Nur noch gesund Essen ist die neue Religion

Beitrag von wize.life-Nutzer

Wenn sich der Alltag nur noch darum dreht, sich so gesund wie möglich zu ernähren und dabei das Genießen und die Freude am Essen auf der Strecke bleiben, ist vielleicht eine Orthorexie schuld. Was hinter dieser Krankheit steckt, woran man sie erkennt und wer besonders gefährdet ist
Stellen Sie sich vor, Sie treffen sich mit einer Bekannten bei Ihrem Lieblingsitaliener. Sie wollen den neuesten Klatsch austauschen, ein Glas Wein trinken und natürlich gut essen. Sie bestellen Tomate mit Mozzarella, dann Ihre Lieblingspasta und als Dessert ein Tiramisu. Nur Ihre Bekannte kann sich nicht entscheiden, hat an jedem Gericht etwas auszusetzen.

Die Salami auf der Pizza enthält Nitrit, eine das Herz schädigende Chemikalie. Der Fisch ist mit Quecksilber belastet. Der Spinat kommt nicht aus Bio-Anbau. Dem Weißbrot fehlen Ballaststoffe. Sie wählt schließlich widerwillig das „verkochte, vitaminarme Grillgemüse, aber ohne Käse überbacken“ und stochert später lustlos darin herum. Dabei betet sie Ihnen ununterbrochen vor, was gesunde Ernährung bedeute und wie ungesund doch Ihr Essen sei.

Da kann einem wirklich der Appetit vergehen!

Richtig, nur: Warum lehnt jemand alles ab, was schmeckt und nervt andere mit diesem Gesundheitsfanatismus?

Ist Essen für diese Leute zu einer Religion geworden? „Im Extremfall ja. Dahinter steckt ein abnormes Essverhalten, das wir als Orthorexie bezeichnen“, erklärt Professor Ulrich Voderholzer, Psychiater und Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck, einer psychosomatischen Fachklinik in Prien am Chiemsee. Übersetzt heißt Orthorexie „richtiger Appetit“. „Bisher Krankheit, obwohl die Orthorexie durchaus krankhafte Züge zeigt“, so Voderholzer.

Orthorexie entwickelt sich schleichend: „Am Anfang steht zunächst der Wunsch, sich gesund zu ernähren“, so der Experte. Was ja nicht Kost, bewusst eingekauft und schonend zubereitet. Auch eine Ernährungsumstellung aus ethischen oder gesundheitlichen Gründen wie etwa der Verzicht auf Fleisch bei Vegetariern oder auf Milch aufgrund einer Laktoseintoleranz ist hier nicht gemeint.

Orthorektiker steigern sich vielmehr in ein selbst auferlegtes Ernährungskonzept meiden also tierische Produkte, essen kein Getreide, keine Milchprodukte. Supermärkte werden verpönt, gekauft wird nur in Bioläden und bei Spezialanbietern. Dabei kleiner. Wenige Lebensmittel sind zum Lebensmittelpunkt geworden. Dass Essen aber auch ein sinnliches Vergnügen ist und durchaus auch Nahrung für die Seele, spielt für Orthorektiker keine Rolle mehr. „Wenn Nahrungsmittel dann gar noch in Gut oder Böse eingeteilt zu einem Glaubensbekenntnis wird, dem auch alle folgen müssen, bekommt das Verhalten einen krankhaften Charakter“, so Professor Helmut Schatz von der Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Diese Religionsmissionare in Sachen vermeintlich „gesunder“ Ernährung werden immer mehr: „Betroffen sind derzeit etwa ein bis drei Prozent der Deutschen, zwei Drittel von ihnen sind Frauen“, so Psychologin Friederike Barthels von der Uni Düsseldorf, die die bisher einzige Studie hierzu durchführt hat.

Woran man Orthorektiker noch erkennen kann: „Sie haben ein gesteigertes Selbstwertgefühl und ein Gefühl von Kontrolle, wenn sie gesunde Lebensmittel gegessen haben, und fühlen sich ‚Normal-Essern‘ überlegen. Andererseits fühlen sie sich schuldig und lehnen sich selbst ab, wenn sie von ihrer Ernährungsweise abgewichen sind.“

Anders als Essgestörte, denen sie in ihrem zwanghaften Verhalten ähnlich sind, haben Orthorektiker keine panische Angst vor einer Gewichtszunahme, sondern davor, krank zu werden, wenn sie sich minderwertig ernähren. Dabei ist Orthorexie auf Dauer ebenso wenig gesund wie beispielsweise eine Magersucht. Sie führt zwar nicht wie diese schlimmstenfalls zum Tod, aber ebenso zu Fehlernährung und Mangelerscheinungen.

Auch psychische Folgen gibt es: Orthorektiker geraten leicht in die Isolation, weil sie den gemeinsamen Genuss mit anderen und Mahlzeiten weg vom eigenen Herd meiden. „Was wiederum das Risiko erhöht, an Depressionen zu erkranken“, so Voderholzer.
Auch Partnerschaften können daran zerbrechen.
Orthorektiker stellen ihr Verhalten jedoch nicht infrage. Dieses gerechte Selbstbild macht auch eine Therapie schwierig. Wie bei Süchten gilt: „Erst, wenn jemand Leidensdruck verspürt, ist sich helfen zu lassen“, Voderholzer. Und was können wenn wir mit einem Ernährungsprediger am Tisch sitzen? Professor Schatz von der DGE rät: „Höfl ich direkt und sofort ansprechen, dass Sie selbst entscheiden möchten, was Sie essen werden und was Ihnen schmeckt.“ Ändert sich nichts, kann man eine Zeitlang auch den Kontakt abbrechen.

Selbst wenn das wehtut! Denn: Essen ist keine Religion. Essen ist eines unserer Grundbedürfnisse, das wir am liebsten in geselliger Gemeinschaft mit lieben Menschen genießen. Die Lust und den Genuss sollten wir uns nicht verderben lassen!