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Pflege und Beruf passen nicht unter einen Hut

Pflege und Beruf passen nicht unter einen Hut

Sozialverband VdK Bayern e.V.
09.04.2014, 19:13 Uhr

Claudia Kastlmeier kümmert sich liebevoll um ihre demenzkranke Mutter – Für sich selbst hat die pflegende Angehörige wenig Zeit


In Deutschland leiden 1,4 Millionen Menschen an Demenz. Bevor die Diagnose gestellt wird, hat sich die Erkrankung meist schon viele Jahre in den Alltag eingeschlichen. Rund 70 Prozent der Angehörigen entscheiden sich dafür, ihr Familienmitglied daheim zu pflegen. Auch Claudia Kastlmeier aus Freising bei München umsorgt ihre an Alzheimer erkrankte Mutter. Seit eineinhalb Jahren ist die gehbehinderte 87- Jährige rund um die Uhr auf die Hilfe ihrer Tochter angewiesen.

VdK-Mitglied Claudia Kastlmeier sitzt mit ihrer Mutter Katharina Kastlmeier in der gemütlichen Wohnküche. Das Abendessen haben beide bereits verspeist, der Tisch ist abgeräumt. Plötzlich fragt die Mama: „Claudia, hast du Salat?“ Die Tochter füllt eine kleine Portion Karotten-Sellerie-Salat in ein Schälchen. Ihre Mutter rührt jedoch kaum etwas an. Sie bittet stattdessen um Suppe. Die Tochter weiß, ein knurrender Magen plagt ihre Mama nicht. Schließlich hat diese zuvor ihren Hunger gestillt. Die alte Dame hat aber aufgrund ihrer Demenz schlicht vergessen, dass sie schon zu Abend gegessen hat. Auch beim Trinken gibt Claudia Kastlmeier auf ihre betagte Mama acht. Sie muss sie ständig daran erinnern.

Engelsgeduld

Ein Augenblick scheint sich für die Mutter unendlich auszudehnen. Die 87-Jährige ist irritiert, wenn ihre Tochter auch nur kurz den Raum verlässt. „Claudia, wo bist du?“, ruft sie sofort. „Wenn ich dann nicht schnell genug antworte, wird sie unruhig“, erzählt Claudia Kastlmeier. Zudem wiederholt ihre Mutter häufig ihre Fragen, sogar der Wortlaut ist ein und derselbe. Die ständige Wiederkehr des Gleichen verlangt der Tochter starke Nerven ab. Selbst, wenn die Mama zum zehnten Mal wissen will „Claudia, ist es jetzt Zeit für die Tabletten?“, antwortet ihr die Tochter mit einem Lächeln und einer Engelsgeduld.

Die Freisingerin kümmert sich nicht erst seit der Alzheimer-Diagnose im Jahr 2008 um ihre Mutter. Die Demenzerkrankung ist schon viel früher in den Alltag der beiden eingezogen. Claudia Kastlmeier erzählt, dass sie bereits zwei Jahre zuvor nicht mehr aus dem gemeinsamen Haus gehen konnte, ohne Nachrichten zu hinterlassen: „Ich habe jedes Mal Zettel geschrieben, wenn ich zum Einkaufen ging oder mich ein bisschen um den Schrebergarten kümmern musste.“ Das mit den Notizen hat sie beibehalten. „Sie dienen meiner Mutter immer noch als wertvolle Erinnerungsstütze.“ Jetzt sind Datum und Wochentag vermerkt und um wie viel Uhr die Tabletten eingenommen werden.

Bis vor eineinhalb Jahren war Kastlmeier noch in Teilzeit berufstätig. Sie arbeitete als Kinderpflegerin im öffentlichen Dienst in einer Einrichtung für körperlich und geistig beeinträchtigte Kinder und Jugendliche. Doch sie hat die Erfahrung gemacht, dass Pflege und Beruf schlecht unter einen Hut zu bringen sind. „Nach einem halben Jahr Familienpflegezeit habe ich im Februar 2013 beschlossen, mich vom Beruf beurlauben zu lassen, um für meine Mama rund um die Uhr da sein zu können“, erzählt die 51-Jährige. Es habe sich einfach so ergeben, dass die Pflege der Mutter ihr Part wurde. Ihr Vater ist schon seit 21 Jahren nicht mehr am Leben. „Und meine Schwester ist mit drei Kindern und sieben Enkeln schon genug ausgelastet.“

Auch das Alter gab den Ausschlag: Sie ist fast 20 Jahre jünger als ihre Schwester. Claudia Kastlmeier hat versucht, staatliche Unterstützungsmöglichkeiten auszuschöpfen, stieß aber auf Hürden. Sie musste zwei Jahre für die Pflegestufe 1 kämpfen. Erst im Jahr 2012, als ihre Mutter plötzlich gehunfähig und komplett auf den Rollstuhl angewiesen war, bekam sie die Leistungen.

Hürden bei Pflegestufe

Die Kastlmeiers haben wie so viele andere Betroffene zu spüren bekommen, dass der geltende Pflegebedürftigkeitsbegriff demenzkranke Menschen kaum berücksichtigt. Deshalb unterstützt die Tochter den Sozialverband VdK in seiner politischen Forderung nach einer großen Pflegereform. Mittlerweile erhält ihre Mutter monatlich 525 Euro für die Pflegestufe 2. Mit insgesamt 1600 Euro im Monat, die sich aus dem Pflegegeld, der Rente von Katharina Kastlmeier sowie 200 Euro spezielles Betreuungsgeld für Demenzkranke zusammensetzen, müssen beide über die Runden kommen.

Was die Tochter an liebevoller Unterstützung leistet, davon macht sie kein Aufhebens. Die Aufopferungsbereitschaft ist für sie selbstverständlich. „Ich nehme meine Mama überall hin mit. Aber wenn ich einen Termin beim Arzt habe, bin ich froh, wenn in dieser Zeit aus den Mitteln des Betreuungsgelds eine Mitarbeiterin der Caritas einspringt“, sagt sie. Eine kurze Auszeit von der Pflege, um sich selbst etwas Gutes zu tun, nimmt sie jedoch selten in Anspruch.

Kraftquellen

Sie schafft es dennoch, Tag für Tag neue Energie zu tanken. Als Kraftquellen dienen ihr und der Mutter der Glaube und die gemeinsamen Kirchgänge. Außerdem halten die Urenkel jung. Aber auch die täglichen Spaziergänge erfüllen beide mit Freude. Wie viel die zwei unterwegs sind, ist auch am Rollstuhl sichtbar. „Morgen bekommt er neue Reifen“, sagt Claudia Kastlmeier und lacht. Heute hat die Tochter bei einer benachbarten Gärtnerei in einem Komposteimer Gänseblümchen entdeckt. „Die sind ja noch richtig schön“, freut sie sich und sammelt einen kleinen Strauß für ihre Mama. Die rosaroten Blüten zaubern ein dankbares Lächeln auf das Gesicht der alten Dame. (Elisabeth Antritter)

Mehr zur aktuellen VdK-Kampagne „Große Pflegereform – jetzt!“: VdK-Pflegekampagne

Unterzeichnen Sie jetzt unsere Online-Petition: Petition 50389

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