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Darf man so fühlen?
Darf man so fühlen?

Darf man so fühlen?

Von wize.life-Nutzer - Montag, 06.10.2014 - 14:44 Uhr

Ich spüre, wie es in mir aufsteigt, dieses Gefühl von Wut. Es brodelt regelrecht in mir. Mein Gegenüber ist krank. Seit Monaten dreht sich alles nur um ihre Krankheit. Ich kann es nicht mehr hören! Ich könnte kotzen! Aber ich würge es hinunter. Schließlich ist sie ja krank. Sie kann nichts dafür. Sie braucht mein Verständnis und meine Liebe, meine Aufmerksamkeit und meine Geduld. Trotzdem nervt es mich total. Bin ich nicht etwa auch noch da? Darf ich nicht auch Bedürfnisse haben? Ist es unangemessen ob dieser Umstände, an mich zu denken? So kann man doch nicht sein, oder? Ich schäme mich für meine Wut. Ich glaube, ich bin ein schlechter Mensch. Szenenwechsel. Jemand in der Nachbarschaft ist gestorben. Ich sollte den Angehörigen mein Beileid bekunden, aber ich kann keines fühlen. Ich empfinde kein Mitleid und auch keine Trauer. Ich bin froh, dass der alte Griesgram endlich hinüber ist. Ich habe kein Mitgefühl für sie. Es ist mir egal. Sollen sie machen was sie wollen, es geht mich nichts an! Aber darf ich denn so fühlen? Gehört es sich nicht, hinzugehen und zu kondolieren? Ist es nicht falsch, so rein gar nichts zu empfinden, ja sogar so etwas wie Erleichterung? Ich glaube, mit mir stimmt etwas nicht. Ich schäme mich für mein fehlendes Mitgefühl.
Immer wieder gibt es solche oder ähnliche Situationen in meinem Leben, wo meine eigenen Gefühle auf dem Prüfstand meiner Erziehung und Moral landen. Immer wieder passiert es mir, dass ich meinen internen Sollvorgaben nicht entsprechen kann und mich dann schlecht fühle, mich verurteile, mich abwerte. Weil ich mich nicht der Norm entsprechend verhalten kann, gerate ich in Konflikt mit mir selbst. Das ist verkorkst! Einerseits bin ich stolz darauf, dass ich nicht so bin, wie die graue Masse und mich hier und da vom Hintergrund abheben kann. Andererseits will ich genauso so wie alle sein, jedenfalls unbewusst. Kann denn eine Gesellschaft, eine Moral, ein Wertesystem ein geeigneter Maßstab dafür sein, was für mich richtig ist, zu fühlen oder nicht zu fühlen? Kann es überhaupt einen Maßstab für Gefühle geben? Welche Gefühle sind wann, wo, wie stark und wie lange angemessen?

Hier weiterlesen: Zu den eigenen Gefühlen stehen

6 Kommentare

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Ich meine, Gefühle sind das Eine - Verhalten das Andere. Wenn man ehrlich mit sich selbst ist, lässt man doch auch ehrlich seine Gefühle zu. Ich glaube, Emotionen sind doch einfach da, nicht manipulierbar. Anders sieht das mit dem Verhalten aus. Wie war das Verhältnis zum Nachbarn? Wie die Gefühle? Wenn ich jemanden nicht mochte, gab es negative Empfindungen und ich verhielt mich diesem Menschen gegenüber auch so (wenn es ehrlich war). Nach dem Tod aber ist es nicht mehr dieser Mensch, dem man emotional nahe kommen will. Es gibt Angehörige, die eine andere gefühlsmäßige Bindung zu diesem Menschen hatten. Die auch u.U. völlig andere, positive Beziehungen zu dem Verstorbenen hatten. Auch wenn diese Gefühlswelt für andere Menschen unbekannt bleibt, so ist Trauer generell etwas, dem gegenüber man mit Mitgefühl und Trostversuchen reagiert - ein mitmenschliches, anerzogenes, ja auch gesellschaftlich normiertes Verhalten. Und unter diesem Aspekt, denke ich, sollte das Verhalten wertfrei sein.
Kann Verhalten tatsächlich wertfrei sein? Sind nicht unsere Gedanken und letztlich unsere Taten von unserer internen Werteordnung geprägt? Tun wir etwas, das keinen Wert für uns hat? Sollte man also Mitgefühl vortäuschen, wenn man keines hat oder sich vielleicht Sorgen machen, weil man keines hat? Was meinst du mit wertfrei?
Ich meine, dass das Mitgefühl, in diesem Fall den Angehörigen gegenüber, echt sein sollte - wir können nicht deren Verhältnis zum Verstorbenen bewerten. Und Mitgefühl ist generell eine menschliche Regung... Verhalten ist, wenn ich heuchle und u.U. meine wahren Gefühle nicht zum Ausdruck bringe. Ich stimme Dir zu, dass Gedanken und Taten durchaus geprägt sein können, aber Gefühle sind spontan. Unser tatsächliches Handeln wird sicher gewissen Maßstäben folgen...
Jetzt habe ich dich verstanden. Ich muss dennoch einräumen, dass ich zu einem mitfühlenden Verständnis in dem von mir geschilderten Fall nicht fähig bin. Das ist vielleicht nicht schön, aber zumindest doch aufrichtig.
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Hallo Bernhard, Deine Gefühle sind mir auch bekannt. Und dann kommen noch die Gefühlsschwankungen. Aber ich frage mich selbst, wie empfinde ich und da bekomme ich eine Antwort. Wenn ich krank bin, benötigte ich Fürsorge und Zuwendung, also gebe ich sie auch an den anderen weiter. So verfahre ich jetzt in allen Lebenslagen. L G Eva
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ich finde es richtig und wichtig zu seinen Gefühlen zu stehen, alles andere macht krank...
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