wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
NS-Erziehung: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind

NS-Erziehung: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind

Agentur für Bildbiographien Susanne Gebert
02.03.2018, 17:53 Uhr

Es ist noch nicht so lange her, da wurde in vielen Familien mit "harter Hand" erzogen.
Kinder sollten nicht "verweichlicht" und "verzärtelt" werden, man hatte Sorge, sie durch zu viel Liebe nicht gut genug auf ein "hartes" Leben vorzubereiten.
Während der Zeit des Nationalsozialismus war Johanna Haarers Buch "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" ein Bestseller. Neu erfunden hat sie Erziehung als Kinderdrill nicht, aber wegen seiner Popularität halten viele Experten dieses Buch als eine der folgenschwersten Veröffentlichungen in der Zeit des Dritten Reiches.

"Die „Bibel“ jeder jungen Mutter der damaligen Zeit war das Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Dr. Johanna Haarer. Diese Frau scheint mir eine rechte Preußin gewesen zu sein, denn ihr Haupt-anliegen waren Sauberkeit, Pünktlichkeit, Genauigkeit im Messen und Wiegen, kurz ein sehr strenges Reglement."

Das kleine Mädchen, Jahrgang 1937, das laut der Tagebuchaufzeichnungen seiner Mutter nach dem „preußischen“ Reglement der deutsch-österreichischen Lungenfachärztin Dr. Johanna Haarer großgezogen werden sollte, hatte Glück im Unglück: Der Kinderarzt griff ein.

Die lieblose Aufzucht ihrer kleinen Tochter nur unter den Aspekten „Sauberkeit, Pünktlichkeit und Genauigkeit“ bekam der jungen Mutter nicht gut.
Der Kinderarzt diagnostizierte wenige Wochen nach der Geburt eine Unterernährung des Säuglings durch zu geringen Milchfluss. Daraufhin wurde Johanna Haarers Kinderdrill-Bibel kurzerhand verbannt und das Baby durfte, wie später auch seine drei jüngeren Geschwister, ohne Ratgeber, dafür aber mit „Liebe und Kamillentee“ aufwachsen.

Wehret den Anfängen!


„Wehret den Anfängen“ ist eine oft wiederholte Warnung Haarers, die dem Zeitgeist entsprachen. Im Wesentlich wiederholte ihr Buch nur das, was über Jahrhunderte in vielen Elternhäusern und Schulen praktiziert — und weitergegeben — worden ist.
Von einer liebevollen Mutter-Kind-Beziehung hielt man viele Jahrhunderte lang nichts — auch nicht im vom NS-Regime propagierte Mütterkult.

Man hatte Sorge, den Nachwuchs durch zu viel Mutterliebe zu „verweichlichen“ und zu „verzärteln“ und die Kinder nicht adäquat auf ein hartes Leben vorzubereiten. Außerdem stand für viele fest, dass man durch „Affenliebe“ verzöge und man dadurch unweigerlich “kleine Haustyrannen” großziehen würde — der Super-GAU jeder Erziehung.

**************************
„Vor allem mache sich die ganze Familie zum Grundsatz, sich nie ohne Anlaß mit dem Kinde abzugeben. Das tägliche Bad, das regelmäßige Wickeln des Kindes und Stillen bieten Gelegenheit genug, sich mit ihm zu befassen, ihm Zärtlichkeit und Liebe zu erweisen und mit ihm zu reden. Die junge Mutter hat dazu natürlich keine Anleitung nötig. Doch hüte sie sich vor allzu lauter Bekundung mütterlicher Gefühle.“
Johanna Haarer, Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind

**************************

Ein gepflegtes Kind riecht nicht!


In Haarers Anleitung zu frühkindlicher Dressur dreht sich viel um Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit.

Förderung der körperlichen und geistigen Entwicklung von Babys? Dazu gibt es keine Auskunft, obwohl es bereits seit den 1920er Jahren wichtige wissenschaftlichen Erkenntnisse von Entwicklungspsychologen und Pädagogen gab.

Haarers Konzept beruht auf ihren eigenen Erfahrungen und Vorstellungen als Mutter.
Eine pädiatrische Ausbildung hatte die Ärztin für Lungenkrankheiten nicht, dennoch galt sie auch lange nach der Nazizeit als Kapazität auf dem Gebiet frühkindlicher Pädagogik.

Es war ein steter Kampf, den die deutsche Mutter mit ihrem ersten Kind zu führen hatte.
Von „förmlichen Kraftproben zwischen Mutter und Kind“ ist die Rede, und selbst das Füttern wird zur Schlacht, bei der nur eine gewinnen darf. Die Mutter:

**************************
„Das Baby soll mit festem Griff bewegungslos gehalten werden, so daß es nur noch den Mund öffnen und schließen kann und schlucken muß, was der Erwachsene ihm zuteilt, und zu einem Zeitpunkt, den dieser bestimmt.“
Johanna Haarer, Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind
**************************
Disziplin, Gehorsam und Fügsamkeit als erste Kinderpflicht: Kinder sollten so früh wie möglich lernen, sich passiv den Wünschen anderer zu unterwerfen und das zu schlucken, was man ihnen zuteilt; nichts anderes lehrt Haarers schwarze Pädagogik.

Ihr wichtigster Kampf galt allerdings dem „berüchtigten Kleinkindergeruch“, den sie in ihrem Ratgeber ausführlich beschreibt:

**************************
„Stellen wir ihnen die Durchnässung mit Harn, die Beschmutzung mit Stuhl und schlechten Gerüchen als etwas Abscheuliches hin, und zeigen wir ihnen, daß derartiges immer sofort entfernt, beschmutzte Kleidung gewechselt werden muß. Wenn wir dies unermüdlich tun, bekehren wir das Kind bald zu unserem Standpunkt. Es wird zunehmend unglücklich und unbehaglich, wenn es naß und schmutzig ist. Es verlangt nach Sauberkeit. Haben wir es soweit, dann ist der Kampf schon bald gewonnen.“
Johanna Haarer, Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind
**************************

Der kleine Haustyrann


Der Kampf gegen den Kleinkindergeruch war für Haarer außerordentlich wichtig und erst dann erfolgreich beendet, wenn Kinder „trocken“ waren und ihr Geschäft möglichst noch vor dem ersten Geburtstag auf dem Töpfchen erledigen konnten.

Das war in einer Zeit mit Stoffwindeln und ohne Waschmaschine sicherlich auch aus praktischen Gründen erstrebenswert. Aber: die Mär, ein Kind müsse so früh wie möglich ohne Windeln auskommen, hielt sich, obwohl es mit dem Einzug von Wegwerfwindeln und Waschmaschinen in deutsche Haushalten keine praktischen Notwendigkeit mehr für die Eile gab.

Körperlich entwickeln Kinder übrigens frühestens im zweiten Lebensjahr ein Gefühl für ihre Blasenfüllung.

Auch andere Thesen aus „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ hielten sich hartnäckig über viele Jahre: So sei es beispielsweise notwendig, dass Mutter und Kind nach der Geburt in getrennten Zimmern untergebracht werden.

Die frühe Trennung von Mutter und Kind gleich nach der Geburt wurde noch bis weit in die 1970er Jahre praktiziert, obwohl sehr viele wissenschaftliche Untersuchungen eindeutig dagegen sprachen.

Stillen gleich nach der Geburt? Für Haarer schon wieder „Affenliebe“; Mutter und Kind hatten 24 Stunden lang zu warten, bevor der Säugling das erste Mal angelegt werden durfte. Entwicklungspsychologisch eine Katastrophe, ist doch das erste Anlegen des Babys nach seiner Geburt ein weiterer wichtiger Schritt auf den Weg zu einer glücklichen Mutter-Kind-Beziehung.

Reichsmütterschulung und BDM-Säuglingspflege


Johanna Haarers Ratgeber wurde schon kurz nach seinem Erscheinen zum Standardwerk. Die Erkenntnisse aus Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind dienten als Grundlage für die „Reichsmütterschulung“ der NS-Frauenschaft ebenso wie für das Fach „Säuglingspflege“ des BDM.

Millionen junger Mädchen und Frauen lernten, dass Sauberkeit, Pünktlichkeit und Genauigkeit das „A und O“ im Umgang mit ihrem Baby sein sollten, allzu große Nähe und „Affenliebe“ hingegen zu vermeiden wären.
Babys und Kleinkinder hatten „Ruhe“ zu halten, das heißt, sie sollten vor allem sich selbst überlassen bleiben.

Freude, Zuneigung oder gar Trösten waren in dieser unheilen Kinderwelt verpönt.

An der Grenze zur psychischen Misshandlung bewegte sich Haarer mit ihren Empfehlungen zum Umgang mit kindlichen Gefühlsäußerungen.
War ein Baby beispielsweise hungrig (oder gar gelangweilt!) und meldete sich außerhalb der fest reglementierten Essenszeiten um 6, 10, 14, 16 und 20 Uhr, sollte kein Pardon gegeben werden:

**************************
„Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch (…). Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.”
Johanna Haarer, Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind
**************************

Johanna Haarer und ihre Folgen


Das Baby als innerer Feind, dessen tyrannischen Bedürfnisse permanent niedergerungen werden müssen?

Die Schlachten, die zwischen Mutter und Kind geschlagen werden sollten, waren ebenso menschenverachtend wie die gesamte Menschenbild der NS-Ideologie.
Sie kannten nur einen Verlierer: das Kind. Elementare kindliche Gefühlsregungen – Lachen, Lautsein, Weinen oder Zorn – waren nicht erwünscht.

Das Schlagen von Kindern galt als Ultima Ratio, sollte der „kleine Haustyrann“ den Ermahnungen seiner freundlichen, aber distanzierten Mutter nicht wunschgemäß Folge leisten. Frei nach dem Motto: „Schläge haben noch keinem Kind geschadet“.

Vom Erscheinungsjahr 1934 bis zum Kriegsende wurden 700 000 Exemplare der „Haarer-Bibel“ verkauft und eifrig gelesen. Doch auch nach dem Ende des „Dritten Reiches“ war der Spuk noch lange nicht vorbei.

1949 kam das Buch unter dem entnazifizierten Titel „Die Mutter und ihr erstes Kind“ wieder auf den Markt und blieb dort bis ins Jahr 1987. Inhaltlich war es von Ausführungen zum Thema „Rassenhygiene“ und vom nationalsozialistischen Pathos entrümpelt worden, doch die “pädagogischen” Empfehlungen zur Erziehung mit “harter Hand” blieben.

Experten gehen heute davon aus, dass „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ eine der folgenschwersten Buchveröffentlichungen des Dritten Reiches war.

Viele der Empfehlungen Haarers stehen entwicklungspsychologischen Erkenntnissen, die schon lange bekannt sind, völlig entgegen und sind darauf angelegt, ein Kind in seiner Bindungs- und Liebesfähigkeit zu brechen, sich selbst als „nicht wichtig“ wahrzunehmen und auf emotionsloses „Funktionieren“ zu trimmen.

Heute kann nur spekuliert werden, wie viele Kinder in den Abgrund „zwischen Drill und Misshandlung“ geführt worden sind.

Vermutlich viel zu viele.

**************************

Den vollständigen Artikel mit allen Darstellungen und weiterführenden Leseempfehlungen ist in meinem Blog Generationengespräch zum Nachlesen: Zwischen Drill und Misshandlung: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de 2018

Die Agentur für Bildbiographien veröffentlicht seit 2012 hochwertige Bildbände und Chroniken über Familien- und Unternehmensgeschichten und bietet zusätzlich einen Ghostwriting-Service für Unternehmen und Privatpersonen an. Weitere Informationen auf unserer Homepage www.bildbiographien.de

Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren