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Ein deutsches Flüchtlings-Schicksal

23.05.2017, 18:58 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Ein deutsches Flüchtlings-Schicksal

Sie, meine Mutter, war gerade 40 Jahre alt, als sie alles verloren hatte: ihr Haus, die beiden Männer im Krieg, ihren Ehemann und ihren Bruder, als sie mit ihren zwei kleinen Töchtern und zwei Koffern am 21. Januar 1945 in den Lastwagen stieg, der in letzter Minute die von der Roten Armee umzingelte Stadt, Bromberg, das Venedig des Ostens, verließ.

Die Reise war eine Flucht ins Nirgenswohin. Die Züge in den Westen waren überfüllt, man übernachtete in den Kellern der Bahnhöfe, fror, hungerte und hörte das Sirren und Heulen der Sirenen und das dumpfe Dröhnen der Bombengeschwader, die ihre Last über Leipzig abwarfen.

Wir waren Ausländer in dem kleinen niederbayrischen Dorf Otzing. Nach einem Jahr zogen wir weiter nach Norddeutschland, wo ebenfalls Verwandte aus dem Osten Aufnahme gefunden hatten.
Wir Kinder konnten vormittags das Gymnasium besuchen und nachmittags suchte man auf den Feldern Ähren und Kartoffeln. Unsere Mutter lernte, ein Schwein großzuziehen, und einmal im Jahr gab es ein Schlachtfest.

Wir über-lebten, denn zum Leben gehörte eigentlich eine Wohnung mit Küche und Bad. Wir hatten aber nur ein großes und ein winziges Zimmer, sieben Jahre lang!
Erst danach – im Rahmen einer generellen Umsiedlung der ostdeutschen Flüchtlinge – bekamen wir eine kleine Wohnung im Frühlingsweg in Heidelberg. Unsere Mutter hatte diese Stadt als Wunschziel angegeben, da sie für ihre jüngste Tochter ein Studium ermöglichen wollte.

Sie hatte ja nur noch ihre Kinder. Ihre Geschwister hatten alle den Sprung über das Meer gewagt und waren nach Amerika ausgewandert, kamen in Abständen zu Besuch, um ihren Kindern ihre ehemalige Heimat zu zeigen. Der Anfang sei sehr schwer gewesen, berichteten sie, denn sie hätten ja die Sprache nicht gekannt. Aber deutsche Flüchtlinge galten überall als 'fleißig' und schließlich waren sie alle im Land der tausend Möglichkeiten wieder reich geworden.

Unsere Mutter wollte da nicht zurückstehen. Da sie als Kriegerwitwe und Frau eines Lehrers eine Pension und die Kinder Waisenrente erhielten, hatte sie bald 5000 DM gespart und eröffnete uns eines Tages, sie wolle ein Haus bauen. !

Ich hatte gerade angefangen zu studieren, hatte meine erste unglückliche Liebe hinter mir und wollte von solchen Abenteuern nichts wissen. Aber meine Schwester, dem Leben zugewandter und auch schon berufstätig, war sehr beeindruckt und versprach, sie zu unterstützen.
Die Baugesellschaft machte Konkurs, es folgte ein Tohuwabohu; Handwerker, die längst bezahlt waren, wollten sich erneute Zahlungen erschleichen, ein Prozess wurde angestrengt, unsere Mutter brach einmal nach dem Gottesdienst vor der Kirchentür zusammen – Herzversagen mit 50 Jahren!

Aber als wir einzogen, strahlte sie vor Glück! Sie, die Heimatvertriebene, hatte wieder ein eigenes Heim! Wir hatten einen großen Garten, pflanzten Obstbäume, bauten Gemüse an, ein geschwungener Weg führte durch den Garten zum 'Rentnerweg'.
Das Grundstück lag zwischen amerikanischem Flughafen und Autobahn, an manchen Tagen war das eine Lärmhölle, aber schließlich wollte niemand die armen Flüchtlinge in seinem vornehmen Stadtteil als Nachbarn haben.
Aber diese Außenseiter-Existenz störte uns eigentlich nicht mehr. Wir hatten uns im Laufe der Jahre daran gewöhnt.

Obwohl es während meiner Studienjahre nie genug Geld für Bücher oder gar Kleidung gab – unsere Mutter hatte sich ja nun einen riesigen Schuldenberg aufgeladen –, waren es in meiner Erinnerung glückliche Jahre.

Eines Tages wagten wir auch, sie zu fragen, wann sie denn am glücklichsten gewesen sei. Sie sagte, als Kind und junges Mädchen. Sie erzählte, dass sie einmal als Schülerin an dem zweisprachigen Gymnasium in Sompolno in einem Theaterstück die Iphigenie gespielt und man ihr am Ende Rosen auf die Bühne geworfen habe. Dass ihr Deutschlehrer, 30 Jahre alt, sich in sie, die 17-jährige, verliebt habe, aber er für sie leider zu alt gewesen wäre. Später habe sie sich mit Karl verlobt, dem die Eltern das Theologiestudium in Leipzig finanziert hätten. Sie zeigte uns seinen Abschiedsbrief, vier Seiten, handgeschrieben, voller (männlicher und weiblicher) Tränenflecken! Die Verlobung habe er nach 4 Jahren aufgelöst, weil er 'zeugungsunfähig' sei. Das sei das erste Unglück in ihrem Leben gewesen.

Danach habe sie unseren Vater kennengelernt, ein charmanter Löwe, immer im Mittelpunkt, aber arm, und sie habe ihn gegen den Willen der Eltern geheiratet, eine Art Entführung inszeniert. Ihr Bruder, ev. Pfarrer, hätte sie noch nach ihrer Flucht mit einer Kutsche verfolgt, aber er sei im Straßengraben gelandet, und er habe die Trauung nicht mehr verhindern können.

So war sie, meine Mutter, zielstrebig, meine arme, reiche, schöne, einsame Mutter, mit 40 Jahren Witwe, mit 50 Jahren in einem eigenen Haus in der Fremde und einem Schuldenberg, der sie nun daran hinderte, Urlaub zu machen. Sie wollte ihren Kindern keine Schulden hinterlassen. Sie machte einmal eine kleine Reise in den Odenwald, sonst nichts mehr!!
Sie wollte auch nie dieses eigene Haus verlassen, sie wollte ihren Lebensabend dort verbringen.

Und ,mit 84 Jahren stand sie auf dem Bismarckplatz und gab dem Taxichauffeur meine Nummer. Meine neue Adresse wusste sie nicht mehr, hatte den Zettel verlegt.
Warum war ich aus dem Haus ausgezogen, das ich noch als Zweitwohnsitz mehrere Jahre genutzt hatte? Ich hatte mir auch einen Wunsch erfüllt, als ich diese Wohnung hoch oben auf den Bergen des östlichen Stadtteils von Heidelberg gekauft hatte. Sie hatte mich dabei finanziell unterstützt, denn sie wollte ihrem Enkelchen ein Geschenk machen. Wir wohnten sozusagen unter dem Himmel und schauten auf das wunderschöne Neckartal herunter, meine unheilbar kranke Tochter in ihrer Korbschaukel auf der Terrasse und ich.

Natürlich nahm ich meine Mutter zu mir, obwohl ich den vielen Verpflichtungen kaum gerecht werden konnte. Aber als beide gestorben waren, verließ ich auch diesen schönen Ort und nahm Abschied von den zwei Menschen, die mir sicher am nächsten standen: meine Mutter und meine Tochter.

Beiden verdanke ich unendlich viel: den äußeren und inneren Reichtum meines Lebens, die bittersten und zärtlichsten Momente meines Lebens, dessen Höhepunkte und Abgründe.
Eine hat mir das Leben geschenkt, und die andere hat ein schweres Leben auf sich genommen, um mir die Tiefe des Lebens und sein Mysterium zugänglich zu machen.
Ich denke an sie mit tiefer Dankbarkeit.

© est

16 Kommentare

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Deine Geschichte, liebe Edith, hat mich sehr berührt.
Was wären wir ohne unsere Mütter? Auch meiner Mutter habe
ich sehr viel zu verdanken und ich durfte sie bis zu ihrem hohen
Alter (97 Jahre) bei mir haben und ich vermisse sie heute noch.
  • 26.05.2017, 18:09 Uhr
  • 2
Danke, Lina,
wenn man schon ohne Vater aufwachsen muss, ist die Mutter total wichtig.
Ich hatte in den letzten Tagen, als ich das schrieb, das Gefühl, ich müsste ihr ein 'Denkmal errichten'.

Hinzu kam auch immer der Gedanke oder besser das Schuldgefühl, ich hätte sie öfter in den Arm nehmen sollen.
  • 26.05.2017, 18:29 Uhr
  • 1
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Liebe Edith. Deine Geschichte ist Teil der Geschichte der Menschheit mit dem persönlichen Schicksal Deiner mutigen Mutter.Danke.Sie war und bleibt,wie auch für mich meine Mutter, ein Vorbiild.Gruß Kunigunde.
  • 26.05.2017, 07:28 Uhr
  • 4
Ja, Kunigunde, eines grauenhaften Teils der Geschichte. Man geht als Kind durch die Zeit anders als ein Erwachsener.
Jetzt hat mich noch einmal die Erinnerung daran überfallen ...
Danke
  • 26.05.2017, 09:22 Uhr
  • 3
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Danke für die berührende Geschichte, Edith!
Schon lange habe ich mir vorgenommen, wieder einmal in Deinen Beiträgen zu stöbern...es hat sich gelohnt!
LG
  • 25.05.2017, 21:57 Uhr
  • 1
Renate, das ist eine echte Überraschung.
DU bist für mich sozusagen täglich ein 'Museum der schönen Künste'; da kann ich täglich wunderschöne Bilder anschauen.
  • 25.05.2017, 22:39 Uhr
  • 1
Das freut mich, Edith!
Schade, dass Du sie nicht anklickst, nicht wegen dem Klick, sondern dass ich weiß, Du hast es gesehen.
LG
  • 26.05.2017, 09:21 Uhr
  • 1
Das werde ich nun tun
  • 26.05.2017, 10:07 Uhr
  • 0
Das freut mich, dann werde ich dabei an Dich erinnert...LG
  • 26.05.2017, 19:56 Uhr
  • 0
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Hallo, liebe Edith...
Eine liebevolle und gleichzeitig traurige Erinnerung, danke dafür...❤️️
  • 23.05.2017, 22:15 Uhr
  • 2
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