Wanderer über dem Nebelmeer
Wanderer über dem NebelmeerFoto-Quelle: Caspar David Friedrich, gemeinfrei

Mein Wort zum Sonntag: Eine Krankheit, die es nicht gibt (oder doch?)

News Team
Beitrag von News Team

Das letzte Mal haben wir uns Gedanken gemacht über unsere unterschiedlichen Auffassungen von Krankheiten. Heute geht es um eine Krankheit, die es nicht gibt - und um eine zweite, die es eigentlich auch nicht gibt.

Die Dämonen des Waldes

In etwas abgelegenen Regionen von Malaysia gibt es eine Krankheit, die spontan ausbricht, nur Männer befällt und sich seuchenartig verbreitet. Sie heißt Koro und beginnt damit, dass ein Mann bemerkt, wie sein Schniedel schrumpft, immer mehr, bis die Gefahr besteht, dass er völlig verschwindet. Da bekannt ist, dass dahinter ein böser Geist steckt, der auch andere Männer erfassen wird, läuft der solcherart Befallene schreiend auf die Straße, seine edelstes Stück festhaltend, damit es sich nicht völlig verkriecht, und warnt die anderen Männer. Die machen es ihm nach, holen einen Priester, der den bösen Geist bannen soll, und wenn alles gut geht, zieht sich der böse Geist zurück und die Männer behalten ihre Manneskraft.
Klingt idiotisch, nicht wahr? Ist doch alles eingebildet. In der Tat. Aber wie schon Einstein feststellte: Jeder Beobachter ist gleichberechtigt. Das gilt auch für Kulturen. Stellen wir uns einen Dialog mit einem Malayen vor. Es soll dabei um eine Krankheit gehen, die im Westen weit verbreitet ist, vor allem junge Menschen befällt und in zehn Prozent zu deren Tod führt. Eine Therapie gegen diese Krankheit ist unbekannt. Ihr Name: Anorexia nervosa, auf deutsch: Magersucht. Jetzt wollen wir diese Krankheit einem Malayen erklären:

Die Dämonen der Seele

Also, bei uns gibt es eine Krankheit, da essen junge Leute nichts mehr.
Haben die Eltern kein Geld, um ihre Kinder zu ernähren?
Nein, daran liegt es nicht, meist stammen die jungen Menschen aus wohlhabenden Familien.
Vertragen diese jungen Menschen keine Nahrung mehr?
Doch doch, die vertragen alles.
Müssen sie aus religiösen Gründen fasten?
Aber nein, die Religion spielt keine Rolle.
Ja, warum tun sie es dann?
Das weiß niemand.
Nach dieser Antwort kommt der Malaye ins Grübeln und zieht den logischen Schluss: Klingt idiotisch, nicht wahr? Ist doch alles eingebildet. In der Tat.

Krankheiten, die es einmal gab

Und die Moral von der Geschicht? Es ist eben alles relativ, auch in der Medizin. Tatsächlich kennt auch das Abendland mehrere Krankheiten (teils tödlicher Natur), die inzwischen vollständig verschwunden sind, z.B.
- die unheilbare, unheilvolle Wanderlust (das Wort wurde sogar in die englische Sprache übernommen);
- die Hysterie (befällt vornehmlich Frauen und kann nur durch Entfernung der Gebärmutter geheilt werden);
- die (ebenfalls bei Frauen verbreitete) Nymphomanie (also das Interesse von manchen Frauen an Sex unter Vernachlässigung natürlicher weiblicher Interessen wie Küche, Kirche, Kinder);
- die Selbstbefriedigung (Masturbation), die besonders männliche Jugendliche und Erwachsene befällt und bekanntlich zu Siechtum, Gehirnschwund und frühen Tod führt (jedenfalls haben wir das noch in der Schule gelernt, und zwar im Religionsunterricht unter Berufung auf einschlägige wissenschaftliche Publikationen);
und viele andere mehr.
Und wie ist es jetzt? Vor etwa zehn Jahren wurde die Selbstbefriedigung aus dem Katalog seelischer Erkrankungen genommen, vor fünf Jahren wurde die multiple Persönlichkeit als Pseudokrankheit entlarvt, und in zehn Jahren wird man nur noch den Kopf schütteln, weil wir die Symptome X für eine Krankheit hielten! Was dieses "X" sein wird, das müssen Sie selbst herausfinden!