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Gedanken zum Totensonntag!

Gedanken zum Totensonntag!

25.11.2017, 11:13 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Für die "IBIMS"-Nutella- Generation spielt der Totensonntag keine große Rolle. Sieht man doch auch überwiegend ältere Menschen am Friedhof ein Gesteck aufs Grab der Angehörigen legen.

Je älter man wird, umso mehr bekommt der Totensonntag Bedeutung, gerade heute in der sog. Singelgesellschaft. In manchen Großsstädten sind Singelshaushalte bereits in der Mehrzahl, bei einer Singelbeerdigung die Zahl der Trauergäste meist sehr übersichtlich. Das deutet sich in den Seniorenheimen bereits an, wenn einsame Senioren kaum Besuch bekommen.

Mancher möchte auch gar nicht, dass man an seinem Grab trauert und wählt eine entsprechende alternative Beerdigung, bzw. Feuerbestattung, lässt seine Asche unter einem Baum verstreuen usw.

Für Kinder ist also der Totensonntag oft kein Thema, haben sie doch auch wenig zu betrauern. Alle die man kennt, leben ja meistens noch. So ähnlich war es auch in meiner Kindheit. Alle lebten ja noch. Trotzdem gingen wir einmal die Woche zum Friedhof die Gräber pflegen. Mein Vater hing sehr an seinen Verstorbenen und erzählte mir viel, so dass ich eine Vorstellung hatte, um wen er trauerte, und dass das Menschen waren, zu deren Genpool ich offensichtlich gehörte. Denn spontan erkannte man sich in den Erzählungen, wenn etwa von den Brüdern meines Vaters die Rede war.

Bestimmt hundert mal hörte ich auch die Geschichte, wie mein Großvater väterlicherseits , den ich nicht mehr kennen lernte, mit einem Hackebeil in der Hand, meinen Vater durch die ganze Stadt jagte, weil der etwas angestellt hatte.

Aber wie gesagt, die Menschen, die ich als Kind kannte, die lebten alle noch. Besonders meine geliebte Oma. Immer in Schwarz gekleidet, wegen der vielen, vielen Menschen, die sie nicht nur am Totensonntag zu betrauern hatte, immerhin zwei Weltkriege überstanden, den Kaiser noch gut im Gedächtnis! Und: die älteren Frauen trugen damals wie selbstverständlich Kopftuch. In Omas Zimmer roch es immer ein wenig nach Baldrian - oder waren es die geliebten "Sechsämtertropfen"!?

Ich brauchte als Kind eigentlich keine Märchenbücher, denn die wurden alle von Oma Katharinas Erzählungen übertroffen. Besonders wenn sie aus ihrer Jugend in der ausklingenden Kaiserzeit erzählte. Sie arbeitete in einem "höheren Haushalt" und der Hausherr rief öfter:

"Katharina, bringen sie nochmal frische Klöße!"

Ein Satz, der sich bis heute auch bei mir eingebrannt hat!

Trotzdem kannte ich alle Märchen auswendig, von meiner Oma vorgelesen. Das hatte zur Folge, dass ich mit drei Jahren lange Kinderreime aufsagen konnte, sehr lange! Und ich konnte lange vor der Einschulung Lesen und Schreiben. Dank Oma, die ja noch in Süterlin schrieb, natürlich auch dieser Schrift mächtig.

Damals starben die alten Leute noch im Haus. Als der Tod von Oma absehbar war, verkroch ich mich im Dachboden. Als mein Vater mich dann holte, wusste ich:

Oma ist tot!

Damals war der Tod auch noch nicht aus dem Leben verbannt, sondern ich durfte Oma ein letztes Mal sehen, sie starb in ihrem Bett, das ich dann fast bis zur Pubertät benutzte. Nur die Rosshaar-Matratzen wurden ausgetauscht.

Fortan hatte ich nun auch jemand auf dem Friedhof, den ich nicht nur kannte, sondern auch liebte und schmerzlich vermisste.

Meine Oma war sehr christlich - allerdings freichristlich. Deshalb bin ich entsprechend aufgewachsen, konnte als Kind die Bibel vorwärst und rückwärts aufsagen. Habe mich immer fürchterlich aufgeregt, dass Jesus für meine Sünden gestorben sein soll, wo ich mir keinerlei Sünden bewusst war - vor der Pubertät sowieso nicht!

Jedenfalls berichtete mir mein Vater später, dass ihm seine Mutter, also meine Oma, nach dem Tod oft erschienen ist. Auch er hing sehr an ihr. Denn er wachte nachts oft schreiend auf, wenn ihm sein Vater "erschien". Das waren früher ganz schön brutale Zeiten. Mein Vater, im ersten Weltkrieg geboren und einen zweiten damals noch vor sich, erzählte mir viel - aber auch viel nicht.

Und jetzt wird es ärgerlich: Denn mit meiner Oma hatte ich das immer und immer wieder besprochen, dass sie alles Mögliche unternehmen wird, um sich bei mir aus dem Jenseits zu melden! Bis heute warte ich darauf!

Da sind aber auch noch andere geliebte Wesen, deren ich am Totensonntag, oft mit Tränen in den Augen gedenke: Sepp, mein erster Dackel, auf dem ich als Kind immer reiten durfte. Also nur ich - andere Kinder durften nicht! Später meine Dackeldame Bummi, die mit 13 an Mamakrebs gestorben ist, die Operation hatte nicht mehr geholfen. Auch mein treuer American Stafford Tequilla, eine Seele von Tier, unvergessen, auch er wurde 15 Jahre alt, wie auch meine russische Schäferhündig Cora, die einen ununterdrückbaren Jagdtrieb hatte, dabei aber lammfromm war. Und natürlich mein Kater Peterle, zwar Freigänger, aber mit teilweise schon menschlichen Zügen.

So werden in der Singelgesellschaft wohl am Totensonntag immer mehr den Haustieren gedenken. Oft kennt ein IBIMS seinen Vater nicht mehr, den Großvater oder die "Omma" überhaupt nicht! Dass das Band zu den Ahnen bei uns so abgeschnitten ist, erklärt wohl vieles in unserer heutigen Gesellschaft, besonders die auffällige Empathielosigkeit. Das ist in anderen Kulturen anders.

Besonders bei den sogenannten elitären Kreisen, ist die Ahnengalerie ein wichtiger Bestandteil, denn man kennt die Grundlage der Erfolge so manchen Familienclans, die über die Generationen Milliardenvermögen angehäuft haben und die Ahnen in Ehren halten - im Gegensatz zu manchem "Kleinen Mann".

1 Kommentar

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Sehr einfühlsam beschrieben, konnte vieles nachvollziehen.
Hatte auch eine Oma, die ich sehr geliebt habe.
Viele Menschen haben schon adventlich geschmückt. Das kommt für mich vor dem Toten- bzw. Ewigkeitssonntag nicht in Frage.
Gehe jetzt auf den Friedhof, um den Eltern einen Blumengruß zu bringen und eine Kerze anzuzünden.
  • 25.11.2017, 16:13 Uhr
  • 1
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