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Heiligenstadt als Schlüssel zu Heinrich Heine: eine Spurensuche

Heiligenstadt als Schlüssel zu Heinrich Heine: eine Spurensuche

Hans-Herbert Holzamer
13.03.2012, 17:44 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Heinrich Heine, schriftstellernder Spötter und spottender Schriftsteller, hätte seine reine Freude. Im Park des Heilbads Heiligenstadt erinnert eine Büste an ihn. Und wenn man dieses bronzene Meisterwerk von Werner Loewe genau anschaut, dann erkennt man den Schelm im Auge. Dreht man sich um, ahnt man warum und worüber Heine wohl nur zu gerne lästern würde. Da prangt das „Café im Kurpark“, und die Gäste schaufeln sich an kleinen Vierertischen sitzend Kuchen in den Schlund, mit Sahne und Schmand, bis sie schier platzen mögen. Einen Schritt weiter befindet sich die „Fachklinik für Orthopädie und innere Medizin“, wo genau die Krankheiten behandelt werden, deren Entstehen und Fortschritt im Café so prächtig gefördert werden.

Des Pharao fette Kühe

Heine würde vermuten, dass das Café von der Klinik betrieben würde. Er würde die „Abstammung von Pharaos fetten Kühen“ beschreiben. Doch was macht der liebenswerte Lästerer hier in Heiligenstadt? Heinrich Heine studierte seit 1824 in Göttingen Jus, legte dort sein Examen ab. Um seine Chancen auf eine Anstellung als Jurist zu erhöhen, fuhr er im Juni 1825, direkt nach dem bestandenen Examen, mit der Kutsche nach Heiligenstadt, um sich am 28. Juni taufen zu lassen. Allerdings nicht, wie man aufgrund der herrschenden konfessionellen Zugehörigkeit des Eichsfeldes glauben sollte, katholisch, sondern protestantisch.

Offene Fragen zu Heines Taufe

Warum er dies tat und warum er versuchte, es geheim zu halten, sind heute – für viele - noch offene Fragen. Uns jedenfalls gibt ein Blick in das Gesicht der Büste keine Antwort. Aber vielleicht die Direktorin des Museums, Regina Fasold. Das Museum allerdings heißt nach Theodor Storm, wieder eine Überraschung, denn den hätten wir doch in Husum vermutet. Aber Storm war, von den Dänen vertrieben, in preußischen Diensten Richter in Heiligenstadt. Aber das ist eine andere Geschichte. Der Dichter aus Düsseldorf, verfemt unter den Nazis und wegen seiner Taufe auch zu DDR-Zeiten in Heiligenstadt unpopulär hat bei seinem Kollegen Storm ein Zimmer bekommen, gleich im Parterre neben dem Eingang. Dort weist uns Regina Fasold nicht nur auf Heines Bilder und zeitgenössische Dokumente, sondern auch auf eine Schrift von Ferdinand Schlingensiepen hin, in deren Lektüre vertieft wir uns dann zurückziehen. Ferdinand Schlingensiepen ist einer der bedeutendsten Heine-Forscher Deutschlands. „Hier im Eichsfeld“, lesen wir, „war Heine noch ganz unbekannt. Es war jahrhunderteland ein Teil von Kurmainz gewesen, und war darum eine von protestantischen Fürstentümern umgebene Enklave. Dort würde seine Taufe nicht auffallen, scheint Heine gedacht zu haben.“ Aber warum protestantisch?

Ausgangspunkt der Revolution

Schlingensiepen zitiert Heine (1835): „Der Protestantismus war für mich nicht nur eine liberale Religion, sondern auch der Ausgangspunkt der deutschen Revolution.“ Das Schönste, was wir bei Schlingensiepen finden, ist, dass Heine – sein Leben lang – „ein Denkgläubiger“ war, „der Glauben als Triebkraft in einem permanenten Kampf versteht und die europäische Kultur als den Kampfplatz, nicht zuletzt die für das richtige und gleichberechtigte Miteinander von Juden und Christen in einer Welt, die allen gemeinsam gehört.“ Beglückt eilen wir zurück in den Park, zur Büste und ins Café. Wir bestellen uns einen Heiligenstädter Blechkuchen mit Schmand und freuen uns in der Erkenntnis, dass ein lästernder Dichter Heinrich Heine uns gefehlt hätte, ein Jurist mehr in preußischen Diensten dagegen nicht.

37308 Heilbad Heiligenstadt auf der Karte anzeigen:
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