Was war vor der Depression?

Beitrag von wize.life-Nutzer

Wenn man so wie ich schon viele Jahre mit Depressionen zu tun hatte, dann kommt es einem irgendwann vielleicht so vor, als wäre es nie anders gewesen. Irgendwann scheint man die Verbindung zu diversen eigenen Persönlichkeitsanteilen, die durchaus einmal lebensbestimmend waren, verloren zu haben. Heute heiße ich Depression, Herr Depression oder Mr. Depri. Ich bin chronisch krank, psychisch krank. Ich gehe regelmäßig zum Psychiater und hole mir meine Pillen ab. Ich bin frühzeitig verrentet worden und wie es scheint, bin ich ein hoffnungsloser Fall, so wie alle Depressiven jenseits der Fünfzig. So oder ähnlich mögen viele meiner Leidensgenossen denken. Das Fatale daran ist nur, dass es dann auch zutrifft. So wie ich mich selbst sehe, so erlebe ich mich auch, ergo bin ich so. So wie ich selbst auf mich und mein Leben schaue, so ist mein Leben auch - erbärmlich oder liebenswert, trostlos oder hoffnungsvoll, leblos oder bewegt, einsam oder unabhängig, verschlossen oder offen, unzufrieden oder zufrieden. Zufrieden sein, heißt Frieden mit sich selbst zu haben, mit dem wie es gerade ist. Zufrieden sein heißt, Ja zu sagen zu sich selbst und dem was einen umgibt. Es ist eine Entscheidung, ob ich so oder so auf die Welt sehe. Eine Entscheidung, die nur ich selbst für mich treffen kann. Eine Entscheidung, die ich vor vielen Jahren vermutlich sogar unbewusst traf. Für eine Zeit war es sicher gut, dass ich mich so entschied, doch spüre ich heute mehr und mehr, dass eine andere Zeit gekommen ist, ich heute andere Bedürfnisse habe. Ich spüre, dass da etwas nach oben will, das bislang von der Depression bedeckt war. Ich spüre das Leben. Und ich erinnere mich wie es war, lange vor meiner Depression. Wie war ich damals? Wie lebte ich? Wie fühlte ich mich? Was fühlte ich? Wie stand ich zu mir und zum Leben in dieser Welt? Welche Werte hatte ich und was war ich bereit dafür einzusetzen? Wozu war ich fähig und was alles erreichte ich? Sie mögen ein wenig in Vergessenheit geraten sein, meine Ressourcen, aber sie sind alle noch da, ergänzt um die Erfahrungen der letzten Jahre. Warum eigentlich fange ich so wenig damit an? Traue ich mir das Leben nicht mehr zu, weil ich Depressionen habe oder habe ich Depressionen, weil ich mir das Leben nicht mehr zutraue? Eines weiß ich sicher: Ich bin mehr als die Depression! Ich finde, es tut gut, sich diese Wahrheit von Zeit zu Zeit einmal wieder vor Augen zu führen...

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