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Der "Schwarze Freitag": Vom Börsenkrach zur Weltwirtschaftskrise

Der "Schwarze Freitag": Vom Börsenkrach zur Weltwirtschaftskrise

Agentur für Bildbiographien Susanne Gebert
26.10.2017, 16:35 Uhr

Tatsächlich ist der „Schwarze Freitag“ ein Donnerstag. Am 24. Oktober 1929 beginnen an der New Yorker Wall Street die Aktienkurse zu rutschen. Gegen Mittag wird aus Nervosität Panik, der Dow Jones sackt ab, der Handel bricht mehrmals zusammen. Der Crash wird schließlich zur Wirtschaftskrise, als jeder versucht zu retten, was noch zu retten ist – egal, zu welchem Preis. Der Börsenkrach an der Wall Street, der zunächst von vielen als Korrektur überhitzter Märkte gedeutet wurde, stürzte die Welt in eine der schlimmsten und folgenschwersten Krisen ihrer Geschichte.

Nach den ersten fürchterlich chaotischen Jahren der Weimarer Republik, nach Ruhrkampf und Hyperinflation 1923, ist auch Deutschland endlich in den „Goldenen Zwanziger Jahren“ angekommen.

Es sind Boomjahre, in denen Autos, Radios, Kühlschränke und Staubsauger die Welt erobern und zu den Stars eines langanhaltenden Aufschwungs werden. Wirtschaftlich geht es in der Weimarer Republik das erste Mal seit 1918 wieder aufwärts.

Konzerne wie IG Farben, Siemens und AEG erobern den Weltmarkt und ab August 1924 regelt der sogenannte Dawes-Plan (benannt nach dem US-Vize Charles G. Dawes) den Dauerbrenner Reparationszahlungen neu und – wie es scheint – wenigstens einigermaßen zur Zufriedenheit aller Beteiligten

Umsatz und Gewinn der damaligen High-Tech-Unternehmen wachsen in den Himmel, Jahr für Jahr gibt es für die Aktienkurse an den Börsen nur eine Richtung: aufwärts.

Es ist die beschwingte Atempause zwischen zwei Katastrophen.
Je länger der Boom anhält, desto weniger kann man sich vorstellen, dass diese schöne neue Zeit jemals enden könnte.
Aber es gibt eine tickende Zeitbombe, von der kaum jemand etwas ahnt: Gold.

Everybody ought to be rich: Jetzt kaufen, später zahlen

Jeder soll reich sein, ist das Lebensgefühl der Goldenen Zwanziger Jahre. Aber die USA, die eigentlichen Gewinner des 1. Weltkrieges, haben ein Problem: Den Amerikanern geht es zu gut. Zu gut im Vergleich zu den Europäern, die sich immer noch nicht ganz von den Folgen des Ersten Weltkrieges erholt haben.

Das Wirtschaftswachstum beträgt durchschnittlich 3,3 Prozent, seit Jahren gibt es keine Inflation mehr, der Staatshaushalt jagt von einem Rekordüberschuss zum nächsten.
Auch der Aktienmarkt boomt und viele Amerikaner entdecken das Spekulieren mit Aktien als neuen Zeitvertreib - und als lukrativen Nebenerwerb.

Mit dem Optimismus wächst die Risikobereitschaft.
Aktien der prosperierenden Unternehmen werden „auf Pump“ gekauft: Schon für eine Anzahlung von 10 Dollar kann man bei Brokern Aktien im Wert von 100 Dollar erwerben, den restlichen Kaufbetrag kann man später bequem mit den Gewinnen der Aktien bezahlen, die sich erfreulicherweise schnell und zuverlässig einstellen.
Jeder, der da nicht mitmacht, ist eigentlich ein Idiot.

Jetzt kaufen, später zahlen, kommt aber nicht nur für Aktien in Mode, sondern setzt sich auch als Konzept für den Hausgebrauch durch: Man spart nicht mehr auf's neue Radio, Auto oder eines der vielen neuen und modernen Haushaltsgeräte, sondern konsumiert auf Kredit. Warum warten, wenn man's gleich haben kann?

Das funktioniert gut, solange man seinen Job behält und es wirtschaftlich aufwärts geht.
Es funktioniert nicht, wenn weder das eine noch das andere zutrifft.

Die Goldfalle

Im Sommer 1927 treffen sich Benjamin Strong, Gouverneur der Federal Reserve Bank of New York; Sir Montagu Norman, Gouverneur der Bank of England; Hjalmar Schacht, Präsident der deutschen Reichsbank, und Charles Rist, stellvertretender Gouverneur der Banque de France zu gemeinsamen Beratungen, um das Problem "den Amerikanern geht es zu gut" zu beheben und die Weltwirtschaft anzukurbeln
Versehentlich legt das illustre Bankiersquartett dabei den Grundstein für den atemberaubenden Absturz der Weltwirtschaft zwei Jahre später.

Das Kernproblem ist das ungebremste Wirtschaftswachstum der USA. Es sorgt für einen einseitigen Goldfluss von Europa nach Amerika und bringt auf Dauer den international gültigen Goldstandard durcheinander. Denn das Gold fließt dank hoher Einkünfte immer in Richtung der stärksten Wirtschaft, das heißt: zur stärksten Wirtschaftsmacht der Welt, in die USA.
Dort häuft es sich an, in anderen Ländern fehlt es.

Der Goldstandard legte fest, dass jeder Staat den Gegenwert der sich im Umlauf befindliche Geldmenge in Form von Gold in den Tresoren ihrer Zentralbanken vorrätig haben musste; zehn Goldmark müssen - zumindest theoretisch - gegen Gold im Wert von zehn Mark umtauschbar sein; zehn Dollar gegen Gold im Wert von zehn Dollar.

Die Idee dahinter hatte durchaus ihre Berechtigung: Der Goldstandard machte eine Inflation nahezu unmöglich, da Staaten nicht einfach nach Belieben Geld drucken konnten (der Auslöser der Hyperinflation 1923 in Deutschland). Er sorgte für Stabilität bei Preisen und Wechselkursen und war psychologisch als "harte Währung" ein Garant für eine funktionierenden Wirtschaft.

Aber er passt nicht mehr in die neue Zeit.

Niedrige Zinssätze mit explosiver Wirkung

Die vier Bankiers, die sich getroffen haben, um Amerikas Gold-Problem zu lösen, trennen sich am 7. Juli 1927 im guten Glauben, alles richtig gemacht zu haben.
Es wurde beschlossen, den Diskontsatzes der amerikanischen Federal Reserve Bank von vier auf dreieinhalb Prozent zu senken und man hofft, dadurch mehr vermögende Amerikaner dazu zu bewegen, ihr Kapital in Europa zu investieren.

Man glaubt, die amerikanische Wirtschaft könne eine kleine Zinssenkung gut verkraften und mehr amerikanische Investoren würden in Europa investieren, da dort jetzt höhere Zinsen locken. Dadurch, so die Erwartung, fließt mehr Gold in Richtung Europa, der Welthandel würde angekurbelt werden und am Ende können alle profitieren und miteinander noch wohlhabender werden.

Eine kapitale Fehleinschätzung.
Statt die europäischen Währungen zu stabilisieren, kurbelt der noch günstigere Zinssatz für Kredite in den USA eine riesige Spekulationsblase an - kaufen auf Pump ist ja gerade en vogue.

Die Senkung der Zinssätze ist der Funke, der das wacklige Banken- und Wirtschaftssystem der 1920er Jahre zur Implosion bringt.

Günstigere Kredite bedeuten, dass man mit geliehenem Geld noch mehr und günstiger kaufen kann; und genau das tun viele amerikanischen Anleger, die bereits absurd hohen Aktienkurse schnellen nach der Senkung des Diskontsatzes weiter in die Höhe. Und da alle auf Pump kaufen, stehen allein in den USA Investoren bei ihren Brokern kurze Zeit später mit schwindelerregenden viereinhalb Milliarden Dollar statt mit einer Milliarde in der Kreide.
Jeder kann reich werden, scheint für viele in greifbarer Nähe gerückt zu sein.

Vom Börsenkrach zur Weltwirtschaftskrise

Die Wirtschaft kann einfach nicht mithalten.
Bereits 1928 gibt es erste Bremsspuren, Firmenkonkurse häufen sich, weil Märkte gesättigt und Preise durch gewaltige Überproduktionen in den Keller gedrückt werden. Die Börsen stört das zunächst nicht, aber der weltweite Aufwärtstrend an den Aktienmärkten hat nichts mehr mit Produktivität oder Profiten zu tun, sondern nur mit der Bereitschaft der Anleger, immer mehr Geld zu investieren - auf Pump.

Ein Milliardenvermögen steckt in faulen Krediten.
An jenem schwarzen Donnerstag platzt die gigantische Spekulationsblase und die Aktienkurse an der Wall Street stürzen ins Bodenlose.

Als die Nachricht vom Börsenkrach in den USA am Freitag, dem 25. Oktober, die europäischen Börsen erreicht, glauben viele zunächst an eine Korrekturphase des amerikanischen Marktes.
Die Kurse in Europa steigen sogar leicht an, da man erwartet, dass Investoren sich jetzt stärker auf europäische Aktien konzentrieren würden.

Doch die Talfahrt in den USA hält an, und am Dienstag der darauffolgenden Woche bricht auch der europäische Markt endgültig zusammen.
Aktien werden zu Schleuderpreisen verkauft, Banken reagieren in Panik und fordern Kredite unverzüglich zurück, eine Maßnahme, die auch eigentlich gesunde Unternehmen über Nacht in den Bankrott treiben.

Anleger, die Aktien im Vertrauen auf einen ewig anhaltenden Boom kreditfinanziert gekauft hatten, sind plötzlich hoch verschuldet.
Doch allein durch die Kursstürze hätte aus dem Börsencrash nicht die nachfolgende weltweite Wirtschaftskrise werden müssen. Es ist wieder der„Goldstandard“, der die schlingernden Volkswirtschaften ins Elend reißt.

Vom Ansturm der Sparer in den Abgrund

Oft reichte das Gerücht, eine Bank sei durch Aktienverluste und insolvente Schuldner in eine Schieflage geraten, um einen Massenansturm besorgter Sparer zu provozieren.
Menschen stehen Schlange und drängen an die Schalter, um ihre Einlagen zurückfordern. Viele kleinere, aber auch größere Banken überleben einen solchen Ansturm nicht und machen Konkurs, viele Kleinsparer verlieren ihr sicher geglaubtes Guthaben, das sie bei der Bank ihres Vertrauen für schlechte Zeiten oder teure Anschaffungen gespart hatten.

Sogenannte „Bankfeiertage“ werden eingeführt, um den Ansturm der Massen wenigstens etwas zu regulieren.
Die Banken versuchen in ihrer Not, möglichst liquide zu bleiben: Nach und nach geben Bankinstitute eine ihrer Kernaufgaben – die Kreditvergabe – auf und horten Geld nur noch.
Doch ohne Kredite können Unternehmen nicht investieren und Kunden nicht kaufen. Durch das Geldhorten wird eine fatale Abwärtsspirale in Gang gesetzt, denn wenn Geld aus dem Verkehr gezogen und knapp wird, sinken die Preise, weil Käufer weniger Mittel zur Verfügung haben.

Deflation – Waren und Dienstleistungen müssen immer billiger werden, damit sie überhaupt Käufer finden – würgt die Wirtschaft ab, treibt immer mehr Unternehmen in den Ruin und gibt der Weltwirtschaft den Rest.

Nach dem Crash folgt die Krise.
Hunderttausende – teilweise auch wirtschaftlich gesunde – Unternehmen kollabieren, Millionen Menschen verlieren ihre Arbeit: in Deutschland steigt die Zahl der Arbeitslosen von 1,4 Millionen ( Ende September 1929) auf 5 Millionen (Ende 1930). Im Februar 1932 sind in Deutschland 6 Millionen Menschen arbeitslos, 12 Millionen haben noch eine Beschäftigung.
Zur wirtschaftlichen Depression kommt die Hoffnungslosigkeit der Menschen.
Das Schlimmste ist: Ein Ende ist nicht in Sicht. Weltweit.

Die Folgen der Krise

Vielleicht hätte die große Krise verhindert werden können.
Mit weniger Dogma und „frischem Geld“ hätte die weltweite Kreditklemme durchbrochen werden können, doch der damals maßgebliche „Goldstandard“ stellt für "frisches Geld" eine unüberwindliche Hürde dar - Gelddrucken verboten.

Schlimmeres wäre möglicherweise verhindert worden, hätte man angesichts sinkender Preise die Geldmenge im Umlauf wieder erhöht.
Doch einfach die Notenpresse anzuwerfen und frisches Papiergeld zu drucken, geht nicht; die Notenbanken sind verpflichtet, jede gedruckte Banknote mit Goldreserven in den Tresoren decken zu können, das ist eine der Lehren, die man aus der Kriegsfinanzierung und der deutschen Hyperinflation 1923 gelernt hat.

Die Politik tut ein Übriges, um die Krise weiter zu verschärfen.
Im hochverschuldeten Deutschland setzt die Regierung unter dem „Hungerkanzler“ Heinrich Brüning auf einen rigiden Sparkurs, um sinkende Steuereinnahmen und steigende Ausgaben für Sozialleistungen finanzieren zu können.
Das Arbeitslosengeld wird rigoros gekürzt, staatliche Investitionen eingestellt, Ausgaben für Bildung und Wissenschaft auf ein Minimum reduziert.

Verzweifelte und hungernde Menschen schließen sich in ihrer Not radikalen Parteien an, weil sie die etablierten für ihr Elend verantwortlich machen.
Viele der jungen Demokratien Europas werden ausgehöhlt oder schaffen sich angesichts der bedrohlichen ökonomischen Lage gleich selbst ab.

Der „Schwarze Freitag“ steht in Deutschland (und in vielen anderen Staaten) für das Erstarken der Nationalsozialisten und der Kommunisten, für Straßenschlachten und das Ende der Demokratie.

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Den vollständigen Artikel mit allen Darstellungen und weiterführenden Leseempfehlungen ist in meinem Blog Generationengespräch zum Nachlesen: Der Schwarze Freitag: Vom Börsenkrach zur Weltwirtschaftskrise

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de 2013 (Überarbeitet 2017)

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3 Kommentare

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Mr. Dax spricht heute schon wieder davon.
Auch Prof. Boker sagt das es 3 Möglichkeiten gibt
1. Inflation
2.Sofortiger Staatsbankrott, oder
3. Krieg
In Anbetracht der Aktivitäten der Nato in Richtung Osten sehe ich den 3. Punkt als naheliegend, oder?
  • 27.10.2017, 20:14 Uhr
  • 1
Agentur für Bildbiographien Susanne Gebert
Das hört sich sehr beunruhigend an, aber ich fürchte, da ist was dran.
Was mir bei dieser Story wichtig war, ist die Geschichte hinter der Geschichte - das, was hinter den Kulissen passiert, ohne dass es irgendjemand mitbekommen hat.
Und ich frage mich oft, was zur Zeit hinter den Kulissen "gedreht" wird. Bin kein leidenschaftlicher Verschwörungsmensch, aber über dieses weichenstellende Treffen des illustren Bankier-Quartetts (mit Hjalmar Schacht!) im Sommer 1927 wusste ich lange Zeit nichts und man findet auch heute nicht viel darüber, obwohl es wohl so tatsächlich stattgefunden hat.
  • 28.10.2017, 08:53 Uhr
  • 1
Die Politische Lage beschreiben auch George-, Harvey-, und Benjamin Friedman ausgiebig.
Benjamin ist sogar zum Christentum konvertiert.
MfG
  • 28.10.2017, 18:58 Uhr
  • 0
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