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Wenn Krankheit arm und Armut krank macht

Wenn Krankheit arm und Armut krank macht

Sozialverband VdK Bayern e.V.
24.03.2014, 14:45 Uhr

Noch immer sind viele Menschen nicht krankenversichert – das Beitragsschuldengesetz haben vermutlich nur wenige genutzt


„Ich wäre sehr glücklich, wenn ich wieder normal versichert wäre“, sagt Charlotte S.*. Sie hat schon seit einigen Jahren keine Krankenversicherung mehr. Ende 2013 beantragte sie, wieder aufgenommen zu werden. Bisher hat sie nichts mehr gehört von ihrer gesetzlichen Krankenkasse – so wie viele andere auch, die einen Antrag gestellt haben.

„Die Mühlen der Krankenkassen mahlen langsam“, weiß Ute Zurmühl, Sprecherin von „Ärzte der Welt“. Die Organisation hat in München 2006 das Projekt open.med gestartet, eine Praxis, in der rund 15 Mediziner kostenlos Kranke ohne Versicherungsschutz behandeln, und ein Netzwerk aus etwa 80 Fachärzten aufgebaut. Ursprünglich wurde das Angebot ins Leben gerufen, um Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis den Zugang zur medizinischen Versorgung zu ermöglichen. Doch etwa zehn Prozent der Patienten sind Deutsche, die sich aus verschiedenen Gründen keine Krankenversicherung mehr leisten können. Das ist schon seit Jahren so.

Charlotte S. gehört dazu. Die Mittfünfzigerin hat gute Tage erlebt, als Maklerin gearbeitet, und später in einem Reisebüro. Als sie arbeitslos wurde, fiel sie in ein tiefes Loch. Sie bekam Depressionen, wagte sich kaum noch aus ihrer Wohnung, öffnete keine Briefe, bezahlte keine Rechnungen. Ihre paar Ersparnisse reichten gerade so für die Miete und das Essen. „Ich habe nur noch irgendwie überlebt“, berichtet sie. An die Krankenversicherung hat sie nicht mehr gedacht. Charlotte S. ist kein Einzelfall, weiß Zurmühl: „Bevor man sich die Wohnung oder das Essen nicht mehr leisten kann, gibt man die Krankenversicherung auf.“

Nach Schätzungen sind rund 137 000 Menschen derzeit nicht versichert oder beziehen, wie Charlotte S., „ruhende Leistungen“ – das heißt, sie haben ihre Beiträge nicht bezahlt. Genaue Zahlen hat auch open.med nicht, denn die Patienten tauchen immer nur dann auf, wenn sie akut erkrankt sind.

Gigantische Schulden

Seit 2007 gibt es in Deutschland eine Krankenversicherungspflicht. Das bedeutet, niemand kann mehr aus der gesetzlichen Krankenversicherung ausgeschlossen werden, auch wenn er seine Beiträge nicht bezahlt. Allerdings wurde zeitgleich auch ein erhöhter Säumniszuschlag festgelegt. Sprich: Wenn jemand wieder Leistungen beziehen will, muss er seine schuldig gebliebenen Beiträge mit einer fünfprozentigen Verzinsung zurückzahlen. „Da sind zum Teil gigantische Summen aufgelaufen“, sagt Zurmühl. „Und es trifft genau die, die sowieso wenig Geld haben.“

Vier Jahre lang war Charlotte S. nicht mehr bei einem Arzt, dann hörte sie von open.med und ließ sich untersuchen, weil sie sich so schlapp fühlte. Schnell stellte sich heraus, dass sie viel zu wenige rote Blutkörperchen hatte – eine lebensbedrohliche Autoimmunerkrankung, die im schlimmsten Fall zu einer Gehirnblutung hätte führen können. Charlotte S. kam ins Krankenhaus und wurde zwei Wochen später mit guten Blutwerten wieder entlassen. „Sie hat sich erstaunlich schnell erholt“, berichtet Dr. Christoph Steidle. Doch in Fällen wie diesem sei eine Nachsorge unbedingt notwendig, „sonst ist die gesamte Therapie in Frage gestellt“.

Das könne fatale Auswirkungen haben und weitere schwere Erkrankungen nach sich ziehen, besonders bei chronisch Kranken. Steidle, Internist im Ruhestand, hat als Arzt der Armen viel Leid gesehen. Er erzählt von einem Patienten, der wegen eines Gefäßverschlusses an der Halsschlagader operiert wurde, aber nach seiner Entlassung keine Medikamente mehr erhielt. Oder von einem Frührentner, der sich von seinen 650 Euro keine Krankenversicherung leisten kann und das lebensnotwendige Insulin im Ausland besorgt – eine gefährliche Angelegenheit wegen der völlig anderen Dosierung.

VdK ist erste Anlaufstelle

Am meisten aber empört ihn, dass der Gesetzesdschungel immer komplexer wird: „Meine Forderung ist, dass die Kassen verpflichtet werden, die Versicherungsnehmer über ihre Rechte aufzuklären.“ Der VdK sei die erste Anlaufstelle für seine Patienten: „Diese Menschen brauchen eine gute Beratung und einen Leumund.“ Fast unbemerkt ist im August 2013 das Beitragsschuldengesetz in Kraft getreten, das die Rückkehr in die Krankenkassen erleichtern soll. Wer sich bei der Kasse meldet, bekommt die Beitragsschulden zum Teil erlassen.

Einen kompletten Schuldenerlass sollen die Menschen erhalten, die bis zum 31. Dezember 2013 ihre Kasse kontaktiert hatten. Deshalb haben die Mitarbeiter von open.med in den vergangenen Monaten die Patienten informiert und ihnen bei dem Antrag geholfen. Viele seien von den bürokratischen Hürden überfordert oder wüssten nicht über ihre Rechte und die ihnen zustehenden Zuschüsse Bescheid, berichtet Projektassistentin Andreja Tomic.

Auch der VdK hatte dazu aufgerufen, diese Möglichkeit zu nutzen. Dennoch haben wohl nur wenige davon Gebrauch gemacht. Dr. Ines Verspohl, Referentin für Gesundheit und Pflege beim Sozialverband VdK Deutschland, kann zwar von einigen Anfragen berichten, doch es seien „nur wenige hundert Menschen“ gewesen, die die Regelung tatsächlich in Anspruch genommen hätten. Genauere Angaben kann auch der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen GKV nicht machen: „Solche Zahlen liegen aktuell nur den einzelnen Krankenkassen vor, die mit den jeweiligen Verfahren beschäftigt sind. Ich gehe davon aus, dass wir im Jahresverlauf vermutlich eine Rückmeldung der Kassen erhalten“, so GKV-Sprecherin Ann Marini. Dies werde sicher noch einige Zeit dauern.

Das Wartezimmer von open.med ist im neuen Jahr so voll wie eh und je. Bisher ist den Mitarbeitern nur ein einziger Patient bekannt, der wieder aufgenommen wurde. Die anderen warten auf ihren Bescheid – und auf die Rückkehr in ein normales Leben. (Annette Liebmann)

* Name von der Redaktion geändert

Informationen zum Wiedereintritt
Auch wer sich erst jetzt bei der Krankenkasse meldet, kann immer noch eine Ermäßigung der aufgelaufenen Schulden erhalten. Informationen zum Wiedereintritt erteilt das bundesweite Beratungstelefon der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). Unter der Telefonnummer (08 00) 0 11 77 22 sind die Berater montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, am Donnerstag sogar bis 20 Uhr erreichbar. Die Rufnummer ist beim Anruf aus dem Festnetz kostenfrei. Für Anrufer aus dem Mobilfunknetz gelten unter der Telefonnummer (01 76) 88 86 00 61 die üblichen Mobilfunktarife.


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