Wenn einem etwas auf der Zunge liegt
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Wenn einem etwas auf der Zunge liegt

Sozialverband VdK Bayern e.V.

Wortblockaden erlebt jeder von Zeit zu Zeit – kein Anzeichen für Demenz

Es passiert plötzlich und ist nicht immer angenehm: Mitten in einem Gespräch fällt uns ein Name oder Begriff partout nicht mehr ein. Das Wort liegt uns quasi auf der Zunge, will aber einfach nicht den Weg nach draußen finden. Kein Grund zur Beunruhigung: Mit Wortblockaden hat jeder von uns gelegentlich zu kämpfen, egal ob alt oder jung.

Ob der Name der Schauspielerin aus dem Fernsehfilm vom Vorabend oder das Hotel aus dem Sommerurlaub: Es kann schon vorkommen, dass uns Namen oder Begriffe entfallen, die wir vorher schon oft ausgesprochen haben. Die Wissenschaftler haben dafür einen Begriff: Tip-of-the-Tongue (TOT) oder Zungenspitzen-Phänomen. „Das TOT-Phänomen kommt in jeder Sprache der Welt vor, erwischt junge Leute ebenso wie ältere“, so Prof. Horst M. Müller, der an der Universität Bielefeld den Bereich „Experimentelle Neurolinguistik“ leitet und unter anderem zu TOT forscht.

Mit zunehmendem Alter kann es jedoch öfter vorkommen, dass uns ein Wort mal nicht einfällt. Denn ältere Menschen haben mehr Wörter gespeichert. Gleichzeitig benötigen sie mehr Zeit, um Wörter je nach Situation abzurufen. „Viele denken dann, dass das erste Anzeichen für Demenz sind“, so Prof. Müller. Das sei jedoch nicht der Fall. Bei Wortblockaden handle es sich um eine harmlose Erscheinung. Denn im Alter lasse eben auch das Sprachgedächtnis etwas nach.

„Grundsätzlich können wir uns über die großartige Leistung unseres Gehirns freuen“, so der Bielefelder Wissenschaftler. Zwischen 20 000 und 60 000 Wörter haben wir in der Regel abgespeichert und nahezu immer gelingt es uns, daraus die benötigten Namen und Begriffe herauszulösen. „Jedes Wort ist im mentalen Lexikon des Gehirns mehrfach codiert“, so Prof. Müller. Das bedeutet: Neben seiner Bedeutung sind unter anderem auch klangliche und grammatikalische Einzelmerkmale eingetragen.

Namen sind weniger vernetzt


Damit man den gewünschten Begriff tatsächlich parat hat, müsse ein Mindestmaß dieser Merkmale aktiviert werden. Reiche die Aktivierung nicht aus, bleibe das Wort auf halbem Weg – gefühlt auf der Zunge – stecken. Meistens würden uns jedoch Umschreibungen und Alternativen zum Suchbegriff einfallen. Der Klang ist bei der Wortfindung von zentraler Bedeutung. „Ein ähnlicher Silbenlaut, ein gleicher Wortrhythmus, kann durchaus die Verbindung zum gesuchten Begriff liefern“, so Prof. Müller.

Eigennamen von Personen oder Orten seien besonders anfällig für die gedankliche Ladehemmung. „Namen sind im Gehirn deutlich weniger vernetzt als Begriffe wie Tisch, Auto oder Buch“, so der Neurolinguist. Darüber hinaus würden einem selten benutzte Wörter öfter mal nicht einfallen. Wer sein Wörtergedächtnis trainieren will, dem empfiehlt Prof. Müller Gedächtnissport wie Scrabble und Kreuzworträtsel. Natürlich sind auch tägliche Unterhaltungen sowie das Lesen von Zeitungen und Büchern ideal, um seinen Wortschatz zu aktivieren und zu erweitern.

Von dem gelegentlich auftretenden TOT-Phänomen müsse man jedoch die Wortfindestörung unterscheiden. „Diese wird durch eine neurologische Erkrankung ausgelöst und bewirkt, dass in nahezu jeder Äußerung Wörter nicht gefunden, sondern umschrieben werden“, erklärt der Bielefelder Wissenschaftler. Schlaganfälle, in deren Folge die Funktionsfähigkeit der sprachrelevanten Areale in Mitleidenschaft gezogen wird, zählen zu den häufigsten Ursachen. Auch Hirnhautentzündungen, Hirntumore, Unfälle sowie demenzielle Erkrankungen können den Wortfindestörungen zugrunde liegen und Ursache dieser Sprachstörung sein. (Ines Klut)

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