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Die erste Pipeline der Welt

Die erste Pipeline der Welt

Otto Huber
02.04.2012, 11:27 Uhr
Beitrag von Otto Huber

Auf die Frage: wo wurde die erste Pipeline der Welt gebaut, würde wahrscheinlich jeder auf die Ölfelder Nordamerikas tippen. Falsch – die erste Pipeline der Welt entstand in den bayerischen Bergen. Es war ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang, auf das sich der Hofkammerpräsident Oswald Schuß einließ, als er im Jahr 1613 seinem Herzog Maximilian I. empfahl „das siedewürdige Salzwasser der Reichenhaller Quellen“ anderswohin zu verbringen wo es Waldungen genug gäbe. Zugleich versicherte er seinem Herzog, dass sich der Hofbaumeister Reiffenstuel getraue: „das Wasser über das Gebirg zu führen“. Ein mutiger Entschluss, denn für eine pumpengetriebene Druckleitung über Berge und Täler hinweg, gab es weltweit kein Vorbild. Oswald Schuß hatte aber auch gar keine andere Wahl. In Reichenhall, wo seit Jahrhunderten Salz gesotten wurde, gingen die Holzvorräte zu Ende. Dagegen standen weiter westlich, im Chiemgau, noch riesige unberührte Wälder. Am 3. Dezember 1616 erteilte Herzog Maximilian I. den Auftrag und schon im Frühjahr 1617 begannen die Bauarbeiten. 91 506 Gulden und 18 Kreuzer hat die 32,7 Kilometer lange Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein gekostet. Wie viele Zimmerleute, Maurer, Fuhrwerker, Ingenieure und Holzknechte beschäftigt waren ist unbekannt. 8400 Deicheln, das waren 4 Meter lange Rundhölzer, mussten von Hand zu Röhren mit 15 cm Innendurchmesser gebohrt werden. Die Steigleitungen goss man aus Blei, das bei den Fuggerschen Bergwerken in Tirol gekauft wurde. Insgesamt 588 Zentner. 7 Pumpstationen beförderten die Sole über eine Höhe von 265 Meter. Auch nach Fertigstellung der Leitung häuften sich die Probleme. Druckrohre bekamen Risse, die hölzernen Deicheln platzten, Lawinen zerstörten die Leitungswege. Aber nicht nur die Natur setzte der Soleleitung zu. In Inzell bohrten Bauern die Deicheln an und klauten Sole für den Eigenbedarf. An der Hohen Wand bei Mauthäusel rissen Wilderer Bleirohre aus ihrer Verankerung um sich Kugeln für ihre Gewehre zu gießen. Die Herzogliche Hofkammer sah sich veranlasst für derlei Frevel die Todesstrafe anzudrohen. Eine Verurteilung ist nicht überliefert. Wahrscheinlich waren die Wilderer schlau genug sich nicht erwischen zu lassen. 1807 begann Georg Friedrich von Reichenbach mit dem Bau der zweiten bayerischen Soleleitung zur Saline nach Rosenheim. Gleichzeitig ersetzte er die seit 195 Jahren arbeitenden Radpumpen von Simon Reiffenstuel durch die von ihm erfundenen Wassersäulenmaschinen. Sie brachten nicht nur eine Steigerung der Durchflussleistung. Auch die Energiebilanz dieser Reichenbach'schen Maschinen ist beeindruckend: 137 Jahre lang, bis zum Jahr 1958, pumpten sie täglich 280 Kubikmeter Sole, ohne einen Tropfen Dieselöl zu verbrauchen oder auch nur ein Holzscheit oder ein Gramm Steinkohle zu verbrennen. Die Energie lieferte jeweils ein Bergbach, dessen Wasser weder verschmutzt noch verbraucht, sondern als klares Quellwasser wieder zurück in das Bachbett geleitet wurde. Welche Hightech-Maschine des 21. Jahrhunderts kann eine vergleichbare Energiebilanz aufweisen?

83278 Traunstein auf der Karte anzeigen:
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