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Zwei Leben: Wie Repair Cafés das Können der Alten erhalten (Teil II)

Zwei Leben: Wie Repair Cafés das Können der Alten erhalten (Teil II)
Wolfgang Stegers
21.01.2018, 17:54 Uhr
Beitrag von Wolfgang Stegers

Reparieren ist besser als wegwerfen. Die Bewegung „Repair-Café“ hat von Holland kommend, Deutschland erfasst. Wer einmal das Erfolgserlebnis genossen hat, dass sein kaputtes Lieblingsstück sachkundig von einem alten Meister instandgesetzt wurde, schwört auf diese bürgernahe Zusammenarbeit. Oder er packt selber an und ist mit dabei.

Wahre Liebe zu alten Sachen


Da ist die liebgewonnene Hilti-Bohrmaschine, ein Anderer mag sich von seiner analogen Spiegelreflexkamera nicht treffen und, Vinyl-Schallplatten stehen hoch im Kurs, aber der Plattenspieler dreht sich nicht. Ja, und es soll auch Leute geben, die ihr altes, veraltetes Handy nicht hergeben möchten. Wie sich wahre Freundschaft in der Not zeigt, so ist es auch bei der Reparatur alter Sachen. Selbst wenn diese den Wert oder den Preis einer Neuanschaffung übersteigt, wird das liebgewonnene Kleinod umso mehr geschätzt.

Aber mittlerweile ist es gar nicht so einfach, alte Dinge wiederherzustellen. Es fehlen Ersatzteile, es lohnt den Aufwand nicht und auch das Wissen und die Erfahrung mit dem Alten drohen verlorenzugehen. Zu schnell sind die Produktionszyklen, zu dramatisch die technischen Umbrüche, zu aufwendig die Konstruktion. Wer in Modulen denkt, kennt die Einzelheiten nicht.

Module tauschen statt reparieren


Wer Baugruppen austauscht, weiß Bauteile nicht zu reparieren. Wie das enden kann, zeigt die Rückleuchte des neuen Audi A8. Als technologischer Meilenstein gefeiert, mit den OLED-Rückleuchten als technische Top-Innovation bejubelt, wird dann das böse Erwachen kommen, sollte das Bauteil mit dem betörenden Licht in den kristallklaren Farben beschädigt worden sein. Birnchen austauschen und Deckglas erneuern, geht nicht. Es kann nicht repariert werden, die Einheit kann nur komplett ausgetauscht werden. Die Kosten sind mehr als happig. 4000 Euro sind zu zahlen.

Kaschmirpullover und Küchenmaschinen


Da ist ja das Motten-Löcher-Stopfen eines Kaschmirpullovers mit 20- 25 Euro geradezu ein Schnäppchen und die Barbour-Wachsjacke für 80 Euro zu waschen und wieder zu wachsen nahezu geschenkt. Nein, wir haben uns daran gewöhnt, nicht zu reparieren, wegzuschmeißen, zu erneuern, modern Neues zu kaufen. Das hat auch etwas mit Überfluß zu tun.

Wie schön, dass in immer mehr Städten so genannte Repair-Cafes öffnen. Wer hier Hitech-Labors erwartet, muss damit vorlieb nehmen, sich in einer Bastelstube wiederzufinden. Es sind oft provisorisch eingerichtete Werkstätten mit Stromanschluß, Lampe und Arbeitsplatte. Sein Werkzeug bringt der Handwerker selber mit. Aber viele Cafés oder Reparaturwerkstätten sind ständig besetzt und verfügen über einen großen Bestand an mit Ersatz- und Reparaturteilen.

Meister in Rente, Studenten in Ausbildung


Zu festen Zeiten finden Ratsuchende und Verzweifelte Hilfe. Meist sind es bereits aus dem aktiven Arbeitsleben ausgeschiedene Handwerker, die ehrenamtlich mit Rat und Tat zu Seiten stehen. Sie haben noch das Wissen und das Wollen, kaputte Teile wieder in Gang zu bringen. Repariert wird nahezu alles – natürlich sind es vor allem elektrische Kleingeräte aus dem Haushalt, auch Fahrräder sind schon mal dabei oder Kleidung, die genäht werden soll.

Es sind alte Meister, die sich hier nützlich machen wie Studenten, die ihre praktischen Erfahrungen umsetzen. Alle eint die Freude am reparieren. In Frankfurt am Main gibt es mittlerweile fünf verschiedene Projekte, die unter der Bezeichnung Repair-Cafe laufen. Aber nicht nur in Frankfurt. Überall in Deutschland sprießen solche Cafés, von unterschiedlichsten Trägern initiiert, aus dem Boden. Es lohnt sich unter den entsprechenden Stichworten die Suchmaschinen im Internet anzuwerfen oder bei der Stadtverwaltung nachzufragen.

Bei Kaffee & Kuchen wird geschraubt


Bevor aber die Fehlersuche beginnt und mit Schraubendreher und Werkzeug operiert wird, muss der Hilfesuchende eine Verzichtserklärung abgeben eventuelle Schäden bei der Reparatur nicht geltend zu machen. Und dann kann es losgehen. Es macht so gar Spaß dabei zu sein und man selbst lernt auch etwas. Bei Kaffee und Kuchen vergeht die Zeit wie im Flug. Ein solches Cafe wird schnell zum Treffpunkt. Und ist dann das Gerät instandgesetzt, ja dann gibt jeder gerne eine Spende. Mit dem Geld werden laufende Kosten des Repair-Cafés gedeckt.


Hier drei Beispiele für weiterführende Links aus Frankfurt am Main, München (mit nahezu 30 Adressen in der Stadt und im Umland), Hamburg. Repair-Cafés sind überall in Deutschland zu finden:

www.repaircafefrankfurt.de
https://www.awm-muenchen.de/privatha...-cafes.html
https://repaircafe.org/de/locations/...urg-altona/

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