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Lebendige Ahnenforschung

Lebendige Ahnenforschung

11.08.2017, 10:04 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Wer sich einmal mit der Erforschung seiner Vorfahren beschäftigt, wird sehr schnell in ihren Bann gezogen. Der Einstieg ist normalerweise das Sammeln und Sichten vorhandener Unterlagen, Dokumenten und sonstiger Aufschreibungen und das Sichten und Zuordnen von Bildern.

Wenn indes durch die Wirren des 2. Weltkrieges kaum noch Unterlagen und Bilder vorhanden sind, scheint man vor einer schier unlösbaren Aufgabe zu stehen. So geschah es auch mir als ich auf das Betreiben meiner Tochter und ihrer Frage nach unseren „Wurzeln“ mit der Ahnenforschung begann. Meine Familie stammt aus dem Sudetenland und wir wurden 1946 im Zuge der „organisierten“ Vertreibung, heute sagt man „ethnische Säuberung“ mit nur einem Maximalgepäck von ca. 25 kg pro Person aus unserer angestammten Heimat in den Westen vertrieben. Zu den Stücken, die eingepackt werden durften, zählten kaum Bilder oder Dokumente, da diese Vertreibung innerhalb von Stunden überhastet und wenig überlegt vor sich gegangen ist.

So hatte ich am Beginn meiner Ahnenforschung nur wenige alte Fotos unserer Familie und unserer Vorfahren und einige wenige handschriftliche Aufzeichnungen zur Verfügung. Aus dieser handschriftlich aufgezeichneten Familiengeschichte entnahm ich, dass der Bruder meiner Großmutter väterlicherseits im 1. Weltkrieg als Gebirgsartillerieoffizier an der Südfront in den Dolomiten eingesetzt war. Aus den Aufzeichnungen konnte ich entnehmen, dass er am 26.5.1918 auf einem Hochplateau „Paradiso“ schwer verwundet wurde, in ein Lazarett in Pellizano/Cles gebracht, dort nach einigen Tagen verstarb und auf einem Friedhof in Südtirol bestattet wurde. Diese Geschichte ließ mich nicht los und so begann ich nach ihm und den näheren Umständen seines Todes zu forschden.

Als erstes setzte ich mich mit dem Gräbersuchdienst des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge in Verbindung, der mir bereits bei der Suche nach im 2. Weltkrieg vermißten bzw. gefallenen Familieangehörigen erfolgreich geholfen hat. Dieses Mal jedoch ohne Ergebnis, aber mit dem Hinweis, mich mit dem „Schwarzen Österreichischen Kreuz“ wegen der Grabsuche meines Großonkels in Verbindung zu setzen. Parallel hatte ich einen Rechercheauftrag an das Österreichische Kriegsarchiv Wien gestellt.

Vom „Österreichischen Schwarzen Kreuz“ erhielt ich ebenfalls einen negativen Bescheid, immerhin aber mit dem Rat, mich an das „Südtiroler Schwarze Kreuz“ zu wenden. In der Zwischenzeit hatte ich vom Österreichischen Kriegsarchiv Wien eine Kopie der Personalakte meines Großonkels erhalten, aus der sein soldatischer Werdegang bis hin zu seinem Einsatz an der Dolomitenfront, den Umständen seiner schweren Verwundung bei einem Angriff der Italiener am Passo del Paradiso, sein Transport in ein Lazarett mit seinem Ableben und seine Bestattung auf dem Lawinenfriedhof in Ossana im Val di Sole entnommen werde konnte.

Meine einfache Anfrage mittels einer eMail an das Südtiroler Schwarze Kreuz wurde bereits am nächsten Tag sehr umfangreich beantwortet. Durch den zuständigen Mitarbeiter erhielt ich genaueste Informationen über die erste Grablage meines Großonkels auf diesem „Lawinenfriedhof“ in Ossana. Durch ein Abkommen zwischen Mussolini und Hitler wurden die überall in Italien verstreut liegenden Toten des 1. Weltkrieges exhumiert und in zentralen Soldatenfriedhöfen erneut bestattet. Mein Großonkel wurde in diesem Zusammenhang mit anderen toten Soldaten der „kuk-Monarchie Österreich-Ungarn“ zum Friedhof „Monumental“ von Trient überführt und erhielt dort ein Grab. Die „Überführungsliste“ dieser exhumierten Soldaten, Bilder der Exhumierung und deren späteres Grab wurde mir vom „Südtiroler Schwarzen Kreuz“ zur Verfügung gestellt. Jahre später wurde dieser Teil des Friedhofs „Monumental“ von Trient aufgelöst, die Gebeine der dort beerdigten Soldaten erneut exhumiert und gemeinsam in einem neuen Mauseleum erneut bestattet. Auch von diesem Mauseleum erhielt ich fotografische Aufnahmen.

Ich wollte, angeregt durch einige wenige handschriftliche Aufzeichnungen in meiner Familie und einigen alten Fotos sowie den positiven Rechercheergebnissen beim Österreichischen Kriegsarchiv und dem Südtiroler Schwarzen Kreuz den traurigen und leidvollen Weg meines Großonkels nachzuvollziehen.

Als ehemaliger Gebirgsjäger bei der Bundeswehr hatte ich ein besonderes Interesse an den Umständen des Kriegseinsatzes meines Großonkels als Gebirgsartillerieoffizier im 1. Weltkrieg an der damaligen Südfront. So begann ich mit der Planung seinen Weg im Jahre 1918 nachzuvollziehen und seinen Spuren zu folgen und reiste in diesem Jahr nach Südtirol. Als erstes besuchte ich den sehr eindrucksvollen großen Friedhof „Monumental“ von Trient und stand an dem Mauseleum, das zur Erinnerung für ihn und seine im 1. Weltkrieg gefallenen Kameraden errichtet wurde. Danach besuchte ich das „Val di Sole“, das Gebiet, in dem er als Soldat ein gesetzt gewesen war. Dieser Teil des Trentinos ist wunderschön und bietet jahreszeitlich bedingt die besten Möglichkeiten, dort seinen Aktiv-Urlaub zu verbringen. Die nächste Station war der kleine Ort Pellizzano, in dem er nach seiner Verwundung bis zu seinem Tod im Lazarett behandelt wurde. Von da aus besuchte ich in dem sehr schönen und idyllisch gelegenen Ort Ossana den früheren „Laswinenfriedhof“, der durch eine Initiative der Gemeinde zu einem sehenswerten Friedenspark umgestaltet wurde. Die Gemeinde Ossana verfügt auch über eine Burg, in deren Räumen ein Museum untergebracht ist. In diesem Museum sind Relikte aus dem 1. Weltkrieg zu sehen. Besonders eindrucksvoll ist ein Szenario einer winterlichen Gebirgslandschaft, das die Situation an Weihnachten im fürchterlichen Winterkrieg im 1. Weltkrieg veranschaulicht. Dargestellt ist die Situation von „Freund und Feind“, die sich in den Weihnachtstagen näher gekommen sind, gegenseitig Geschenke ausgetauscht und gemeinsam Weihnachtslieder gesungen haben. Eine Situation, die sich dokumentiert wirklich an der Alpenfront zugetragen hat. Man sollte bedenken, dass es sich bei den feindlichen Soldaten oft um frühere Nachbarn, Freunde und Bekannte handelte, die durch die Politik der damaligen Zeit „entzweit und zu Feinden“ geworden sind. Italien zählte in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg mit Deutschland und Österreich-Ungarn zum „Dreibund“, aus dem es aber infolge der Kriegserklärung von Österreich-Ungarn an Serbien ausgetreten ist. Auf Grund von „Geheimabsprachen“ über Gebietsansprüche im Süden der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn mit den Entente-Mächten England und Frankreich erklärte Italien dem ehemaligen Bündnispartner Österreich-Ungarn am 23.5.1915 den Krieg und begann seinen Angriff entlang der Grenze vom Stilfserjoch bis nach Triest.

Der nächste Schritt führte mich zum Passo del Tonale, von dem aus man zum Passo del Paradiso gelangt. Am Passo del Tonale erinnert ein großes Denkmal mit den Namen gefallener italienischer Alpini an den sinnlosen Alpenkrieg zweier Brudervölker, Tiroler und Süditroler. Sehr nachdenklich stimmten mich die Daten von italienischen Soldaten, von Alpinis, die im gleichen Zeitraum Ende Mai 1918 – in dem auch mein Großonkel im Kampf schwer verwundet wurde – gefallen waren. Zu Fuß oder mit der Seilbahn kann man dann den Passo del Paradiso besuchen, also den Ort, an dem mein Großonkel als Soldate eingesetzt war und im Kampf schwer verwundet wurde. Am Passo del Paradiso ist ein Museumsstollen zu besichtigen, in dem multimedial dieser Alpenkrieg zwischen den Italienern und der kuk-Doppel-Monarchie Österreich-Ungarn dargestellt wird. Hinweisschilder führen zu den damaligen Stellungen der österreich-ungarischen Einheiten. Man sieht noch die Grundmauern der damaligen Unterkünfte, sieht Reste der ausgebauten Stellungen, die Kavernen, die in den Fels gehauenen Lauf- und Versorgungsgräben in denen die Soldaten auf fast 3000 m Höhe mehr vegetieren als leben mußten, findet auch noch Überreste der damaligen Kampfhandlungen wie Schrapnelle, Gewehrkugeln, Magazinreste usw. Auf halber Strecke zum Gipfel, nahe einem Bergsee steht ein Mahnmal zur Erinnerung an diese Kämpfe, versehen mit den Munitionsresten der damaligen Kampfhandlungen.

Im Sommer und im Winter ist diese schöne Gebgirgslandschaft ein Eldorado für Urlauber, die aus aller Herren Länder zu ihrem Freizeitvergnügen angereist sind.
Heute erinnern noch mahnend Denkmäler, Friedhöfe und Museen an diese für die Soldaten beider Seiten, aber auch und besonders für die zivile Bevölkerung dieses schönen Landstriches an die schreckliche Zeit sinnloser kriegerischer Auseinandersetzung, veranlaßt durch Politiker, die sich der Folgen ihres Handelns nicht bewußt waren.

Meine Gedanken gingen zurück in diese Zeit vor 100 Jahren und an diese sinnlosen Kampfhandlungen, die weder der italienischen Seite noch der österreichischen Seite außer hohen Verlusten an Menschen und Material keinen Gelände- oder Gebietsgewinn brachten. Letztlich wurde jedoch Südtirol als Folge des verlorenen Krieges Italien zugeschlagen. In Gedanken war ich bei diesen Soldaten, die sich teilweise durch ihre Nachbarschaft im Gebirge kannten, Bergkameraden gewesen sind, vielleicht sogar verwandt waren und ihre Leiden hoch oben im Gebirge. Im Winter 1916 fielen in den ersten Winterwochen bis zu 12 m Schnee und herrschten bis an die 45 Minustemperaturen. Nicht nur, dass eine Versorgung dieser Soldaten aufgrund der winterlichen Umstände schier unmöglich war, durch Eis und Schnee waren die Verluste auf beiden Seiten auch größer als durch „Feindeinwirkung“.

Ich konnte dort vor Ort in Trient, im Val di Sole, am Tonalepaß und am Passo del Paradiso die Spur meines Ahnen aufnehmen, verfolgen und seine letzten Stationen aktiv selbst erleben und damit eine Ahnenrecherche eindrucksvoll und erfolgreich abschließen.

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