Selbsthilfe: ja....in Gruppe: nein
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Selbsthilfe: ja....in Gruppe: nein

Beitrag von wize.life-Nutzer

Vielleicht schreib ich nun was, von dem ich keine Ahnung hab.
Inzwischen bin im mit meiner Chemotherapie bei der Halbzeit angekommen. Die ersten vier Chemos bekam ich alle drei Wochen, das waren die Hämmer, bei denen ich schon nach der zweiten merkte, wie sich die Haare verabschiedeten, aber ansonsten ging es mir (im Vergleich zu vielen anderen Patientinnen) relativ gut. Nach diesen zwölf Wochen kamen 12 'kleinere' Chemos dran, die dafür jede Woche.
Dazu fahre ich immer nach Erlangen und für diesen Tag braucht man sich auch gar nichts anderes vornehmen, denn er ist mit Wartezeit und Behandlung ausgereizt. Ist ja auch egal, mit festen Terminen hab ich ohnehin nix mehr am Hut.
Momentan bin ich wichtig und alles was mir für meine Gesundheit wichtig ist.
Nun ließ es sich halt nicht vermeiden, trotzdem ich meist in meinem Kindle gelesen hab, dass all die Gespräche der anderen wartenden Frauen doch mein Ohr erreichten. Dramatische Erlebnisse von schlimmster Übelkeit, Durchfall, Schwächeanfälle. Magenkrämpfe und was weiß der Geier noch für schlimme Dinge waren dabei und ich konnte nur denken: "Oh Gott, was hab ich nur für ein Glück, dass es mir so gut geht!" ... Hatte beinah schon ein schlechtes Gewissen den armen Frauen gegenüber.
In den wenigen Nächten, in denen ich mal nicht schlafen konnte, fielen mir natürlich all diese Nebenwirkungen ein, die so eine Chemo mit sich bringen kann und horchte in mich. Und siehe da, auch ich merkte plötzlich, mein Magen zog sich ab und zu so richtig schmerzhaft...na ja, nicht gerade unter schlimmen Schmerzen, aber er zog sich unangenehm zusammen. Dann plötzlich ein Stechen in der Nierengegend....hatte eine der Frauen nicht was von Nierenversagen erwähnt, das so eine Chemo auslösen kann?
Dann bekam ich auch noch eine Thrombose, und sah mich dem Tod schon näher als dem Leben.
Brav spritze ich mir täglich die zwei Bauschspritzen und fand es als äußerst deprimierend und unangenehm, doch ich wollte ja überleben.
Anders als von mir gedacht, ging es mir nach der ersten 'kleinen' Chemo gar nicht gut. Es gab nichts an mir, was mir nicht weh getan und meine Stimmung war nicht nur nicht mehr gut, ich war regelrecht depri drauf. War ständig den Tränen nahe wenn mich jemand fragte wie es mir geht, verstand mich und die Welt nicht mehr. Doch ich konnte nun mit den anderen Frauen mitreden. War eine von ihnen und fühlte mich plötzlich genau so krank, wie sie.
Nach der dritten kleinen Chemo hatte ich wieder mal eine schlaflose Nacht, was eigentlich selten vorkam, denn essen und schlafen klappt auch während der Chemo problemlos, doch in der Nacht wurde mir klar, was mir wirklich fehlt.
Mir war meine positive Einstellung zu meinem Leben abhanden gekommen.
Ich dachte nur noch ans krank sein, ließ mich von all den negativen Dingen runter ziehen, spürte nur noch das, worüber gesprochen wurde und fühlte mich dadurch täglich mieser.
Zum vierten Termin für die kleine Chemo kam ich 'oben ohne'. Es war ein heißer Tag und ich verzichtete auf Perücke oder Tuch. Ich hatte auch wieder meinen Kindle dabei, las darin und hörte nur ganz nebenbei, welche neuen Nebenwirkungen die eine oder andere der Frauen erleiden muss, mischte aber nicht mehr mit.
Wir waren zu fünft in dem Zimmer, warteten auf unsere Chemo und mit einem zufriedenen Schmunzeln beobachtete ich, wie zwei Frauen schon nach kurzer Zeit ebenfalls ihre Kopfbedeckung entfernten.
Natürlich merke auch ich Nebenwirkungen die sich wie Erkältungssymptome anfühlen und mir tun auch die Beinmuskeln weh. Doch statt krank darnieder zu liegen mache ich tagsüber mehrmals Trippelübungen und Kniebeugen und für die Nacht nehme ich die Ibuprofen 600. Und in einer schlaflosen Nacht wie heute, da lese ich halt oder stehe auf und schreib etwas nieder. Doch mich drüber aufregen oder ärgern, kommt nicht mehr in die Tüte.
Inzwischen ist es sieben Uhr und ich hab das Glück, wenn mich der Schlaf gleich übermannt, was an den zwei Tassen heißer Milch mit Honig liegen könnte, kann ich mich in mein Bett legen und den versäumten Nachtschlaf nachholen.
Doch erst werde ich ins Bad gehen, meine Flaum am Kopf begutachten und befühlen und die erste Medizin des Tages zu mir nehmen: ein herzhaftes Lachen vor dem Vergrößerungsspiegel!