Tägliche Chance oder Kapitulation: Rolltreppe fahren oder Treppen steigen
Tägliche Chance oder Kapitulation: Rolltreppe fahren oder Treppen steigenFoto-Quelle: © davis www.fotolia.de

Tägliche Chance oder Kapitulation: Rolltreppe fahren oder Treppen steigen

Thomas Bily
Beitrag von Thomas Bily

Jeden Morgen am S-Bahnhof Marienplatz: Hunderte von Menschen steigen aus und verteilen sich auf die verschiedenen Ausgänge. An den Rolltreppen kommt es zu Staus. Auf der Treppe nach oben ist man fast allein. Bei Gebrechen und Beschwerden verstehe ich die Rolltreppennutzung. Ansonsten frag ich mich jedes Mal, was einen gesunden Menschen verleitet, sich sattsam auf eine Rolltreppe zu stellen.

Rolltreppengeher

Fairer Weise muss man unterscheiden zwischen Rolltreppengehern, die die Laufleistung des Bandes nutzen als zusätzliche Beschleunigung auf dem Weg zum Arbeitsplatz, ins Kino oder zum geliebten Partner. Rechts stehen, links gehen - das ist mittlerweile gelernt und nur noch selten blockieren Menschen die gesamte Rolltreppe (auf Treppen gibt es dieses Symptom dank der Breite und mangels Publikum ohnehin nicht). Oft sind es Touristen, Menschen mit großem Gepäck oder einfach Träumer. Ein halbverschlucktes "´tschuldigung" reicht meist, um den Weg frei zu schaufeln.
Sonderfälle sind die Rolltreppenblockierer, die den Zugang oder noch schlimmer: den Abgang versperren. Weil sie sich fragen, ob das die richtige Richtung ist, die sie im Begriffe sind einzuschlagen. Sie starren verzweifelt auf die Beschilderung, als gebe es kein Zurück mehr nach der Rolltreppe. Solche Leute machen Rolltreppenfahren gefährlich.
Auf der Treppe kann man fast immer locker ein- und auslaufen. Treppensteiger erfahren Gedränge nur vor Weihnachten oder bei Fußballspielen.

Rolltreppensteher

Ein wirklich unerklärliches Phänomen bleiben für mich die Rolltreppensteher. Wie gesagt: Gebrechen etc. außen vor.
Was treibt einen (halbwegs) gesunden Menschen mit funktionsfähigen Beinen dazu, 30-60 Sekunden auf einer Rolltreppe zu verharren. Wo es doch davor und danach nicht schnell genug gehen kann und immer pressiert. Wenn man das gleiche Ziel in 10 Sekunden erreichen kann und dann auch noch was tut für die Gesundheit. Lieber fahren wir mit der Rolltreppe zum Yogakurs oder in den Bio-Supermarkt.
Der Extremfall sind Rolltreppensteher auf flachen Rolltreppen, so wie auf Flughäfen. Das ist für mich eine erbärmliche Kapitulation des Bewegungsapparats.

In Erinnerung habe ich eine fast 90 jährige frühere Nachbarin, die jahrein jahraus jeden Tag mehrmals die 150 Stufen zu ihrer Wohnung hoch steigt. Sie ist ein Beweis dafür: Treppensteigen ist Gesundheit in kleinen, täglichen Dosen. Der Gedanke an diese langfristige Wirkung hilft mir fast immer, wenn der innere Schweinehund sich wieder mal aufbäumt und Richtung Rolltreppe schielt.