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Maskerade – das Spiel mit anderen Identitäten

Maskerade – das Spiel mit anderen Identitäten

Christine Kammerer
12.02.2013, 21:58 Uhr
Beitrag von Christine Kammerer

Die Flucht in die Anonymität und das Versteckspiel hinter einem Avatar ist nicht etwa eine Erfindung des Internetzeitalters, sondern vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Masken gibt es wohl seit Anbeginn der Kultur, auch wenn wir über deren Verwendung in alten Zeiten oft nur spekulieren können. Sie wurden zur Jagd eingesetzt und bei religiösen Zeremonien, zum Beispiel bei Initiationsritualen, der Verehrung der Ahnen und dem Abschied von den jüngst Verstorbenen wie die Totenmasken. Es mag uns makaber erscheinen, doch wie es scheint erleichterte dieses Ritual unseren Vorfahren im alten Rom den Abschied von bedeutsamen Mitgliedern ihrer engsten Kreise wie zum Beispiel den Lehensherren: Sie fertigten kurz nach dessen Ableben eine Maske seines Gesichts an, staffierten eine lebensgroße Puppe damit aus und setzten diese mit an den Esstisch, so dass ein Stellvertreter des Verschiedenen noch eine Weile unter ihnen weilte.

Die Maske war weitaus mehr als einen Gesichts- oder Körperschmuck - sie war gewissermaßen ein Medium der Kommunikation und ermöglichte es einigen wenigen Auserwählten, mit dem Jenseits in Verbindung zu treten. Darunter zum Beispiel auch Morgain Le Fay, die Schwester des sagenhaften Artus. Als Druidin im Gefolge Merlins soll sie eine Goldmaske getragen haben, was ihren ohnehin furchterregenden Anblick dramatisch übersteigerte.

Der Schutz der Anonymität

Mit der Zeit verloren die Masken ihren bedrohlichen, weil magisch oder sogar göttlich überhöhten Charakter und man näherte sich ihnen ganz pragmatisch an. Zum Beispiel weil man bei Hofe den Drang verspürte, sich gelegentlich ganz anonym zu verlustieren. Infolge dessen kamen besonders in der Zeit des Barock höfische Rollenspiele groß in Mode, bei denen man sein Antlitz zumindest hinter einer koketten Stabmaske verbergen konnte. Sich unter die niederen Stände zu mischen, um sich etwa bei deren Lustbarkeiten wie Volkstheaterstücken zu amüsieren, galt als verpönt und war bestenfalls den Herren vorbehalten. Den Damen von edler Herkunft bot auch hier die Maske Schutz vor neugierigen Blicken und üblen Gerüchten.

Theater wurde bereits in der Frühzeit auf allen Bühnen dieser Welt gespielt, doch auch von diesem Privileg waren Frauen in der Regel ausgeschlossen. Frauenrollen wurden mit Männern besetzt – sie trugen Masken. Die Kunst der Travestie war also spätestens in der Antike geboren und die verschiedenen Rollen und Charaktere – vom Chinesischen No-Theater bis hin zur Commedia dell‘Arte wurden immer filigraner ausgesponnen.

Das Privileg der Freiheit

Masken verwandeln uns in Fremde – die eigene Identität wird verschleiert, wir begeben uns in den Schutz der Anonymität. Und die ermöglicht es uns, Bedürfnisse auszuleben, die wir uns ansonsten nicht erlauben würden oder die schlicht von der Obrigkeit verboten sind. Auch Venedigs Adel entdeckte den Nutzen der Maske und erschuf regelrecht eine Schattenwelt neben dem „wirklichen Leben“. Seniore Maschera (der maskierte Mann) war vor dem Gesetz quasi nicht zurechnungsfähig und daher für sein Tun auch nur bedingt zu belangen. Dem gemeinen Volk war das Privileg des Regelbruchs nur für einen oder wenige Tage vorbehalten – eine kurze Freiheit auf Zeit sozusagen, in der die soziale Hierarchie aufgehoben war.

Verkehrte Welt - Rollenspiele im Karneval

In dieser Zeit war es den unterprivilegierten Schichten gestattet, im Gewand der Macht und des Reichtums durch die Straßen zu flanieren und sich über die Autoritäten lustig zu machen. Die Reichen dagegen durften sich wie Arme verhalten. Oder doch zumindest so, wie sie sich das Leben der Armen vorstellten – alle herrschenden Vorurteile inbegriffen. Das gestrenge Reglement der katholischen Obrigkeit stand dem Treiben höchst misstrauisch gegenüber. Es gelang ihr nicht, dem an diesen Tagen überbordenden Hohn und Spott, der das System lächerlich machte, im Zaum zu halten. Und sie glaubte darin das Zerrbild einer verkehrten, unheilvollen und gottfernen Welt zu erkennen - ein Werk des Teufels. Der inkarnierte sich in Form sehr archetypischer Figuren, die sich in vielen Regionen auffällig ähnlich waren. Aber auch der wilde Mann und das alte Weib oder die Hexe (oft von Männern verkörpert), der tölpelige Bauer oder auch der Narr waren beliebte Kostüme.

Karneval und Theater bereicherten sich dabei gegenseitig und schufen neue Masken, die auf der Bühne ebenso beliebt waren wie auf der Straße. Zum Beispiel die Figuren aus der Commedia dell’Arte: Der Harlekin und die gerissene und schlagfertige Dienstmagd Colombina prägen bis heute den einzigartigen Charakter des venezianischen Karnevals und auch Pantalone, der reiche und mächtige, geizige und brummige Kaufmann ist aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken.

Das Spiel mit der Identität

Karneval ist bis heute eine kollektive Flucht aus dem Alltag geblieben. Im wirklichen Leben verkörpern wir verschiedene Rollen. Wir sind weitgehend darauf festgelegt und können uns selten ganz davon freimachen. Wir sind Ehefrauen und Mütter, zuverlässige Arbeitnehmer, geschätzte Kumpel. Das Ausbrechen aus diesen Rollen ist meist verpönt und wird von unserem Umfeld sanktioniert – außer zur Zeit des Karneval. Der Ausnahmezustand bietet uns die Chance, in andere Identitäten zu schlüpfen und eigene ungelebte Anteile auszuleben oder neue fremde Lebensformen auszuprobieren. Der Manager kann sich für kurze Zeit in einen unkonventionellen Freak verwandeln, die angepasste Supermutti in einen männermordenden Vamp. Ihre Wirkung bezieht die Maske aus genau diesem Spannungsfeld zwischen dem, was sie von uns verbirgt und dem, was sie über uns enthüllt. Die Maske bricht mit dem Alltag und steht doch unmittelbar mit unserer Person in Verbindung. Die Grenzen zwischen Lebenswirklichkeit, Spiel und Theater fließen.

Quellen und interessante Links:

Fastnacht/Karneval im europäischen Vergleich (Hg.: Michael Matheus)

Die Laudatio auf Werner Mezger für sein Buch über die „Schwäbisch-alemannische Fasnet“ mit zahlreichen interessanten Hintergrundinformationen zur Tradition der Fastnacht

Die Maskenseite

Commedia dell’arte

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