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Wie tote Seelen unser Leben mit Sinn erfüllen

Wie tote Seelen unser Leben mit Sinn erfüllen

Christine Kammerer
17.11.2013, 16:39 Uhr
Beitrag von Christine Kammerer

Die Blätter fallen und die Tage werden dunkler. Nebel steigt auf und Väterchen Frost hält allmählich Einzug im Land. Der Abschied von den wärmenden Sonnenstrahlen des goldenen Spätherbstes erfüllt uns mit Melancholie. Unwillkürlich denken wir mit dem Lauf der Jahreszeiten oft auch an die Vergänglichkeit des Lebens selbst.

Während wir heute gemütlich in unseren warmen Wohnräumen sitzen und den Winter mit allerlei Zeitvertreib drinnen und draußen ohne Not überbrücken können, war die vierte Jahreszeit für unsere Vorfahren immer wieder eine harte Bewährungsprobe. Sie trafen Vorsorge, horteten Feuerholz und bevorrateten sich mit Lebensmitteln. Und doch konnte es passieren, dass in besonders langen und harten Wintern Holz und Nahrung irgendwann zur Neige gingen.

Bestenfalls die gute Stube war einigermaßen beheizt, die Häuser waren klamm, der eisige Wind zog durch alle Ritzen und besonders Arme und Kranke mussten im Winter nicht selten um ihr Leben bangen. Der Tod war allgegenwärtig und der Geisterglaube sehr lebendig. Abends beim Kerzenschein erzählte man sich finstere Spuk-Geschichten und gab diese so von Generationen zu Generation weiter.

Die armen Seelen im Fegefeuer

Der christliche Glaube an ein Dasein nach dem Tod und an das Fegefeuer schürte so manche Vorstellung, die uns heute abwegig erscheinen mag. Nicht jeder Tote hatten demnach Erlösung und ewige Ruhe gefunden, sondern viele von ihnen trieben noch lange ihr Unwesen auf Erden. Denn vom Mittagsläuten an Allerheiligen bis zum Morgen des Allerseelentages, so glaubte man, konnten die armen Seelen dem Fegefeuer entrinnen und die unruhigen Geister suchten ihre alten Wohnstätten wieder auf, um bei den Anverwandten Trost zu suchen. Die Toten mussten also besänftigt werden, indem man ihre Gräber schmückte und ihnen besondere Ehre und Respekt erwies.

Versöhnung und Loslassen

In den alten Vorstellungen steckt jedoch wie so oft ein tiefer, wahrer Kern. Denn die Begegnung mit den Verstorbenen war – und ist heute noch - immer auch ein Akt der Aussöhnung, des Verzeihens und der Liebe. Denn nach altem Glauben bleiben die Toten ans Diesseits gebunden, so lange die Lebenden mit ihnen hadern oder in ihrer Trauer nicht von ihnen lassen können. Der Besuch der Gräber und das Gedenken dienen also auch der Loslösung und damit der Erlösung der Toten und der Lebenden. Beide können ihren Frieden nur finden, indem sie loslassen und losgelassen werden.

Die Totengedenktage im November

Das Totengedenken beginnt mit Allerheiligen und Allerseelen (1. und 2. November). An beiden Tagen ehren die Katholiken ihre verstorbenen Anverwandten und die Heiligen und Märtyrer. Die evangelische Kirche begeht ihre Gedenkfeier für die Toten am zweiten Novembersonntag, dem Totensonntag, der zugleich bei den Protestanten das Ende des Kirchenjahres einläutet. Und allen gemeinsam ist der Volkstrauertag am zweiten Sonntag vor dem ersten Advent, der an die Kriegstoten und die Opfer der Gewaltherrschaft erinnert und seit 1926 begangen wird.

Allerseelen-Brauchtum

Beim Brauchtum vermischen sich heute noch heidnische und christliche Tradition. Viele Gräber sind mit weißen Blumen geschmückt, denn weiß ist seit jeher die Farbe der Unschuld und Reinheit. Das Grablicht spendet der toten Seele Wärme und seine Flamme setzt eine Grenze zwischen dem Reich der Lebenden und dem der Toten. Es erleuchtet zudem den Weg der Seele zurück in das Jenseits. Deswegen ist es auch üblich, beim Zwiegespräch mit dem Toten in den eigenen vier Wänden eine Kerze zu entzünden. Lärm schreckt die Seelen – man sollte ihn also in der Nacht, in der sie aufsteigen und heimkehren, unterlassen. Manche lassen am Abend einen Rest vom Essen für den Toten auf dem Teller zurück und in vielen Regionen Deutschlands ist es heute noch üblich, spezielles Gebäck für den Gedenktag anzufertigen: die 'Armen Seelen', auch Seelenwecken, -striezel oder –brezen, werden über Nacht für den Toten auf den Esstisch gestellt. Oft wird damit am Allerseelentag ein Patenkind von seinem Paten beschenkt. Bei jedem Bissen, der verspeist wird, so glaubte man früher, würde eine Seele aus dem Fegefeuer befreit.

Totengedenken stiftet Sinn im Leben

Auch wenn bei weitem nicht alle den Glauben an ein Sein nach dem Tode teilen, halten doch viele von uns an diesen Traditionen fest, weil sie die damit verbundenen Rituale als tröstlich und sinnstiftend empfinden. Das gilt natürlich in besonderer Weise für jene, die in diesem Jahr liebe Verwandte oder Freunde verloren haben und noch immer mit der Trauerarbeit beschäftigt sind. Manchmal ist so ein Verlust kaum zu begreifen und nur schwer zu verschmerzen. Wir können ihn nur als Schicksal annehmen lernen und Rituale helfen uns beim Abschied nehmen, bei der Versöhnung und beim Loslassen. Das besondere an den Gedenktagen ist, dass wir dann mit unserer Trauer nicht alleine sind. Wir dürfen uns getröstet und geborgen fühlen in einer Gemeinschaft von Menschen, die mit uns fühlen und tiefsinnigen Gedanken über den Tod und das Leben nachhängen.

Denn im Gedenken an die Toten setzen wir uns auch mit unserer eigenen Vergänglichkeit auseinander. Schon weil uns mit den Jahren mehr und mehr bewusst wird, das auch unsere Zeit begrenzt ist. Wir erfahren immer deutlicher, was es bedeutet, loszulassen. Mit solchen Überlegungen entfernen wir uns von der Oberflächlichkeit und den überflüssigen Dingen des Lebens und gehen in die Tiefe. Wir wissen nicht, wohin dereinst die Reise geht, aber wir sollten auch ohne Angst auf das Jenseits zugehen. Und ängstigen kann der Tod nur den, der sich weigert, ihn als notwendigen und stets gegenwärtigen Teil des Lebens anzunehmen und sich damit zu Zeiten zu befassen.

10 Kommentare

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Sehr gut geschrieben, Christine
  • 24.01.2015, 21:06 Uhr
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Ich habe vor 2 Jahren meinen Mann verloren und konnte mich nicht von ihm verabschieden, also ist auch noch soviel Ungesagtes zwischen uns. Ich könnte gar nicht weiter leben, wenn ich nicht überzeugt wäre, das es ein Leben danach geben wird.
Nur dieser Glaube hat es mir ermöglicht ihn für eine Weile ---loszulassen---wie oben beschrieben. Dabei habe ich keine Vorstellung davon wie dieses Wiedersehen sich abspielen wird. Eine Bekannte hat mal zu mir gesagt, ich soll von meinem Glauben Abschied nehmen, schließlich wäre mein Mann verbrannt worden, aber ich weiß das ich ihn erkennen werde. Und seitdem ist mir auch um meinen eigenen Tod nicht bange. Keine Angst vor dem Tod heißt aber nicht, keine Angst zu haben vor dem Wie.
  • 17.11.2013, 18:14 Uhr
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Danke für deine Worte, Peter. Nein, ich lass mich nicht beeinflussen. ich merke in so vielen Situationen das er noch irgendwie da ist und mir weiter hilft, aber ich kann mit den wenigsten Menschen drüber reden. Und ohne die Gewissheit, das er mir "nur" vorausgegangen ist, wäre ein Leben für mich nicht mehr möglich.
  • 30.01.2014, 17:14 Uhr
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Christine ich danke dir für deinen Beitrag und gebe dir durchaus Recht. Die Toten losslassen und sich versöhnen, nur so kann der Mensch seine innere Ruhe wiederfinden.
  • 02.11.2013, 17:36 Uhr
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Habe den Beitrag heute nochmal gelesen und ein Satz hat mich nachdenklich gemacht-die Toten loslassen und sich damit auch versöhnen, nur so kann man selber den Frieden finden. Das finde ich richtig und gut.
  • 01.11.2013, 11:16 Uhr
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Tot ist und bleibt tot.
  • 01.11.2013, 09:51 Uhr
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Ja, Eva. Die virtuelle Cloud ist greifbarer und realistischer als die Annahme, dass unsere lieben Verstorbenen von dort oben auf uns herabsehen und gar aktiv in unser Geschehen eingreifen. Nein, ich glaube nur an die Existenz einer virtuellen Cloud.
  • 01.11.2013, 11:11 Uhr
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Christine Kammerer
Ich persönlich kann mich da sehr mit dem buddhistischen Ansatz identifizieren, dass die Verstorbenen in gewisser Weise immer da sind, nur eben nicht materiell, als "Geister" und jenseits von "gut" oder "böse" wie das im naiven magischen Denken gerne dargestellt wird...
  • 01.11.2013, 14:15 Uhr
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ein sehr einfühlsamer Bericht über das Leben und dem Tod,
  • 17.10.2013, 13:01 Uhr
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Bei uns gibt es eine Kapelle, die steht etwas außerhalb der Ortschaft und jedes Jahr in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November findet dort um Mitternacht eine "Armen Seelen Messe statt. Das heißt, wenn man um 12 Uhr Nachts zu der Kapelle kommt, sieht man von weiten schon, viele kleine Lichter, und ein seltsamer Strahl, leuchtet aus der Kapelle, man muss weit genug entfernt stehen bleiben, wenn man es beobachten will, kommt man zu nahe ist der ganze Spuk vorbei. Man sagt das die Kapelle für einen Gastwirth gebaut worden ist, der ein großer Geizhals war und nicht genug haben konnte, selbst als er verstorben war, hörte sein Gejammer nicht auf, "es geht immer noch was ab" so rumorte er immer um Mitternacht auf den oberen Boden vom Gasthaus, darauf hat ihm die Wirthin die Kapelle gebaut, nun feiert er immer am 31. Oktober um Mitternacht mit seinen Sinnesgenossen eine Armen Seelen Messe in dieser Kapelle, obs war ist, nix gwis woas ma net.
  • 15.10.2013, 20:48 Uhr
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