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Familiengeschichte

30.12.2016, 12:50 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Bei unserem Klassentreffen im Herbst fanden sich 52 Jahre nach dem Abitur viele Klassenkameraden ein. Wir sind alle Kinder von Eltern, die den Nationalsozialismus erlebt haben. Viele Väter haben die nationalsozialistische Ideologie in ihrer Erziehungspraxis weitergegeben, vielfach ohne sich dessen bewußt zu sein. Die Mütter bekamen Ratschläge zur Erziehung, die ebenfalls der nationalsozialistischen Ideologie geschuldet waren. So sollten die Kinder streng erzogen werden und nicht zu sehr verwöhnt und liebkost werden. Aus den Erziehungsschriften der Ärztin Johanna Haarers (1900–1988) wird deutlich, wie sehr die ideologische Forderung nach Härte im Nationalsozialismus auch den Umgang mit Kleinkindern geprägt hat. Sie behandelt Kinder ab der Geburt als Wesen, deren Schreien und Flehen nicht nachgegeben werden soll. Der Aufbau einer liebevollen Beziehung zwischen Eltern und Kindern soll verhindert werden, wobei die Kindererziehung selbstverständlich Aufgabe der Mutter ist. In meiner Familie war es so und ich dachte meine Klassenkameraden haben ähnlich Erfahrungen gemacht und wir könnten uns darüber austauschen. Durch Gespräche mit meinem Bruder, meinem Cousin und mit Lehrerkollegen hätte ich dies als Illusion erkennen können. Mein Bruder hat das Schweigen, das die Kriegsgeneration in der Nachkriegszeit praktiziert hat, verinnerlicht. Er spricht nicht über seine und meine Kindheit und Jugend. Mein Cousin sagt: Damals haben doch alle mitgemacht! Und meine Lehrerkollegen versuchten mir zu erklären, dass es notwendig war, sich der herrschenden Ideologie anzuschließen. Anderenfalls wäre der Vater arbeitslos geworden und hätte nicht mehr die Familie ernähren können. Die Aufzählung von Familien, die nicht mitgelaufen sind, fruchten hier nicht. Es geht mir nicht um eine Verurteilung der Mittäter und Mitläufer, sondern um die Erkenntnis, in welchem Umfeld meine Jahrgangskollegen und ich aufgewachsen sind. Um die Antwort auf die Frage: Wie wurde ich der, der ich bin?
Mit diesem Thema bin ich bei meinen Klassenkameraden total gescheitert. Die abwehrende Haltung über dieses Thema zu sprechen war groß und teilweise aggressiv. Nun stelle ich mir die Frage, warum ich an diesem Thema interessiert bin. Einmal sind es die Bücher von Kindern nationalsozialistischer Eltern, die ich gelesen habe. Zum Anderen ist es meine Familiengeschichte, die ich aufgeschrieben habe, und die mich wachgerüttelt hat. Ich verstehe die Scheu und Scham über die eigene Familie in dieser Zeit Auskunft zu geben und unterlasse das Nachfragen. Ich weise lediglich auf dieses Tabu hin.

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1 Kommentar

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Wie weit weg das aus den Köpfen ist, sehen wir doch wieder. Wer aus der Vergangenheit nicht gelernt hat, ist verdammt sie wieder und wieder zu machen.
  • 30.12.2016, 15:05 Uhr
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