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Lila sprach anders

23.02.2017, 10:53 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Lila sprach nicht

Es war nachts – ringsumher keine Stille, sondern das Leben und Weben nächtlicher Gesellen im Urwald, Dazwischen der tosende Wasserfall, der wie eine schwarze Decke herabfiel. Sie kannte das alles, konnte es aber noch nicht einordnen. Sie war Lila, ein kleines Mädchen im Stamme der Ibos, in eine
große Familie hineingeboren, schmal, feingliedrig mit großen Augen und krausem Haar. Lila, die Puppe. Sie war die jüngste in der Familie, man spielte mit ihr, denn sie konnte nicht sprechen. Sie konnte nur hören und sehen und lächeln, mehr nicht. Warum sollte sie sprechen? Sie verstand, was die anderen von ihr wollten, das genügte – vorerst.

Ihre Mutter sagte, sie sei ein weißes Rabenkind, was Lila nicht verstand und nicht verstehen wollte, denn sie war schwarz wie die Nacht in der dunkelsten Stunde des Tages. Und sie liebte es, schwarz zu sein. Man war vor der Sonne geschützt, und außer ein paar Ketten brauchte man gar nichts anzuziehen, obwohl die Mutter ihr immer ein kleines Lätzchen anzog.
Sie lebten in einer großen runden Hütte, die innen verteilte Plätze hatte. Sie schlief immer nachts neben der Mutter auf einem weichen Fell. Nur an wenigen Tagen wurde es durch eine Grasmatte ersetzt, und man sagte, sie solle sich nicht so an ein gutes Leben gewöhnen. Denn das Leben sei auch hart, und es würde jeden dazu erziehen, mit der Mühsal jeglicher Art fertig zu werden. Lila gehorchte. Es fiel ihr nicht schwer, denn sie liebte ihre Mutter über alles, Die kochte ihr immer einen duftenden Körnerbrei, den sie gern aß. Sie wollte so werden wie ihre Mutter, stark, mit einer tiefen wohl tönenden Stimme, und einem breiten Lachen. Oft kamen die Frauen aus den Nachbarhütten zu ihnen , dann saßen sie zusammen und erzählten sich stundenlang, was sie so alles erlebt hatten, kleine und ergreifende Geschichten, in denen es um Männer und Götter und Schmerzen ging. Und Lila hörte zu, sie saß dann auf dem Boden, rieb sich ihr kleines Hinterteil auf, rutschte von der einen zur anderen , lächelte und schwieg. Schwieg beharrlich.
„Was hat sie denn,“ fragte eine der Frauen regelmäßig. „Warum macht sie den Mund nicht auf,“ fragte eine andere, während Lila gähnte und den Mund weit aufriss. Warum sollte sie sprechen? fragte sie sich selber.

Sie war genügsam. Sie verstand, was um sie herum vorging, sie beobachtet scharf, sie befühlte die Erde, die Stoffe, die Menschen, sie roch die seltsamen Gerüche, die von den Menschen und den Dingen ausgingen, die Welt war ein Ereignis, das vielsprachige Eindrücke in ihrer Seele hinterließ.
Ihre Mutter war anders. Ihre Mutter ließ sie gewähren, fragte sie nie etwas, ließ sie wachsen und sah zu, wie sie sich entwickelte. Ohne Sprache.

Als sie älter wurde, wurde sie mit einem Jungen aus der Nachbarschaft verheiratet. Die Ältesten im Dorf hatten diese Situation mit den Eltern abgesprochen. Sie muss etwas für den Clan leisten, sagte der alte weißhaarige Meister, dem sie schon oft vorgestellt worden war. Er hatte den Eltern gesagt, dass sie „auf andere Weise“ sehe und dass das keine Schuld sei, sondern eine Auszeichnung. Niemand hatte das verstanden, sie auch nicht. Sie fühlte sich nicht ausgezeichnet, sie kam mit dem Leben zurecht. Sie hatte viele Freunde unter den Käfern und den Insekten gefunden und die Blumen verrieten ihr viel von ihren Empfindungen. Sie sprach anders mit allem, was ihr begegnete. Sie hörte die Antwort in ihrem Inneren.
Wenn sie einem Menschen auf dem Weg begegnete, spürte sie seine Gedanken, verstand, was er sagte und wusste vorher, wie er auf ihr Schweigen reagieren würde. Sie wusste, obwohl sie nicht sprach.

Man hatte sie mit Ebo zusammengetan, als sie 13 Jahre alt war, es war der jüngste Sohn des mächtigsten Kriegers im Dorfe, der seine Initiation schon hinter sich hatte. Er hatte mit zwei anderen jungen Männern drei Nächte im Wald verbringen müssen, ausgeliefgert an die Schreie, Gerüche, und die Ungeheuer , die in der Nacht ihr Unwesen triehen.
Nur einer kam verletzt zurück. Ebo hatte die Prüfung verstanden, und nun sollte er Lila zu seiner Frau nehmen.

Sie lagen nackt beieinander auf einer großen Grasmatte, und er entdeckte die Hügel auf der Landschaft ihres Körpers. Vorsichtig wie ein Jäger auf der Pirsch tastete er sich voran, sah die goldbraune Färbung ihrer Lippen und wagte die erste Berührung mit einem fremden Wesen. Tief drang er in ihren Mund ein, der doch die Pforte zu den großen Weisheiten des Lebens war. Sie wusste, dass sie danach vielleicht würde sprechen können, denn er war der Sohn des mächtigen Heilers und er hatte die Heilergabe geerbt. Er küsste sie und dann glitt seine Zunge über ihren Körper und suchte den Weg in ihr Inneres, ihr letztes Geheimnis. „Nur einmal werde ich dir weh tun, Lila,“ flüsterte er, und drang in sie ein, um ihr so nahe zu sein wie kein Mensch zuvor. Noch nicht einmal ihre Mutter.
Und sie weinte vor Entzücken, vor Schmerz, vor Hingabe an ein anderes Leben, das dieser junge Mann ihr versprach. Sie würde sprechen und Leben gebären.

Sie waren wie ineinander vertieft, er der Sprechende, der Lachende, der Lächelnde und sie die Zarte, Verwundbare, Schweigende. Und als sie ihr erstes Kind gebar – mit der Hilfe alter Frauen im Dorfe - und sie den ersten Schrei hörte und das kleine Bündel atmend neben ihr lag, wusste sie, dass es sprechen würde, dass es ein kluges Kind sein würde, dass es aber auch von jenen inneren Welten wusste, die die Sprachlosen zu erreichen imstande sind.

Sie nannten das Kind, ein Mädchen, Arama, und sie wurde eine, die Märchen erfand und kleine Geschichten erzählte, die von einer Generation zur anderen weitergegeben wurden, sie hatte so viele Worte in ihrem Kopf, wie sie der Stamm der Ibos noch nie besessen hatte. Sie ging als Erzählerin, als Erfinderin von Worten in die Geschichte des Stammes im Osten Nigerias ein.

© ez+k

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