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Schrebergarten – von der spießigen Kleingartenkultur zum hippen Großstadtkul ...

Schrebergarten – von der spießigen Kleingartenkultur zum hippen Großstadtkult

Christine Kammerer
04.07.2014, 09:49 Uhr
Beitrag von Christine Kammerer

Neben Schäferhund und Wackeldackel gab es bis vor kurzem nur noch eine Steigerung des deutschen Spießertums: den Schrebergarten. Doch das Image der Laubenkolonien hat sich dramatisch gewandelt – Gärtnern in der Großstadt ist beliebt wie nie.

Einst kauzig und kleinkariert…
Der Kleingärtner galt gemeinhin als ein wenig sonderbar. Man sagte ihm eine merkwürdige Vorliebe für Geschmacksverfehlungen nach und machte sich über seine Liebe zu Gartenzwergen und akkurat gezirkelte Rasenkanten lustig. Der Laubenpieper pflegte nicht nur seine Parzelle mit dem pedantischen Ehrgeiz eines deutschen Beamten, sondern hegte zugleich auch einen beinahe krankhaften Argwohn gegenüber seinen lieben Nachbarn hinter der Buchsbaumhecke.

Spielende Kinder waren ihm von jeher ein Dorn im Auge - eine latente Bedrohung für die kostbaren Edelrosen am schmiedeeisernen Spalier. Seine sorgsam gehüteten Salatköpfe bewachte er Tag und Nacht gewissenhaft - nötigenfalls auch mit dem Schrotgewehr im Anschlag. Und falls sich ein unbedarfter Neuling erdreistete, den Rasenmäher während der Mittagsruhe anzuwerfen, stand sofort ein hurtig alarmierter Vereinsmächtiger parat, um den Übeltäter mit der Trillerpfeife abzumahnen.

…heute kunterbunt und kultig
Doch mit einem Male ist Schrebergärtnern nicht mehr kleinbürgerlich, sondern schön-spießig. Die Lauben werden bunter, ihre Bewohner jünger und viele längst überlebte Vorschriften gehören inzwischen glücklicherweise der Vergangenheit an. Lag das Durchschnittsalter früher noch bei ca. 60 Jahren, sinkt es heute dramatisch: etwa die Hälfte der Gärten geht inzwischen an junge Familien mit kleinen Kindern und die Wartelisten für das kleine Stückchen Grün sind endlos lang.

Der Ehrgeiz der nächsten Generation gilt dem Bio-Anbau und viele Kolonien schreiben sich heute lieber die „naturnahe Bewirtschaftung“ ins Vereinsbuch als die Höhe der Edel-Konifere mit dem Metermaß zu protokollieren.

Von der Renter-Oase zur Öko-Nische
Die neuen Schrebergärtner sind hippe Großstadtbewohner - sie genießen vor allem die Muße in der Hängematte vor der urigen Laube im grünen Vorstadtgürtel. Wenn das in liebevoller Kleinarbeit auf handverlesenem Kompost gezüchtete Gemüse der Schneckenplage zum Opfer fällt, wird eben im Bio-Laden nachgekauft. Unkräuter werden zu wertvollen Heilkräutern deklariert oder wie die Rauke urplötzlich unter neuem Namen als gesundes Gourmetgemüse gepriesen. Denn jeder noch so kleine Garten in der Betonwüste ist heute sowieso ein erster Schritt auf dem Weg in eine bessere Welt.

4 Kommentare

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Meine Eltern hatten 43 Jahre einen Schrebergarten. Er wurde genutzt als Zufluchts- und Erholungsort vom Stressalltag und als Nutzgarten zum Lebensunterhalt. Das heißt wir hatten nicht viel Geld und mußten auch schauen wie wir kostengünstig zu Ost und Gemüse kamen.
Dazu kam, als ich geboren wurde, lebten wir in der Stadtmitte und wir Kinder durften vom Wohnungseigentümer nicht im Hof spielen. So sind meine Eltern in den Gartenverein am Stadtrand eingetreten und haben aus 3 A Gartenfläche einen schönen romantischen Nutz- und Entspannungsort daraus gemacht.
Angelegt war der Garten mit Blumen, Gemüse, Obst und Rasen. Über einen Teil des Rasens hatte mein Vater eine Weinlaube errichtet unter der man auch bei Regen daruntersitzen konnte. Paar Meter weiter eine Art Straßenlaterne für die Abendromatik.
In unserem Gartenverein gab es kein Durchschnittsalter, sondern von 25 Jahren aufwärts jedes Alter.
Heute sieht er aus wie gewollt und nicht gekonnt. Und Erholungs- und Romantikflair sind = 0
  • 29.08.2014, 09:41 Uhr
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Ich denke so ein kleines Gärtchen in der Großstadt kann eine erholsame Sache sein. Man kann nach einem stressigen Arbeitstag etwas seine Seele baumeln lassen. Das muss nichts mit Spießertum zu tun haben. Ein Stückchen Natur tut jedem gut. Ich wohne am Rande der Großstadt, schon eher ländlich. Da gibt es auch einige Schrebergärten. Der Freund meines Sohnes hat da schon manches Grillfest gefeiert. Wäre ich mitten in der Großstadt würde ich ein Stückchen Natur sehr genießen.
  • 18.07.2014, 12:15 Uhr
Christine Kammerer
Sehe ich genauso, bin auch total gerne bei Freunden im Schrebergarten zu Besuch
  • 18.07.2014, 13:07 Uhr
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Während der Bayer durch den Dackel, den er stolz in seinem blau weißem Wappen trägt, ja gar nicht besser repräsentiert werden kann, als eben durch diesen extrem langgezogenen Vierbeiner, der jeden noch so gut konstruierten Dachsbau zu unterwandern und auszuheben imstande ist, verkörpert der Gartenzwerg aufs Perfekteste das deutsch-österreichisch-schwyzerische Deutschtum durch sein feist-alles-und-besser-wisserisches Auftreten einerseits, andererseits als Hüter und Bewahrer althergebrachter Traditionen ohne deren feste Grundstrukturen kein Volk zu existieren imstande ist. Zwischen Flensburg und dem Großglockner ist er sozusagen der Fels in wilder Brandung.
  • 15.07.2014, 14:32 Uhr
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