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Fühlen - was das ?!

Von wize.life-Nutzer - Mittwoch, 28.10.2015 - 08:24 Uhr

Die frisch gebackene Wohnungsinhaberin führt ihre Nachbarin durch die Räume. Gerade sind sie wieder im Flur angekommen. Und von der offenen Küchentür aus bietet sich folgendes Bild: zwischen Spüle und Anrichte kauert in einer Lücke ein Mann im Schneidersitz auf dem Fußboden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Mit beiden Armen umfasst er eine ganze Ladung von Gemüse, Milchtüten, Marmeladengläsern usw.: „Und das ist mein Mann. Wegen seiner emotionalen Kälte haben wir ihn gegen den Kühlschrank eingetauscht. So sparen wir viel Strom.”

Bei diesem Cartoon, vor einiger Zeit in einer deutschen Publikumszeitschrift erschienen, weiß man erst mal nicht, ob man lachen soll oder weinen. Am besten wahrscheinlich beides.

Was der Cartoon nicht zeigt: das, was neulich bei dem Kommentar-Tsunami hier auf SB zu Ellens Beitrag (Gibt es noch gefühlvolle und ehrliche Männer?) herausgekommen ist: Emotionale Kälte ist nicht etwas, das nur Männer betrifft.

„Die Leute müssen sich darin üben, so wenig Emotionen wie möglich zu haben, denn Gefühle kosten Geld“, schrieb Erich Fromm in seinem Klassiker „Haben oder Sein“. Wobei er das Interesse an dieser Form von „sich üben“ ganz eindeutig zuordnete: dem Kapitalinteresse.

Kann es sein, dass wir Bürgerinnen und Bürger dieses Landes da in den vergangenen Jahrzehnten eine Runde verloren haben?

Wenn das Kölner Rheingold-Institut in einer Studie von einer „überdrehten Erstarrung” spricht, die aus psycho-sozialer Sicht heute für weite Bevölkerungskreise in Deutschland kennzeichnend ist, dann hat das meiner Ansicht nach sehr viel mit dieser Verweigerungshaltung zu tun: nicht fühlen zu wollen. Genauer gesagt: mit der Weigerung, auch Unangenehmes, Schmerzhaftes zu fühlen.

Das Leben ist Freude und Schmerz zugleich. Kein Kalenderspruch, sondern die Summe eines jeden sauber bilanzierten Tages. Wenn ich es mir aber nun einmal zur Gewohnheit gemacht habe, potentiell Unangenehmes, Schmerzhaftes zu vermeiden, bedeutet das eine ebenso unmerkliche wie unglaubliche Verflachung im Gefühlsbereich.

Mit dem künstlich reduzierten Tiefenausschlag reduziert sich bald auch der Höhenausschlag. Alles nivelliert sich, wird mehr und mehr gleich gültig. Mit diesem selbst eingebauten Filter verspricht das Leben vielleicht etwas mehr „handlebar“ zu werden. Nur um welchen Preis?

Wahrhaftig mit sich selbst umgehen - dazu gehört auch, sich zu erlauben, das gesamte Spektrum an Fühlbarem zu fühlen.

Und das nicht nur gequälter maßen. Die bewusst angenommene Herausforderung, auch den Schmerz zu fühlen, belohnt sich selbst mit innerem Wachstum. Der Filmemacher Clemens Kuby, der selbst einmal mit schwersten körperlichen Beeinträchtigungen konfrontiert war, spricht aus eigener Erfahrung, wenn er sagt: „Wir müssen den Schmerz annehmen lernen … Schmerz – oder auch schon das Unwohlsein – wird so zum Schlüssel der eigenen Entwicklung.“

Und wir müssen uns nicht mehr reflexartig jedem eigenen Schmerz bzw. jedem mutmaßlichen Schmerz anderer verschließen.

Sri Aurobindo schreibt in einem seiner Aphorismen: „Schmerz ist der Schlüssel, der die Tore der Stärke öffnet; er ist die Heerstrasse in die Stadt der Glückseligkeit.“ Hallo, bitte einmal kurz durchatmen …

Beschäftigt man sich mit den Abläufen von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, fällt Folgendes auf: ca. 50 – 60 Jahre vor dem Start einer neuen grundlegenden gesellschaftlichen Innovation wie z.B. dem Auto oder dem Computer gibt es sehr präzise, eindeutige Hinweise und Aussagen zu diesen Entwicklungen.

Genau vor 55 Jahren schrieb der Sozialpsychologe Erich Fromm: „Zum ersten mal in der Geschichte hängt das physische Überleben der Menschheit von einer radikalen seelischen Veränderung des Menschen ab.“

Was wir heute feststellen müssen: eine immer steiler ausfallende Version von „Klimasturz im Begegnungsraum“ auf der einen Seite und auf der anderen Seite allüberall ganz ambitionierte Versuche von wahrhaftigem und authentischem Umgang mit sich selbst und anderen.

„Authentischer Umgang mit sich selbst?“. Also doch die schöne neue Welt? Klar, warum denn nicht?!

Was können wir tun im „täglichen Vollzug“, damit die jetzt aufwachsende Generation nicht erst mal bei google nachschauen muss, wenn es um das Wort „fühlen“ geht? Wird es da etwas anderes geben als einfach - hinzufühlen?

1 Kommentar

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Ein sehr schöner, tiefsinniger Beitrag - auch wenn das Thema leider gar nicht schön ist. Es ist auch wichtig, mal mit diesem Vorurteil aufzuräumen, dass nur Männer von emotionaler Kälte betroffen sind. Und freilich gab es diese schon immer, aber sie nimmt mehr und mehr zu. Und sie bzw. das ist ein gesellschaftliches Phänomen. Absolut. Ein Phänomen, das auch viel mit unseren Medien oder vielmehr mit unserer Nutzung dieser primär durchaus nützlichen Ergebnisse des ständigen Fortschritts zu tun hat. Der Hinweis auf Google ist leider keineswegs abwegig ... Was können wir tun? Das ist eine gute Frage. Reicht es noch, wenn wir selbst ein "gutes Vorbild" abgeben, unsere Gefühle zeigen, über unsere Gefühle sprechen! Reicht es noch, unsere Mitmenschen freundlich zu ermutigen zu sagen, was sie denken und fühlen? Reicht es noch, wenn wir so schöne Beiträge mit warnendem und zugleich appellativem Charakter schreiben und hoffen, dass die Richtigen sie lesen und darüber nachdenken werden? Das weiß ich nicht. ABER: Wenn wir es nicht versuchen, dann werden wir das nie herausfinden! Danke für diesen Beitrag!
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