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The dark side of the »Wende«

The dark side of the »Wende«

03.10.2017, 19:30 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Ich habe ihn ein bisschen zu spät gesehen, das gebe ich zu.
Mittlerweile ist der "Einheitstag" gelaufen, aber es schadet sicher nicht, sich diesen Artikel einmal durchzulesen.
Autor: Matthias Krauß

"Erneut kommt der Jahrestag des Anschlusses heran und erneut ist das Publikum der Wiederholung der Jubelorgie von 1990 ausgesetzt, dem Tanz mit Sekt und Böllern und Deutschlandfahnen.
Übrigens: Nicht einer der an jenem Tage vor 27 Jahren frenetisch feiernden Ostdeutschen hatte auch nur die Spur einer Ahnung davon, was ihn
tatsächlich erwarten würde.
Der Journalismus in Deutschland ist bei dem
Thema auf Erfolgspropaganda fixiert. Was sich seit 1990 jedoch für die Ostdeutschen verschlechtert hat, ist weniger im Fokus.
Die Aufzählung lohnt also.
Übrigens ist die Liste der Verschlechterungen in etwa so lang wie die der Verbesserungen. Denn vielfach ergeben sie sich auseinander.

Der DDR-Bürger lebte in einem Land, das Frieden hielt und dessen Politik Friedenspolitik war. Nun ist er Bürger eines deutschen Staates, der Krieg
führt. Es mag Menschen geben, denen das gleichgültig ist.
Es gibt aber auch Menschen, für die ist das die Frage aller Fragen.

Die DDR hat flächendeckend wirtschaftliche Entwicklung in vormals
vernachlässigte Regionen getragen. In unvorstellbarem Maße hat sich der Fortschritt aus diesen Regionen nach 1990 wieder zurückgezogen.
Ostdeutschland bildet immer mehr das Bild einer Drittwelt-Struktur aus: überbordende Megazentren zwischen riesigen toten Zonen.
Die UNO warnt ausdrücklich vor einer solchen Entwicklung.

Durch die politische Wende verloren rund drei Millionen Menschen ihre
Arbeit, die Sozialstruktur Ostdeutschlands erlitt Schläge, von denen sie sich
bis heute nicht erholt hat.
Auf die Einkehr von Demokratie und Freiheit im bürgerlichen Sinne reagierten die Ostdeutschen mit einem Gebärstreik, für den es in der Geschichte kein Beispiel gibt:

In den zehn Jahren nach 1989 wurden in Ostdeutschland mindestens anderthalb Millionen Kinder weniger geboren als in den zehn Jahren davor.
Hinzu kam, dass Hunderttausende junge Menschen den Osten auf der Suche nach
Arbeit verließen.
Das Resultat war Überalterung, der Osten Deutschlands wurde in die Rolle gezwungen, Reservoir für Arbeitskräfte, ewiges Transfergebiet und Altersheim der Nation zu sein.

In den ländlichen Regionen gab es zu DDR-Zeiten Arbeitsplätze, Bus- und Eisenbahnanschlüsse, Verkaufs- und Poststellen, Dorfkneipen, Gemeindezentren, Bibliotheken, Jugendklubs und Kindergärten – alles Dinge, die es heute großen- oder sogar größtenteils nicht mehr gibt.

Der flächendeckende Schutz durch die Feuerwehr ist nicht mehr gewährleistet, denn es gibt vielerorts schlicht die Wehren nicht mehr.

Im Falle der finanziellen Bedürftigkeit – die es auch in der DDR gab, wenn auch in ungleich geringerem Maße als heute – wurde das Kindergeld erhöht. Heute wird es gestrichen (in Beamtendeutsch heißt das: mit dem Hartz-IV-Satz »verrechnet«.) Dass die Beamten, die hier verrechnen, für ihre Kinder noch Extra-Kindergeld beziehen (Familienzuschlag) rundet das Bild in angenehmer Weise ab.

Zu DDR-Zeiten gingen Frauen mit 60 Jahren in Rente, heute müssen sie arbeiten, bis sie 67 sind. Den 477 DDR-Mark, die ein ostdeutscher Durchschnittsrentner 1988 in der DDR erhielt, stehen 830 Euro gegenüber, die heute in Ostdeutschland als Durchschnittsrente angegeben werden.
Wenn der heutige Rentner Wohnung und Essen bezahlt hat, ist seine Rente praktisch aufgebraucht. Wenn der DDR-Rentner Wohnung und Essen bezahlt hatte, verfügte er noch über die Hälfte bis zwei Drittel seiner Bezüge. Sein finanzieller Spielraum war deutlich größer.

Ab 1981 erhielten in der DDR alle Studierenden ein Stipendium unabhängig vom Einkommen der Eltern, das ihnen die Befriedigung der Grundbedürfnisse gestattete. Kein Bafög kann das ersetzen.
Damals bekamen Schüler der 11. und 12. Klasse monatlich ein Geld vom Staat, das dem Lehrlingsentgelt entsprach. Dies wurde mit Einzug des bundesdeutschen Rechts gestrichen.

Die Zeitung "Die Welt" erkündete zehn Jahre nach der Wende, der durchschnittliche Intelligenzquotient ostdeutscher Kinder sei von 102 (über dem europäischen Durchschnitt) auf 95 (westdeutsches Niveau) abgefallen.
Das war dem Einzug bundesdeutscher Pädagogik geschuldet, wonach in den Kindergärten kein Erziehungsprogramm das Gehirn der Kinder anregte, sondern derzufolge sie in bloßen Aufbewahrungsanstalten einer liebevollen Verblödung ausgesetzt waren.

Pisa-Sieger wie Finnland hatten sich bei ihrem Schulsystem von der in der DDR entwickelten Polytechnischen Oberschule inspirieren lassen – Ostdeutschland bekam nach der »Wende« als Sondergeschenk die westdeutsche Beamtenschule übergeholfen mit all ihren Geschwüren.

Die DDR hatte es jungen Frauen ermöglicht, den Streitkräften beizutreten.
Diese Frauen erhielten 1990 als erste einen Tritt und flogen aus der Armee,
die erst zehn Jahre später Frauen zuließ.

Wehrmachtsdeserteure waren zu DDR-Zeiten rehabilitiert – nach 1990 wurden sie wieder Vorbestrafte.

Die Verfolgung von Homosexuellen auf der Grundlage des Strafrechtsparagraphen
175 erfolgte in der DDR seit 1957 nicht mehr. 1988 wurde dort der Paragraph gestrichen. Die vergrößerte BRD brauchte dafür bis 1994.

In der DDR war das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat durchgesetzt, auch und gerade in der Schule. Hier feierte nach 1990 der Atavismus ebenfalls seine Triumphe.

Ist zu erwarten, dass die deutsche Aufarbeitungsindustrie sich diesen Dingen einmal zuwendet? Man wird die Hoffnung begraben müssen. Denn das
würde ihrem propagandistischen Auftrag zuwiderlaufen."

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59 Kommentare

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"Erneut kommt der Jahrestag des Anschlusses heran..."
Polly, das ist ja ein toller Satz von Dir. Meines Wissens gab es einmal einen "Anschluss von Österreich" während der Nazizeit. Bei der DDR handelte es sich dagegen um einen freiwilligen Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland. Ausgehandelt von einer frei gewählten demokratischen Regierung der DDR.
Diese Regierung hätte ja auch nicht beitreten brauchen, aber der Druck der Bevölkerung war einfach zu groß. Sie wollten alle die DMark!
Sie ahnten natürlich nicht, dass bei einer globalisierten Welt die Idylle der DDR nicht haltbar war. Statt flächendeckender Arbeitsmöglichkeiten in einer maroden Infrastruktur, galten plötzlich die Gesetze des Marktes. Man wohnt dort, wo man Arbeit hat. Das schließt das Ausland mit ein, was auch gut ist.
Finde Dich damit ab, dass die Entwicklung der Welt nur begrenzt planbar ist. Wenn Du das beherzigst, dann bist Du angekommen!
  • 07.10.2017, 09:27 Uhr
  • 0
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Früher war alles besser … sogar im Westen
  • 05.10.2017, 09:32 Uhr
  • 0
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Ganz gelassen kann ich nicht hinnehmen, was du hier aufzählst, das zwar gut, aber nicht finanzierbar ist (war): Die Staatspleite kam nicht von ungefähr.
Vieles ist jedoch das, was einen Sozialstaat auszeichnet, und da bin ich nicht ganz ohne Hoffnung.
  • 05.10.2017, 08:00 Uhr
  • 0
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Ich hätte mich beinahe dazu verstiegen, selber Schuld zu schreiben. Die erste verarsche war der Wahlkampf von Helmut Kohl. Lafontaine hat die Probleme klar angesprochen, aber die Ostwähler haben sich vom CDU Fritzen Kohl blenden lassen.
Und jetzt wundern sich Wessis wie ich einer bin, das die Menschen dort auf die Strasse gehen.
Ich weiß nicht auf welchem Mist der Slogan gewachsen ist, wenn die Einheit nicht kommt, dann kommen wir zu euch, so ähnlich hat es geklungen.
Es wird doch nicht so schwer sein, den Feudalherren die sich bereichert haben, dazu zu bewegen, wenigstens den alten Ex-DDR,lern ein auskömmliches Leben zu ermöglichen.
Was die leeren Gegenden betrifft gab es mal einen guten Ansatz aus früheren Zeiten. Der Russe Peter hat zu seiner Zeit viele fremde Menschen in sein Land geholt.
Fazit: Ich würde den Soli nicht abschaffen, sondern so gestalten das die Feudalherren richtig zur Kasse gebeten werden. Und er muß sich, weil sich auch in Westdeutschland manche Gegenden zurückentwickeln gleichmäßig und durchdacht verteilt werden.
  • 05.10.2017, 06:57 Uhr
  • 0
Der Spruch war : kommt die DM nicht zu mir , gehen wir zu ihr !
Das möchten , obwohl im Bild festgehalten , viele nicht mehr wissen !
  • 05.10.2017, 08:08 Uhr
  • 3
Ja, jetzt erinner ich mich wieder. Die alte DM. Manche wollen sie ja wieder haben. Die die danach am lautesten schreien, werden über Nacht arbeitslos wenn sie wieder da ist
  • 05.10.2017, 08:11 Uhr
  • 1
Grins , meinst die Denke reicht soweit ?
  • 05.10.2017, 08:15 Uhr
  • 0
Ich weiß nicht, was die sich dabei denken. In dem Moment in dem wir den Wechselkurs der neuen DM festlegen, fangen unsere europäischen Schuldner an Euros zu drucken. Zum Schluß haben wir Tonnenweise Buntpapier in den Tresoren.
Alle Deutschen, die gegenüber Ausländern Euro-Gläubiger sind, müssten große Anteile ihrer heutigen Forderungen abschreiben.
Deutsche Produkte, die hier gefertigt werden, werden auf dem Weltmarkt immens teuer, das gefährdet Arbeitsplätze.
Was die Abwicklung einer Währung mit der Wirtschaft anstellt, weiß ein Ossi am besten, er hat es am eigenen Leib erfahren.
  • 05.10.2017, 08:28 Uhr
  • 1
Tja , soweit wird auch nicht gedacht, die " bösen " Wessis mit ihrer Treuhand haben doch alles platt gemacht !
Das die maroden Fabriken mit ihrer Unwirtschaftlichkeit nicht konkurrieren hätten können wird ausgeblendet !
Vorgestern Abend war eine Reportage darüber !
Eine LPG ? die Wurst hergestellt hat , 12000 Angestellte , arbeitet jetzt nach der Modernisierung mit 1500 Mitarbeitern äusserst erfolgreich
Da kamen 4 oder 5 solche Beispiele
  • 05.10.2017, 08:46 Uhr
  • 1
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Teilweise ja ganz interessanter Artikel, aber bereits in der Einleitung eine aus meiner Sicht völlig unangebrachte Entgleisung:
"Übrigens: Nicht einer der an jenem Tage vor 27 Jahren frenetisch feiernden Ostdeutschen hatte auch nur die Spur einer Ahnung davon, was ihn tatsächlich erwarten würde. "
Das stimmt nicht!
  • 04.10.2017, 22:40 Uhr
  • 3
Dann lass uns doch einfach den Satz dahingehend korrigieren:
"Nicht einer der an jenem Tage vor 27 Jahren frenetisch feiernden Ostdeutschen hatte auch nur die Spur einer Ahnung davon, was ihn tatsächlich erwarten würde--außer wize.life-Nutzer, der wusste alles schon vorher, hat's aber erst hinterher gesagt und auch nicht frenetisch mitgejubelt."

Besser so?
Nicht, dass die <völlig unangebrachte Entgleisung> dir noch den Schlaf raubt.
Gute Nacht!
  • 04.10.2017, 23:13 Uhr
  • 6
Es gab und gibt viele, die da mehr Ahnung hatten und bis heute sensibler sind, was die aktuellen Entwicklungen hierzulande bedeuten. Da war und bin ich bei weitem nicht der einzige.
  • 04.10.2017, 23:15 Uhr
  • 3
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Ich sehe dies alles mit Besorgnis und es wäre an der Zeit,
die neuen Bundesländer nicht zu vernachlässigen. Es ist
aber darauf hinzuweisen, dass im sogenannten "Westen" auch
vieles im Argen liegt - besonders in den ländlichen Regionen.
  • 04.10.2017, 10:41 Uhr
  • 1
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Langsam komme ich mir hier vor wie im Freilichtmuseum. Der DDR-Bürger das seltsame Wesen, nur gucken nicht anfassen.
  • 04.10.2017, 07:02 Uhr
  • 2
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Danke für diesen Artikel. Der macht sehr nachdenklich.
  • 03.10.2017, 22:00 Uhr
  • 2
Hier wurde ein Kommentar aufgrund eines Verstoßes gegen die Nutzungsbedingungen gelöscht.
Anmerkung:
Polly ist nicht die Verfasserin des Artikels. Sie hat ihn gefunden und unter Angabe des Autors gepostet.
  • 05.10.2017, 00:01 Uhr
  • 1
...und außerem hat sie noch betont, dass sie einiges von dem Geschriebenen nicht wusste...
  • 05.10.2017, 08:25 Uhr
  • 0
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In vielen Dingen hat er Recht.
Man kann nicht ein Land aushöhlen ,ohne Ersatz zu schaffen.
Es wäre an unseren Fabrikanten und der Regierung gelegen " Anreize "
zu schaffen, das der Aufschwung auch in den 5 Neuen Bundesländer kommt.
Man könnte sie z. B. steuerlich locken, wenn sie dann Steuern wie jeder Andere bezahlen würden.
  • 03.10.2017, 20:45 Uhr
  • 1
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Hmmm , wenn doch alles so dolle war , warum wollten soviele fliehen ?
Natürlich waren zig Arbeitsplätze weg , aber die Maschinen hinkten halt hinterher , da beisst die Maus keinen Faden ab
Das wohnen wurde subventioniert, die Semmeln wurden subventioniert, die Fahrten mit den öffentlichen wurden subventioniert !
Weil also alles so himmlisch war , wollten fast alle in den Westen
Nur wegen der Reisefreiheit ?!
Ich stelle für mich fest , das viele die Annehmlichkeiten des Westen haben wollten , aber nicht bereit sind , die Vergangenheit der Bequemlichkeit abzulegen !
Rosinen picken ist halt nicht und obwohl oder gerade weil soviel Gelder in den Osten fliessen , kommen sie selber nicht in die Pötte !
Nach dieser langen Zeit des sponserns solllte auch der letzte gelernt haben , endlich Eigenverantwortung und Initiative zu ergreifen , anstatt zu jammern und zu warten, das der Staat alles regelt !
Der rote Teppich ist eingerollt !
  • 03.10.2017, 20:13 Uhr
  • 7
wize.life-Nutzer, hierzu hat dir der wize.life-Nutzer schon vor nahezu einem Jahr zwei ausführliche Antworten gegeben:
wize.life/schwarzes-brett/kommentar/5815d4ecd...0642b084298
wize.life/schwarzes-brett/kommentar/5815d4ecd...035c643c59b
Und beide sind nachprüfbar, halten jeder Kritik stand.
Auch deiner! Du vernachlässigst in deiner Wut über die "Ossis" so viele Fakten, dass du kaum mehr klar trennen kannst.
  • 04.10.2017, 16:18 Uhr
  • 3
Meines Wissens ist MF kein Wutbürger. Dazu hat er die Dinge zu sachlich dargestellt.
  • 07.10.2017, 09:33 Uhr
  • 0
@M.F. - Ich habe Dir gerade ein "lesenswert" gegeben!
  • 07.10.2017, 15:04 Uhr
  • 0
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