbedienung gleichzeitig gedrückt werden müssen, um die Kugel auf der Leinwand in Gang zu setzen. Die Koordination fällt dem 79-Jährigen, der aufgrund eines Schlaganfalls auf den Rollstuhl angewiesen ist, nicht leicht. Deshalb übt der Praktikant erst einmal in Ruhe allein mit ihm. Ziel ist es, nachmittags mit anderen Heimbewohnern in der Gruppe zu bowlen. Nach einer halben Stunde klappt es schon ganz gut, und Rainer Kerbstadt traut sich zu, in der Gruppe mitzumachen.

Heimleiter Sebastian Schulz und das Team des Johanniter-Stifts freuen sich über die Unterstützung durch den Praktikanten. Lorenz Bell sammelt Erfahrungen im Umgang mit älteren und pflegebedürftigen Menschen, die wiederum profitieren von seiner Einzelbetreuung. Die Mitarbeiter des Heims werden dadurch auch ein Stück entlastet. Während des dreiwöchigen Praktikums lernt er alle Wohnbereiche kennen, von der Station mit den Schwerstpflegebedürftigen bis hin zum betreuten Wohnen. Von 8 Uhr bis 14.30 Uhr ist er im Haus unterwegs.

Lorenz Bell ist Schüler am Canisius-Kolleg in Berlin. Nach dem Abitur möchte er vielleicht Medizin studieren. Das Sozialpraktikum gehört zum Konzept der Schule. Der Schüler hat sich beim Johanniter-Stift beworben. Nach einem kleinen Bewerbungsgespräch, in dem sich Heimleiter Sebastian Schulz einen Eindruck von der Motivation verschafft hat, konnte der junge Mann anfangen. Schnell stellte sich heraus, dass er wenig Scheu vor den Bewohnern hat. „Er geht ganz locker mit ihnen um“, so der Heimleiter. Mit dazu beitragen dürfte auch, dass Lorenz Bell demenzkranke Großeltern hat. Morgens frühstückt er mit den Bewohnern, liest ihnen aus der Zeitung vor und begleitet sie zu Therapien, dem Friseur im Hause, zu Einzel- und Gruppenbeschäftigungen.

„Ergotherapeutin Martina Schötzen hat mir gezeigt, wie man einen Rollstuhl sicher schiebt. Das ist nicht so kompliziert. Ich habe unter anderem gelernt, wie man die Fußstützen ausklappt, den Gurt anlegt und rückwärts fährt, ohne dass der Rollstuhlfahrer hinausfällt“, erzählt Bell. Bewohner, die statt im Rollstuhl zu sitzen, sich bald wieder mithilfe eines Rollators fortbewegen wollen, unterstützt der junge Mann beim täglichen Lauftraining. „Der erste Praktikumstag auf der Demenzstation war heftig“, erinnert sich Lorenz Bell. „Das war schwer mit anzusehen. Da habe ich selber Angst vor dem Alter bekommen.“

Bestimmte Krankheitsbilder seien für Außenstehende anfangs nicht leicht zu verstehen. Man müsse erst lernen, entsprechend damit umzugehen. Unabhängig von körperlichen Einschränkungen hätten ältere Menschen viel zu erzählen. „Ich habe mehr Respekt vor der Geschichte einzelner Menschen und vor dem Alter an sich bekommen.“

Erfahrungen verarbeiten


Mit seinen Erlebnissen lässt ihn die Heimleitung nicht allein. Fester Bestandteil des Praktikums ist der Erfahrungsaustausch. Sebastian Schulz sagt, dass Lorenz Bell gut reflektieren könne: Was habe ich erlebt, was macht das Erlebte mit mir, wie komme ich damit zurecht, wo sind meine Grenzen? Lorenz Bell sagt nach fast drei Wochen, dass der Pflegeberuf interessant und herausfordernd, aber auch sehr hart sei. Er habe große Hochachtung vor den Leistungen der Mitarbeiter für die Heimbewohner. Selbst würde er den Beruf aber nicht ausüben wollen, weil er sich nicht für belastbar genug halte. Bei aller Mitmenschlichkeit müsse man versuchen, sich innerlich zu distanzieren, damit einen das Leid und die Probleme der Menschen nicht täglich bis in den Schlaf begleiteten. Das sei ihm nicht leicht gefallen. (Sabine Kohls)

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