wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
"Verheizt - vergöttert - verführt" - die deutsche Gebirgstruppe von 1915 bis ...

"Verheizt - vergöttert - verführt" - die deutsche Gebirgstruppe von 1915 bis 1939

07.10.2017, 12:35 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Das Bayerische Armeemuseum in Ingolstadt bietet in seiner Reihe über die deutsche Gebirgstruppe (bisheriger 1. Teil: „Die Alpen im Krieg – Krieg in den Alpen“) derzeit erneut eine Sonderausstellung unter dem Motto „Verheizt – vergöttert – verführt“- die Deutsche Gebirgstruppe 1915 - 1939.

Nach dem Überfall der Italiener über ihren früheren Bündnispartner Österreich-Ungarn im Mai 1915 wurde das deutsche Armeeoberkommando vom österreichischen Armeeoberkommando um Unterstützung bei der Verteidigung der durch den Einsatz seiner Soldaten am Balkan und in Rußland „entblößten“ Südgrenze gebeten. Einheiten der deutschen Armee wurden zum „Deutschen Alpenkorps“ unter dem Kommando von General Konrad Krafft von Dellmensingen zusammengefaßt und zur Unterstützung des Bündnispartners Österreich-Ungarn 1915 an die südtiroler Grenze verlegt. Bis dahin gab es im Deutschen Reich, im Unterschied zu Italien und Frankreich, keine gebirgstauglichen Einheiten. Einen Krieg in dieser schwer zugänglichen und unwirtlichen Berglandschaft, insbesondere im Winter zu führen, war bis dahin nicht vorstellbar. Erst die Kampfhandlungen in den Vogesen im 1. Weltkrieg brachten ein Umdenken. Es war die Geburtsstunde der deutschen Gebgirgstruppe, die als Spezialverband über die Jahre des 1. Weltkrieges, danach trotz Verbotes aufgrund des Versailler Friedenvertrages in der Weimarer Republik, der NS-Zeit und des 2. Weltkrieges einen festen Platz in der deutschen Armee hatte. In der Zeit ihres Einsatzes zur Unterstützung der österreich-ungarischen Kräfte an der Alpenfront erhielten die Soldaten des Deutschen Alpenkorps in Anerkennung ihrer Leistungen vom Bündnispartner Österreich-Ungarn das an Mütze und Rockärmel bis in die heutige Zeit zu tragende „Edelweiß“. Auch an der damals getragenen Schirmmütze kann man in dieser Sonderausstellung das Edelweiß erkennen.

Die Sonderausstellung zeigt sehr informativ und sehr gut strukturiert die Einsätze der deutschen Gebirgsjäger in den Kriegsjahren 1915 - 1918. Als das Deutsche Alpenkorps nicht mehr so dringend an der Dolomitenfront benötigt wurde, wurde es an andere Brennpunkte des Kriegsgeschehens verlegt. Beim Einsatz in Serbien erlitt es außerordentlich hohe Verluste, die nur noch übertroffen wurden durch den Einsatz bei Verdun, wo es im Sinne des Wortes „verheizt“ wurde. Es erlitt dort, eigentlich ausgebildet für den modernen Bewegungskrieg, im sinnlosen Stellungskrieg infolge des Einsatzes modernster Waffen sehr hohe Verluste. Umkämpfte Orte bei Verdun wie Fleury, Thiaumont, Höhe 304, Toter Mann spiegeln die sprichwörtliche „Blütmühle von Verdun“ wider. Von der Westfront abgezogen wurde es danach in Rumänien eingesetzt.

Der nächste Einsatz folgte dann erneut an der österreich-ungarischen Südgrenze in den Julischen Alpen bis hin zum Karst und nach Triest und zwar anläßlich der 12. Isonzo-Schlacht im Oktober 1917, also heute vor 100 Jahren. In der 12. Isonzo-Schlacht hatte das Deutsche Alpenkorps entscheidenden Anteil am Ausgang dieser Schlacht, die als „die Schlacht von Karfreit“ oder das „Wunder von Kobarid“ in die Kriegsgeschichte einging. Kaum hinterfragt wurde dieses "Wunder von Karfreit", dem letzten Sieg der österreich-ungarischen Truppen in diesem Krieg, war es doch nur durch den massiven Gaseinsatz möglich, der den Großteil der dort eingesetzten und in gut ausgebauten Stellungen stationierten italienischen Soldaten vernichtete bzw. kampfunfähig machte und durch den die Reste der italienischen Soldaten ihre Stellungten verließen und nahezu kampflos zurückfluteten.

Nach dem Ende des 1. Weltkrieges bestand das Deutsche Alpenkorps entgegen dem Verbot im Versailler Friedensvertrag insgeheim weiter und wurde mit modernsten Waffen ausgerüstet, bestehende Standorte wurden im besonderen Stil „bajuwarischen“ ausgebaut und neue Standorte geschaffen. Getarnt wurden die Soldaten weiter in der Kriegsführung im schwierigen Gelände, insbesondere in den Bergen ausgebildet und trainiert. Unter dem Mythos „im Felde unbesiegt“ und durch die „Dolchstoßlegende“ der damaligen Generalität fand eine Glorifizierung dieser Truppe und des Militärs statt. Die Reichswehr pflegte bewußt die Tradition. In der aktuellen Sonderausstellung „Verheizt - vergöttert – verführt“ sind militärische Publikationen zu sehen, deren Autoren in besonderer Weise diesen Mythos förderten und pflegten. Zu diesen Autoren gehört auch Erwin Rommel, der als Oberleutnant 1917 in der 12. Isonzoschlacht erfolgreich eine Abteilung im Rahmen des Deutschen Alpenkorps führte und u.a. zum "Helden bei der Erstürmung des Mt. Matajur" wurde. Er hat seine Erfahrungen in seinem Buch "Infanterie greift an" niedergeschrieben, das auch heute noch bei der Ausbildung von Gebirgsjägern gelesen wird.

Nach der Machtübernahme durch Hitler wurde die deutsche Gebirgstruppe „enttarnt“ und letztlich in die deutsche Wehrmacht integriert. Diese Integration und die dann sehr starke Wiederaufrüstung mit Menschen und Material, einhergehend mit der Imagepflege der Soldaten, denen sich rasante Aufstiegs- und Karrierechancen eröffneten, wurde von den Nationalsozialisten so geschickt vollzogen, dass sich viele ehemalige und aktive Soldaten davon verführen ließen. Die Nationalsozialisten waren bestrebt, Deutschland wieder groß und bedeutend zu machen und dazu gehörte auch ein großes, modernes und schlagkräftiges Militär. Im Rahmen der NS-Propaganda wird auch die Rolle der Gebirgstruppe bei der Vorbereitung und Durchführung der Olympischen Winterspiele in Garmisch Partenkirchen geschildert. Für diesen vielfältigen Einsatz seiner Soldaten erhielt der damalige General der Gebirgstruppe Eduard Dietl einen speziellen am Hals zu tragenden Orden (Olympische Spiele 1. Kategorie). Auch die Geschichte der heute verbotenen „Reichkriegsflagge“ innerhalb der Gebirgstruppe wird verständlich dargestellt.

In dieser Sonderausstellungt werden diese Phasen in der Kaiserzeit (1. Weltkrieg), der Weimarer Republik und der NS-Zeit dargestellt. So wird nicht nur auf die verschiedenen Kriegssschauplätze des 1. Weltkrieges wie die Hochvogesen, Dolomitenfront, Verdun, Rumänien sowie Slowenien eingegangen, auch die Rolle der deutschen Gebirgstruppe beim Einmarsch in die Tschechoslowakei nach der Eingliederung des Sudetenlandes auf Grund des Münchner Abkommens von 1938 sowie ihr Einmarsch in Österreich nach dem „Anschluß“ an das Deutsche Reich mit der späteren Integration österreichischener Gebirgsjägereinheiten in die Deutsche Wehrmacht wird in interessanter Weise dargestellt.

In dieser Austellung wird auch auf die Militärs eingegangen, die über diese Epochen steile Karrieren durchlaufen haben wie beispielsweise die Generäle der Gebirgstruppe Ferdinand Schörner, Eduard Dietl, Ludwig Kübler, Rudolf Konrad sowie Hubert Lanz. Diese Generäle wurden nach Gründung der Bundeswehr in ihrem früheren Traditionsverständnis in besonderer Weise geehrt, ohne dass man sich über ihr soldatisches Führungsverhalten während des 2. Weltkrieges und insbesondere über ihre Nähe zu Adolf Hitler bzw. zur NS-Führung des Deutschen Reiches besondere Gedanken machte. So wurden nicht nur Straßen nach ihnen benannt, sondern auch Kasernen in Bad Reichenhall, Mittenwald und Füssen. Diese Phase der besonderen Verehrung dieser früheren Generäle der Gebirgstruppe ist wohl inzwischen abgeschlossen.

Gerade in unserer heutigen Zeit, in der die Bundeswehr im Focus des öffentlichen Interesses mit ihrer Traditionspflege steht, trägt diese Sonderausstellung mit dem militärischen Lebenslauf der Generäle der Gebirgstruppe und ihrer Leistungen an den Kriegsschauplätzen des 2. Weltkrieges besonders dazu bei, ihren Ruf und Mythos in ein besonderes Licht zu stellen und sie damit für die Traditionspflege der Bundeswehr ungeeignet zu machen.

Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.