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Mein innerer Feind - Wenn Zwänge das Leben bestimmen

Mein innerer Feind - Wenn Zwänge das Leben bestimmen

21.08.2016, 15:41 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Wir alle sind in irgendeiner Weise vom Gesellschaftszwang betroffen. Es ist auch nicht tragisch, wenn wir im Restaurant vor der Bestellung kontrollieren, ob wir Geld dabei haben. Zwang wird erst zur Krankheit, wenn wir unter den Zwängen leiden und medizinische, bzw. psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen müssen.

Menschen, die unter Zwangshandlungen oder Zwangsgedanken leiden, wissen, dass diese Zwänge unsinnig sind, sie können ihre Zwänge aber nicht abstellen. Zwangskranke sind nicht mehr Herr ihrer Handlungen, bzw. ihrer Gedanken. Da will jemand nachschauen, ob sein Auto noch in Ordnung ist und kommt sich dabei merkwürdig vor. Sie fühlen sich leer wie ein willenloser Automat oder wie Marionetten, die unter der Kontrolle ihres Zwanges stehen.

Ständige Selbstüberwachung


Menschen mit einer Zwangsstörung befinden sich im ständigen Alarmzustand. »Wenn ich die Seife nicht richtig zurücklege, geht heute alles schief«. Dieser Alarmzustand, man könne alle liebgewonnen Menschen mit HIV anstecken, wenn ich dieses oder jenes mache usw, führt zu permanentem Selbstzweifel und vermindertem Selbstvertrauen. Diese ständige Selbstüberwachung, »habe ich einen sadistischen Impuls gespürt, als ich dieses Messer angeschaut habe?«, führt zu einer Spirale der Angst, man könne durch ein Fehlverhalten eine Katastrophe herbeiführen.

Zwangskranke leben in einer Welt voller Gefahren und voller Widerwärtigem. Jedenfalls glauben sie das. Und wie furchtbar müssen Zwangsgedanken sein, wenn jemand ständig im Kreise denken muss, »vielleicht habe ich beim Einparken ein Kind überfahren«. Das jemand ständig die Dachziegeln eines Hauses zählen muss, erscheint dagegen harmlos, obwohl solch ein Zwang schon schlimm genug ist. Kontrollzwänge, Berührungsvermeidungszwänge, Waschzwänge und Zwangsgedanken. Das ist die Palette der Variationen. Waschzwänge treten oft mit Angst auf, die sich bis zur Panik steigern kann, beziehungsweise Ekel, »ich bin so dreckig, dass mich niemand anschaut«. Diese Zwänge können bis zur Verzweiflung führen.

Ich weiß nicht, ab welchem Maß des Leidens der Zwangsgestörte seine Krankheit erkennt und sich Hilfe sucht. Erfahrungsgemäß dauert es zu lange, auch aus dem Grund, weil der Kranke versucht seine Symptome zu verheimlichen. Hilfe wird oft aufgesucht, wenn neben den Zwängen noch einen andere psychische Störung hinzukommt, z.B. eine Depresssion, was häufig vorkommt oder Personen, die unmittelbar in das Zwangssystem der Patienten einbezogen sind, machen nicht mehr mit und verweigern jede Kooperation. Wenn sich Kranke von der Außenwelt zurückziehen und nicht mehr das Haus verlassen, wird es höchste Zeit, dass nahestehende Menschen nach fremder Hilfe suchen.

"Wenn ich das Haus verlasse, explodiert der Fernseher oder es kommen Einbrecher also gehe ich nicht mehr aus dem Haus."

Egal bei welcher psychischen Krankheit oder Störung ein totaler Rückzug erfolgt, ein Rückzug von der Welt gilt immer als Alarmsignal für Außenstehende. Ohne professionelle Hilfe kommt der Patient aus seiner Zwangslage nicht mehr hinaus.

Zwangsstörungen weisen immer eine gleichbleibende Struktur auf.

Erstens die Bedrohungsseite

bestehend aus Gedanken, Befürchtungen und Impulse, die eine angebliche Gefahr für die betroffenen signalisieren.

Zweitens die Abwehrseite

Der Zwang schreibt vor, eine angebliche Gefahr abzuwenden oder zu neutralisieren. Diese Abwehrmaßnahmen geht über das normale Maß von Vorsichtsmaßnahmen hinaus. So verlässt die Frau, die einen Ekel vor schmuddeligen Gestalten hat, nur noch mit Schutzkleidung das Haus.

Es gibt Menschen mit Zwangsstörungen, die einen ganz normalen Arbeitsalltag führen können, aber wenn dann abends um 21.00 Uhr die Zwänge hervortreten, Kontrollieren von Glühbirnen, Wasserhähnen oder anderem, dann ist das ein Problem und vergeudete Zeit. Wenn Zwänge im Berufsleben in bestimmten Situationen zu Tage treten, z.B: das Absenden einer E-Mail zu Kontrollzwängen führt, so kann das beträchtliche Auswirkungen haben, die Arbeit wird nicht fertig und der Mitarbeiter wird alles daran setzen, damit seiner Kollegen nichts von seinem Tick mitbekommen.

Das Problem von Kontrollzwängen besteht in einem „Unvollständigkeitsgefühl“. Das ist ein Gefühl, nicht ganz da zu sein. Den Wasserhahn, denn man mehrmals auf und zudreht, sieht der Zwangsgestörte dann oft verschwommen. Das bewusste Erleben einer Handlung ist nicht vorhanden, darum diese Handlung oft wiederholt werden muss.

Können Menschen mit einer Zwangsstörung geheilt werden?

In der Psychotherapie hat sich das Verfahren der Verhaltenstherapie bewährt, von Fall zu Fall evtl. auch mit begleitender medikamentösen Therapie. Auch Selbsthilfegruppen von Betroffenen oder von Angehörigen kann eine Hilfe sein. Es gibt Übungen, wie man sich selbst helfen kann, allerdings schafft man dies nur ohne einen Therapeuten, wenn die Störung noch nicht allzu weit fortgeschritten ist und die Motivation, es mit den Zwängen aufzunehmen, muss eben auch sehr stark vorhanden sein.

Eine Verhaltenstherapie bringt nur etwas, wenn der Klient dazu bereit ist. D.h., in einer Verhaltenstherapie sollte sich der Klient nicht mehr als ein Meister des Verbergens und des Verheimlichens präsentieren, sondern im Gegenteil. In der Psychotherapie wird der Klient mit den Objekten konfrontiert, die eine Angst in ihm auslösen. Den inneren Feind, die Zwänge, soll der Klient erkennen, er soll sich mit ihnen auseinandersetzen und schließlich, nach langer Übung auch überlisten.

Dieser Beitrag ist kein Heilungsrezept. Betroffene beraten sich bitte bei ihrem Facharzt.

Weiterführende Literatur:

Nicolas Hoffmann / Birgit Hofmann: Wenn Zwänge das Leben einengen, Springer Verlag, Berlin-Heidelberg, 2013

4 Kommentare

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Da bin ich, wenn es klappt, dabei.
Ich leide seit fast 9 Jahren unter Kontrollzwängen und Ängsten, es hat mich damals die Gesundheit, dann den Job und schließlich die Beziehung gekostet.
Mit sehr viel Kraft habe ich es geschafft, heute wieder ein halbwegs normales Leben führen zu könnenn, wenn auch noch immer mit gewissen Einschränkungen.
  • 21.08.2016, 16:08 Uhr
  • 4
Danke Radolf für deine Offenheit.
  • 21.08.2016, 16:31 Uhr
  • 2
Gerne.
Ich gehe mit dieser Erkrankung so offen um weil ich gemerkt habe, wie viele Menschen unter ähnlichen Problemen leiden. Und es ist gut sich gegenseitig zu helfen
  • 21.08.2016, 16:34 Uhr
  • 4
Radolf, Hochachtung und eine virtuelle Umarmung.
Seit Jahrzehnten sage ich: "In den ersten zehn Jahren werden Kinder durch Unwissenheit und falsch erlernten Eigenwertigkeiten verdorben und dann haben sie10 bis 70 Jahre daran zu arbeiten, oder zu verdrängen, bis es "uns" "UMHAUT,. unausweichlich!!??
  • 22.08.2016, 19:58 Uhr
  • 1
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