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verwundet mein Herz mit eintöniger Mattigkeit

30.09.2016, 09:34 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

… verwundet mein Herz mit eintöniger Mattigkeit …
… blessent mon coeur d‘ une langueure monotone …
So steht es auf dem Plakat zur Ausstellung ‘Die Resistance in der Bretagne‘. Auf dem Campingplatz in Piriac sur Mer habe ich einen Bungalow gemietet mit zwei Zimmern und fünf Betten. Kein Hotelzimmer und kein Privatzimmer fand ich im August und wie es meine Art ist, habe ich auch keine Unterkunft im voraus gebucht. Auf dem Campingplatz und in dem kleinen Ort bin ich der einzige Deutsche. Hier verbringen Franzosen ihren Urlaub. Monsieur Anatol, der Pächter des Campingplatzes, hat mich trotz meines holprigen Französisch aufgenommen. Auch die anderen Gäste freuen sich, wenn ich an ihrem Tisch Platz nehme. Jeden Abend serviert das Bistro ein anderes Gericht: frittierte Krabbenbällchen, gebratene Makrelen oder auch panierte Sardinen und dazu trinken wir den frischen Rosè von der Ile de Beautè. Als Digestiv trinkt mein Nachbar ein milchig-grünes Getränk. Es heißt Perroquet, erklärt mir Adrien: Pastis mit Sirop de Menthe. Und als ich das Wort Perroquet nicht verstehe, erläutert er es auf Englisch. Er unterrichtet in Paris Englisch. So kann ich mich in dieser Sprache mit ihm flüssiger unterhalten bis die anderen Gäste protestieren, sie verstehen nichts mehr und er wird müde zu übersetzen.
Im Gespräch mit Anatol ist er eine Hilfe als ich die Ausstellung über die Resistance anspreche. Die Zeile aus einem Gedicht von Verlaine: … verwundet mein Herz mit eintöniger Mattigkeit… war das Codewort der Alliierten an die Kämpfer der Resistance, dass die Invasion beginnt. In Frankreich heißt es nicht Invasion sondern Liberation – Befreiung – erfahre ich. Der Vater von Anatol war im Widerstand und wurde am 06. Juni 1944 bei der Befreiung von deutschen Soldaten getötet. Anatol schaut mich aufmerksam an und ich sage ihm, dass der Mann meiner Mutter am Atlantikwall in der Nähe von Caen stationiert war. Anatols Vater ging nach dem Funkspruch, der die Befreiung ankündigte, nach Caen um die Nachschubwege der Deutschen zu zerstören. War er Partisan oder Freiheitskämpfer?, meint Anatol zu mir gewandt. Für die Deutschen war er ein Partisan und für die Franzosen ein Freiheitskämpfer, sage ich. Und dein Vater: war er Vaterlandsverteidiger oder Agressor? will Anatol wissen. Die Überfälle auf Polen, Frankreich und Rußland waren eindeutig Angriffskriege auch wenn sie von den Deutschen als Verteidigung (ab 5.45 h wird zurückgeschossen) beim Einfall in Polen oder als Präventivkrieg beim Einmarsch in Rußland dargestellt wurden. Und der Krieg gegen Frankreich war auch ein Angriffskrieg, sage ich ihm. Und Oradour und Babyn Jar?, fragt Anatol. Oradour, wo über 600 Mütter, Kinder und alte Männer als Racheakt ermordet wurden, ist ebenso ein Kriegsverbrechen wie die Ermordung von über 33.000 Juden bei Kiew durch Polizeibataillone und die deutsche Wehrmacht. Bis heute versuchen die Täter durch den sogenannten Befehlsnotstand ihre Schuld zu leugnen. Und die Frauen der Täter, aber auch die Kinder und Enkel der Täter versuchen sich auch aus der Verantwortung zu entziehen, die Wahrheit zu sagen. Bei Feigheit vor dem Feind wurden Soldaten standrechtlich erschossen, aber nicht bei der Weigerung an den Massenmorden an der Zivilbevölkerung teilzunehmen. Das war selbst den fanatischen Nationalsozialisten klar, dass dies Kriegsverbrechen sind. Erzählen die Nachkommen diese Wahrheit, dann wurden sie anfangs als Nestbeschmutzer beschimpft und später als traumatisiert verunglimpft.
So verlief mein Gespräch mit Anatol, dem Sohn eines getöteten Widerstandskämpfers. Die Flasche Rotwein war ausgetrunken und Anatol lud mich für den nächsten Abend ein zu einem Menue mit Austern, Kabeljaufilet auf Seetang und Mousse au Chocolat. Ins Gästebuch schrieb ich ihm:
Merci pour votre hospitalitè.
… blessent mon coeur d‘ und langueure monotone …
C: JS 08/16

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1 Kommentar

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Ein schönes Beispiel, wie Versöhnung - und Freundschaft, gar Verbrüderung - geschehen kann, und wie lange gehegte Vorurteile und Hass beseitigt werden können. Vor 70 Jahren hätte man so etwas noch nicht für möglich gehalten - wegen mangelnder 'Kompatibilität' zwischen Franzosen und Deutschen. Und dennoch wurde es Realität.
Sollte man sich das nicht vor Augen halten mit Blick auf die gegenwärtigen Probleme in der Welt?
  • 30.09.2016, 16:14 Uhr
  • 2
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