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Aus Freude am Alten – Erhalten, Teil I

Aus Freude am Alten – Erhalten, Teil I
Wolfgang Stegers
18.01.2018, 19:13 Uhr
Beitrag von Wolfgang Stegers

Wenn Kleidung nicht mehr gewaschen, Schuhe nicht mehr geputzt, Sachen nicht mehr repariert werden und elektronischen Geräten das schnelle Altern zielbewusst einprogrammiert wird, dann stimmt etwas nicht mit unserer Wegwerf-Gesellschaft.

Ich muss gestehen, ein Reparaturfreak zu sein. Nicht, dass ich kaputte Sachen, egal gleich welcher Art, wiederbeleben und sie in den Zustand ihrer geschmeidigen Funktionsfähigkeit zurückversetzen könnte. Nein, dazu bin ich total unbegabt. Aber ich mag sie nicht wegschmeißen und durch Neues ersetzen. Von ihnen trennen, möchte ich nicht. Gewohntem, das vertraut geworden ist, mich über Jahre begleitet hat und liebevoll behandelt wurde, fühle ich mich verpflichtet. Trennen, weg damit, das hieße Abschiedsschmerz; bedeutete, irgendwie alleingelassen zu werden. So nach dem Motto, „Du kannst doch nicht einfach so verschwinden“.

Ja, ich weiß, es sind nur Dinge. Dinge des Alltags. Aber gerade an diesen hängen so viele Erinnerungen.

Mein Vater sagte immer, „ich bin zu arm, um mir Billiges zu kaufen“. Billiges war eher abschätzend gemeint. Schlechte Qualität, für den schnellen und kurzen Gebrauch bestimmt, weder belastbar, noch liebevoll verarbeitet. Ex & Hopp-Mentalität eben. Dabei ist ein großer Unterschied zwischen billig und preiswert zu machen. Noch besser, wenn wirklich hochwertig Verarbeitetes zu einem sehr, sehr günstigen Preis verkauft wird. Dann hat man „ein Schnäppchen“ erjagt, ist eben nicht auf die für den Aus- und Rausverkauf produzierte Ware hereingefallen, deren utopisch hochgesetzter Preis zum Ausverkauf um 70 Prozent reduziert wurde. Selbst dann ist es noch überteuert. Ramsch bleibt Ramsch.

Ich spreche von günstig erstandener Qualitätsware. Ob andauernd benutzt oder nur ab und an, aber was tun, wenn nach vielen Jahren ein Defekt auftritt?

So ist es mir vor wenigen Monaten mit meiner Bohrmaschine ergangen. Nichts drehte sich an der Hilti TM 5. Die rote Hilti, das ist jene von Profis favorisierte Marke (ich bin keiner), der der Ruf der Unkaputtbaren vorauseilt. Meine aber war es. Na klar doch, werden jetzt die echten Profis sagen, die TM 5 ist ja in dem kaum überschaubaren Angebot der Bohrwerkzeuge, die Allerkleinste, höchstens etwas für den Hobby-Heimwerker. Denn meine geliebte (ich gebe es zu, selten benutzte) Hilti gab keinen Muckserer von sich. Über Monate lag sie unbeachtet in der Abstellkammer und, obwohl ich sie weder sah, noch beachtete, geschweige denn hätte benutzen müssen, ging sie mir nicht aus dem Kopf. Was ist mit meiner Hilti? Was tun?


Eines Tages bin ich mit meinem Roller eher zufällig an einer Hilti-Niederlassung im Münchner Gewerbegebiet vorbeigefahren. Leider war es Samstagnachmittag und da haben Service-Center für Profis natürlich geschlossen. Außerdem hatte ich meine defekte Diva auch nicht dabei. Aber ich hätte ja mal fragen können.

Im Profi-Service-Center hätte ich mich bis auf die Knochen blamiert und wäre puterrot angelaufen

Welch’ Glück auch, das nicht. Die Frage vor Ort, am Serviceschalter, inmitten Handwerker-Profis vor und hinter dem Tresen, hätte alles Mögliche provozieren können, Lacher, Kopfschütteln, Mitgefühl – und sicherlich wäre ich lieber in den Boden versunken, als mich mit meinem so banalen Anliegen lächerlich zu machen und als Amateur- und Wochenend-Heimwerker zu outen.

Jedenfalls das Telefonat in der nächsten Woche verschaffte mir allein aufgrund der räumlichen Distanz und der fehlenden Inaugenscheinnahme ein bestimmtes Auftreten, verbunden mit der Charmeoffensive, wie sehr ich doch meine Hilti vermisse. Etliche Telefonate später und immer von hilfsbereiten Kräften umsorgt, weitergeleitet und durch das Labyrinth eines Buchbinder Wanninger gelotst, blieb die mit dem höchsten Ausdruck des Bedauerns erteilte Auskunft: „Unreparierbar. Mit über 30 Jahren zu alt. Nicht mehr im Serviceplan. Keine Ersatzteile mehr vorhanden.“

Der ultimative letzte Rat: Wegschmeißen, äh, der Entsorgung zuführen. Ko-Tropfen hätten nicht besser wirken können

Nu, ich will es abschließen. Etliche e-mails später, schickte ich die kaputte Hilti bestens verpackt in den vorweihnachtlichen Paketverkehr. Denn bei der Firma hatte sich einer erbarmt und bereiterklärt, einen älteren, bereits in Rente stehenden Mitarbeiter zu fragen, ob er einen Blick mal auf die TM5 werfen könne und ob sie überhaupt noch zu reparieren wäre.

Kaum abgeschickt, mit lieben Grüßen und Wünschen versehen, kam das Paket binnen 10 Tagen wieder retour. Freundliche Zeilen begleiteten es. In der Tat hatte der Pensionist den Fehler schnell gefunden und auch das passende Ersatzteil bereit. Der Schaden: Ein elektromechanisches Relais, ein Pfennigartikel, hatte seinen Geist aufgegeben. (Wahrscheinlich, weil seine Funktion zu wenig gefragt war, hatte er das Arbeiten eingestellt, kam es mir in den Sinn.)

Bestens wieder zum Laufen gebracht und geschmiert war sie. Aber ein Reparaturpreis wurde genannt. Es läge in meinem Ermessen, die Hilti-Stiftung mit dem SOS-Kinderdorf Monaragala in Sri Lanka zu unterstützen, hieß es in dem Begleitbrief. Das tat ich sodann mit allergrößter Freude. Ja, stolz fühle ich mich ein wenig, eine alte Schlagbohrmaschine einer solch angesehenen Firma zu besitzen - auch wenn ich kaum ein präzises Bohrloch setzen kann, aber auch meine Hilti TM 5 atmet den Geist einer Firma, die sich aucg dem Gemeinwohl verpflichtet fühlt – abseits aller Profite.

Folgt Erhalten, Teil zwei: Wie Repair Cafés das Können der Alten erhalten

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