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Auf der Suche nach einer schicken Allergie

Von wize.life-Nutzer - Montag, 27.10.2014 - 16:47 Uhr

So wird man endlich intolerant
Neulich in einer Kantine: Herr K. hatte Chefsalat, Berger aus dem Marketing eine Gluten-Unverträglichkeit, der unvermeidliche Koslowski eine Laktose-Intoleranz und Frau Stibbenbrook aus der Rechtsabteilung ohnehin keinen Hunger, wenn man von dem fettarmen Natur-Joghurt absieht, mit dem sie sich ihren Büroalltag fünfmal täglich verschönert.

Die Juristin kocht zurzeit ohne Weizen und reagiert mittlerweile laut eigenen Erzählungen auf Kamille, Hülsenfrüchte, Rotwein und tierische Gelatine mit großflächigen Ekzemen.

Sein Salat schmeckte Herrn K. bis zu dem Moment, als Frau Stibbenbrook sagte: „Wahnsinn, wie Sie reinhauen! Ihren Stoffwechsel möcht‘ ich mal haben.“ Es klang weniger begeistert, als es sich hier liest.

Als er nach Hause kam, war er aschfahl. Wie siehst du denn aus?“, fragte seine Frau. Er antwortete: „Ich brauche dringend eine Allergie. Alle haben jetzt eine.“

Als die Familie abends beriet, was zu tun sei, wurde schnell klar: Heuschnupfen reicht nicht mehr. Heuschnupfen ist „voll Achtziger und was für Loser“, sagte die 16-jährige Tochter von Herrn K., der sich daran erinnerte, wie er während der Pollensaison früher zu kämpfen hatte. Damals nahm man das als gottgegeben hin, heute rennt man zu drei Allergologen und Homöopathen.

Aber im Prestige-Ranking der Krankheiten rangiert der Heuschnupfen tatsächlich heute nicht nur in seiner Firma irgendwo zwischen Keuchhusten und Fußpilz. Zugleich müssen Führungskräfte im gehobenen Management wie Herr K. aufpassen, was sie an Krankheiten kultivieren – und entsprechend preisgeben.

„Ich hab‘ Meniskus“, hat deutlich mehr Glamour als das Geständnis eines Bandscheibenvorfalls. Meniskus klingt nach sportlichem Ehrgeiz, den Herr K. in seiner Freizeit bisher nur bedingt entwickeln konnte.

Schon mit dem Bekenntnis einer chronischen Entzündung der Nasenschleimhäute sollte man im Kollegenkreis indes sparsam umgehen. Herr K. versteht vor allem den Allergie-Enthusiasmus nicht: Überall wird Toleranz so was von gesellschaftlich GROSSGESCHRIEBEN, und ausgerechnet beim Essen kann es nun gar nicht intolerant genug sein.

Einerseits wollen alle sich selbst optimieren und Fitness demonstrieren. Andererseits sind Allergien das ganz große Ding. „Wer krank ist, macht sich verdächtig. Wer gar nix hat, erst recht“, philosophierte er über dem Abendbrot.

Seine Frau merkte an, dass auch Vorsorgeuntersuchungen sehr en vogue seien: Kreislauf, Haut, Darm – alles darf getestet, nur bitte nix gefunden werden.

Zum Dessert brachte sie Mousse au Chocolat. Herr K. liebt Schokolade, was sie dann auf die rettende Idee brachte, die er beim nächsten Kantinen-Date sofort ausprobierte. Er kniff sich leicht in die Hüfte, Frau Stibbenbrook fragte prompt nach, Herr K. gestand:

„Kakao-Insuffizenz. Ich hab’s aber im Griff.“ Eine Mittagspause lang war er der König. Der König der eingebildeten Kranken.

3 Kommentare

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Ich finde den Beitrag schön... der arme Herr K. jetzt wird er Alzheimer kriegen, weil er keinen Kakao trinken kann und keine Schokolade essen, wo man doch erst in einer Studie rausgefunden hat, wie gut Kakao fürs Gedächtnis ist...
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naja ich finds nicht so richtig zum lachen schließlich werden da ein paar tödlich endende Unverträglichkeiten wie die Glutenunverträglichkeit durch den Kakao gezogen, als Betroffene mit ner Zöliakie nicht gerade nett, wenn man das als eingebildete Krankheit interpretiert... aber nur so zur Info die ärztliche Leitlinie für diese Krankheit http://www.dgvs.de/fileadmin/user_up...05_2014.pdf
so als Beitrag zur Versachlichung.
und man geht davon aus das 13% der Bevölkeung betroffen sind und das auf 1 diagnostizirten Betroffenen 10 Unerkannte sind und die haben ein Krebsrisiko von fast 30%... nee mein lieber... manches sollte man ernst nehmen
Gerda die wirklich von Allergien Betroffen erzählen es nicht zur allgemeinen Unterhaltung rum und versuchen Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern schauen einfach das Sie das richtige essen... um bei Zölliakie zu bleiben es gibt heute schon in fast jedem Supermarkt Glutenfreie Lebensmitel zu kaufen, wenns erst mal diagnostiziert ist, dann kann man damit genausogut leben wie mit echter Laktoseintoleranz... im Zeitalter von Google haben halt viele Krankheiten von denen früher keiner wußte das es die gibt...
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