„Das Ohr lässt sich nicht einfach abschalten“
„Das Ohr lässt sich nicht einfach abschalten“Foto-Quelle: © Alexey Laputin - www.Fotolia.com

„Das Ohr lässt sich nicht einfach abschalten“

Sozialverband VdK Bayern e.V.

Menschen können sich nicht an störenden Lärm gewöhnen – VdK-Internet-TV berichtet dazu am 30. Juni


Der Alltag wird immer lauter. Stille ist ein kostbares Gut geworden, vor allem in den Städten. Lärm stört das Konzentrationsvermögen und den Schlaf. Wird das Nervensystem ständig vom Krach überreizt, kann das zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen.

Prof. Michael Wirsching erforscht die Auswirkungen von Lärmquellen, wie beispielsweise Zuglärm, auf die Gesundheit. Der Ärztliche Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsklinik Freiburg sagt: „Lärm wurde zu lange unterschätzt. Man kann sich nicht an ihn gewöhnen, denn das Ohr lässt sich nicht einfach abschalten.“ Auch wen der nächtliche Auto- oder Fluglärm vor dem Schlafzimmerfenster subjektiv nicht stört, wird dennoch beeinträchtigt.

Das Nervensystem wird auch im Schlaf aktiviert, der Blutdruck steigt, die Gefäße arbeiten schlechter. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Depressionen kann steigen. Vor allem der sogenannte künstliche Lärm wie Verkehr verursacht Stress. Rund die Hälfte der Bevölkerung fühlt sich beispielsweise vom Straßenlärm gestört oder belästigt. Das ergab eine Umfrage des Umweltbundesamtes (UBA) 2012.

Aber auch Sprachlärm ist nicht zu unterschätzen, sei es nachts auf dem Gehweg oder auf dem Grillfest. „Menschen fühlen sich unbewusst durch Stimmen alarmiert. Das ist entwicklungsgeschichtlich bedingt“, sagt Prof. Wirsching. Im Gegensatz zum Telefonklingeln lässt sich die Sprachwahrnehmung nicht ausblenden. So sinkt beispielsweise die Leistung des Arbeitsgedächtnisses im Büro um bis zu zehn Prozent, wenn sich Kollegen in der Nähe des Schreibtischs unterhalten, wie der Mediziner und Psychologe Markus Meis vom Hörzentrum der Universität Oldenburg herausfand.

Das Lärmempfinden ist individuell. Natürliche Geräusche wie Meeresrauschen oder der Wind in den Bäumen wird kaum als störend empfunden. Jedoch sorgt bei manchen schon das Tropfen des Wasserhahns oder Brummen des Kühlschranks mit 30 Dezibel für blank liegende Nerven und Schlafstörungen. In Autobahnnähe liegt der Schalldruckpegel schon mal bei 80 Dezibel. Hörschäden können ab 85 Dezibel auftreten, ab 120 Dezibel drohen irreparable Schäden. Ein geschädigtes Gehör regeneriert sich nicht, warnt die gesetzliche Unfallversicherung.

Für den Arbeitsplatz gibt es einen Gehörschutz. Und zu Hause? Nicht jeder wohnt ruhig im Grünen oder hat schalldichte Fenster. Prof. Wirsching empfiehlt vor allem auch älteren Menschen, deren Schlaf mit den Jahren häufig leichter wird, Lärmbelästigungen nicht zu unterschätzen. Doch ein Patentrezept gibt es nicht. Ob man mit einfachen oder speziell vom Hörgeräteakustiker angefertigten Ohrstöpseln zurechtkommt, muss jeder selbst ausprobieren. „Manche vertragen sie nicht und klagen über Schwindel und Übelkeit wegen der benachbarten Gleichgewichtsorgane“, berichtet Prof. Wirsching.

Der Mediziner will mit seiner Forschung dazu beitragen, dass die Haupt-Stressquellen in den Städten, wie Lärm und Feinstaub, reduziert werden. Sie verursachen körperliche und psychische Krankheiten. „Der Straßenlärm wirkt ebenso alarmierend auf unser Nervensystem wie der Säbelzahntiger auf unsere Vorfahren in der Steppe. Mit dem Unterschied, dass es nicht annähernd so viele Säbelzahntiger gab, wie es heute Autos gibt.“ (Sabine Kohls)

Ab 30. Juni gibt es zum Thema Lärm ein neues Video bei www.vdktv.de